Geschrieben am 1. November 2023 von für Crimemag, CrimeMag November 2023

Markus Pohlmeyer staunt im Film „The Creator“

 – Eine Skizze

„The Creator“ (Der Schöpfer)? Als Theologe, der ich auch manchmal bin, musste ich bei diesem Titel den Film einfach nicht nicht sehen. Ab ins Kino. Siehe da, nach einem konventionellen Beginn sehr viele Überraschungen. So bedarf beispielsweise der Titel am Ende gewiss einer Korrektur, denn ER müsste SIE heißen: die Schöpferin (lat. creatrix oder im Film nirmata)! Und grundsätzlich gilt: Nichts ist hier, wie es scheint. Zunächst wirkt „The Creator“ wie eine hemmungslose Zitatensammlung; da gab es etwas von TerminatorStar Wars (Die US-Army besitzt natürlich eine Art Todesstern – wer sonst?), Rogue One (kaum verwunderlich, denn Gareth Edwards ist der Regisseur), Blade Runner, Elysium, 2001 usw. Also, wenn Sie zum neuen ‚Todesstern‘ wollen: Mit der Rakete Richtung Mond, aber bitte vorher links abbiegen!

Zudem findet sich kein konsequentes lineares Erzählen (Das ist spannend!), denn Rückblenden müssen wie Puzzle-Stücke zusammengesetzt werden – nicht nur wir im Kino-Saal haben das zu leisten, sondern vor allem die Figuren selbst. (Schwieriges Wort, ich benutze es trotzdem …) Deren Identitäten erweisen sich als hochgradig multipel und fluid. Niemand ist, was er/sie/es scheint. Deshalb immer wieder die Mahnung ‚echter‘ Menschen, sich nicht von den (Roboter)Simulationen täuschen zu lassen, das wären ja nur Programmierungen. Als Kontrapunkt dagegen jener ständig variierte Wunsch der Cyborgs/KIs nach Freiheit. Wie nebenbei – viel Wichtiges in diesem Film wird nur wie nebenbei erzählt – berichtet Maya (Heldin und Frau des Helden) von einer Maschinen-Mutter, dass diese sich freiwillig abgeschaltet habe, weil sie ohne ihr getötetes Kind nicht hätte leben können. Ist das noch Programmierung? Oder, eine KI opfert sich bewusst, damit eine Familie gerettet werde. Ist das noch Programmierung? Auch tritt ein KI-Prediger auf, der visionär vor Kindern um Freiheit wirbt. Ist das noch Programmierung? Wäre das auch eine Anspielung auf verschiedene Formen der Sklaverei?

Zu den religiösen Motiven: Das messianische Kind – ein Cyborg/Mädchen. Seine Mutter Maya (= Sanskrit: der Schein, die Illusion usw.) hat es mit Hilfe von Scans nach ihrem (und Joshuas) eigenen Embryo konstruiert und mit neuer KI-Technologie vereinigt: denn es möge alle Kriege beenden, vor allem den zwischen dem Westen (KI-feindlich nach einer Atombomben-Explosion, die im Grunde aber Menschen verursacht haben, und nicht die vermeintlichen KI-Sündenböcke) und Neu-Asien, das eine symbiotische Lebensweise mit den KIs entwickelt und favorisiert. Es geht nicht um aktuelle KI-Entwicklungsprobleme. KIs sind im Film (voraus)gesetzt, mittlerweile als Teil zukünftiger Lebenswelten und als eine neue Stufe der Evolution. Sie wirken und handeln oft menschlicher als die Menschen. Und sie füllen archetypische Rollen aus, die sie von den Menschen übernehmen: z.B. Elternschaft. Da gibt auch es eine hinduistische Totenverbrennung, doch die Leiche ist: eine Maschine. Haben diese KIs Gefühl, Bewusstsein, Konzepte von Religion und Jenseits? 

Buddhistische Mönche treten auf: es sind Cyborgs …, welche die schwerverletzte Maya aus Ehrfurcht eben nicht abschalten können. Dies wird ihr Mann Joshua tun, der sie vor Jahren in einem Undercover-Einsatz über seine wahren Motive betrogen hatte. (Die US-Army wollte nämlich und will noch immer den unbekannten KI-Designer Nirmata töten.) Joshua durchläuft eine Bekehrung. Und als er Mayas, die Nirmata ist, lebenserhaltende Geräte ausschaltet, um sie zu erlösen, da geht der Film emotional über alle Grenzen hinweg. Der verlorene Vater findet die vom Westen gefürchtete Superwaffe, die … ‚nur‘ ein junges Mädchen ist; er wird sie Alfie nennen (nach dem ersten Buchstaben des griechischen Alphabets?). Und irgendwie, aber irgendwie anders scheint sie seine Tochter zu sein; er wird sie lieben, sich sogar für sie opfern.

Ein wichtiges (Leit)Motiv bildet der Himmel. Alfie und Joshua: er komme nicht in den Himmel, weil er ein böser Mensch sei, sie nicht, denn sie sei eine Maschine. Und am Ende finden auch eine Heilige Hochzeit (Hierogamos) und Wiederauferstehungsszene statt: der todgeweihte Joshua und die schon tote Maya treffen sich wieder (wenn auch nur für einen kurzen Augenblick) – im ‚Himmel‘, zwischen Erde und Weltall, nämlich auf der untergehenden Kampfstation NOMAD (nach Nomade?). Titanic und Johannes-Evangelium in Kurzfassung?  

Der Westen kennt nur eine Reaktion auf KI-freundliche Länder: militärische Gewalt und Auslöschung. Optisch gelungen und zugleich bedrückend, wie NOMAD die Ziele anvisiert – einem unerreichbaren, unberührbaren Raubvogel gleich, der alles mit seinen Lasern visuell berühren kann und dann aus der Distanz heraus tötet.  Die Vertreter(innen) des Militärs reagieren auf die neuen Lebensformen – aus Angst vor Verdrängung – mit gnadenloser Vernichtung. Vermutlich das Drama aller herrschenden Klassen und Kasten, nämlich die Unfähigkeit, denken zu können und denken zu wollen, dass Gleichheit aller für sie nur eines, nämlich Abstieg bedeuten würde – statt Gewinn für alle und etwas Neues, Anderes, Befreiendes ermöglichend. Historisch und von ungebrochener Aktualität (?) hier etwas über die Sklaverei in den Südstaaten: Reiche Pflanzer würden „[…] die armen Weißen insgeheim als white trash verachten […]. Und sie profitieren von dem rassistischen Weltbild, das dazu führt, dass selbst ein reicher, freier Schwarzer gesellschaftlich unter dem ärmsten weißen Tagelöhner steht. So kann sich jeder noch so ungebildete und mittellose Weiße gegenüber einem Afroamerikaner wie ein Herr fühlen.“[1]

Der Film präsentiert, jenseits aller Zitate und Konventionen, die Suche nach einem alternativen Modell des Miteinanders – angesichts neuer Formen (technisch-biologischer) Evolution. So fragt eine KI, was denn passieren würde, gewönnen sie, die KIs, den Krieg? Und gibt Joshua diese Antwort „Nichts!“ (Das bedeutet, WIR werden nicht die Menschheit auslöschen!) Der Film bietet außerdem einen phantastischen visuellen Look: die asiatischen Landschaften in Symbiose mit neuen Technologien, einfach Wahnsinn und teilweise zum Schwelgen! Diese Städte! Was für ein (computer-generiertes) worldmaking! Und es gibt blanken Horror. Vor allem in der Brutalität des US-Militärs. Oder, das Gedächtnis von zuvor Getöteten kann beispielweise via CT auf ein anderes (künstliches) Gehirn übertragen werden. Der Wiederauferweckte sieht dann seine eigene Leiche … Aber eben genau diese Technologie wird es ermöglichen, dass Mayas kopierter Körper, sich vereinigend mit der originalen Maya-‚Seele‘ (gespeichert in einem USB-Stick), wieder auferstehen kann. Dies war nur ein kleiner Hinweis, wie komplex der Film Narrationen bildet, entwickelt, ambig entfaltet; ständig werden Signifikate/Semantiken verschoben, obwohl die Signifikanten oder (sozial gesprochen) die vordergründigen Rollen(muster) erhalten bleiben. KI-Techniken führen zu einem nie dagewesenen shift – in jeder erdenklichen Hinsicht.

Am Ende wird trotz aller Trauer und Trümmer ein befreiendes Lächeln des messianischen Kindes stehen. Denn seine menschlichen Eltern haben sie geschaffen und sich für sie geopfert, um ihr eine andere Zukunft zu schenken. Und wie nebenbei … Joshua mit Alfie auf der Flucht, im Radio (so weit ich mich erinnern kann) bringt ein Sprecher ein kurzes Zitat, ohne jeglichen Kontext: darum werde sie Männin genannt. Seltsam – oder? Springen wir zurück zu Adams Reaktion, als Gott eine Frau gebaut hat (Gen 2): „Das endlich ist Bein von meinem Bein / und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; / denn vom Mann ist sie genommen.“

Das lässt sich nur vom hebräischen Original her verstehen: „Durch die gezielte Nebeneinanderstellung von isch = Mann und ischscha = Frau (V.23: ‚Sie wird ischscha = Männin/Frau genannt werden, denn vom isch = Mann ist sie genommen‘) soll nicht die Abhängigkeit, sondern die Zusammengehörigkeit von Mann und Frau betont werden.“[2] Maya – nun in der Rolle Gottes als Schöpferin – baut aus ihrem ungeborenen Baby (das sie später tragisch verlieren sollte) einen neuen Menschen: Fleisch von ihrem Fleisch … und haucht ihr auch ein: ‚Geist‘ (= KI-Technologie). „Gott erschuf den Menschen als sein Bild […].“ (Gen 1, 27). Maya erschuf Alfie als ihr (und Joshuas?) Abbild. Vielleicht wirkt dieses Kind deshalb – trotz aller Fremdartigkeit – so menschlich? Sie weint und lacht. Echter Mensch und echte KI zugleich.

„Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.“[3]

Wer ist „dein“? Goethes Prometheus revoltiert gegen Zeus, Maya gegen den alten homo necans[4].

Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Essays und Gedichte bei uns hier.


[1] M. Wolff, in: GEO Epoche Nr. 60: Der Amerikanische Bürgerkrieg, 52. Siehe dazu auch The 1619 Project, hg. v. N. Hannah-Jones u.a., ONE WORLD NEW YORK 2021.

[2] Die Bibel. Einheitsübersetzung. Kommentierte Studienausgabe. Stuttgarter Altes Testament, Bd. 1, hg. v. C. Dohmen, 2. Aufl., Stuttgart 2018, 11-13. Daraus auch die anderen Gen-Zitate.

[3] J. W. Goethe: Prometheus, in: Ders.: Werke, Bd. 1, Gedichte und Epen I, hg. v. E. Trunz, München 1988, 46.

[4] Nach einem Buchtitel von W. Burkert. Latein.: der tötende Mensch – anstelle von sapiens.

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