Am 9. Juni 2025 verstarb 86-jährig der Bestseller-Autor und politische Kolumnist Frederick Forsyth. – Ein Nachruf von Lutz Göllner
Biafra wurde er nie wieder los.
Frederick Forsyths journalistischer Einsatz in diesem nigerianischen Bürgerkrieg fand sein Echo in einem seiner berühmtesten Romane, „Die Hunde des Krieges“ (1974), in der kühlen Reportage „Biafra Story“ (1969), in „Emeka“ (1982, nie auf Deutsch erschienen) porträtierte er den Offizier und Politiker Chukwuemeka Oduwegmu Ojukwu und auch in seiner sehr lesenswerten Autobiografie „Outsider“ (2015) beschreibt er diesen Konflikt – und damit seinen innerlichen Wandel vom gemäßigten Konservativen zum radikalen Reaktionär – ausführlich.
Geboren wurde Frederick McCarthy Forsyth am 25. August 1938 in Ashford in der Grafschaft Kent. 1956 trat er der Royal Air Force bei und avancierte zum jüngsten Jagd-Piloten, tauschte die Karriere jedoch schnell für eine Stelle bei Reuters, später bei der BBC ein. Da er fließend Französisch und Deutsch sprach, versetzte man Forsyth zunächst nach Paris, wo er über die Pläne der Algerischen Befreiungsbewegung den französischen Präsidenten Charles de Gaulles zu ermorden berichtete. Später landete er als Korrespondent in Ost-Berlin, wo er alte und neue Nazis traf, eine Affäre mit der Geliebten des DDR-Volksarmee-Ministers Heinz Hoffmann hatte und auch andere Vertreter des Regimes gut kennen lernte: „Einer der übelsten Typen des Regimes war der Pressesprecher des Politbüros, ein gewisser Kurt Blecha. (…) Aber ich wusste ein paar Dinge über Meister Blecha. Zum einen seinen Geburtstag und zum anderen, dass er in den Dreißigern ein glühendes Mitglied der NSDAP gewesen war. (…) Zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag schickte ich ihm eine anonyme Glückwunschkarte ins Büro. (…) Ihm wurde alles Gute gewünscht, mit seiner NSDAP-Mitgliednummer in großen Ziffern und der Unterschrift ‚Deine alten und treuen Kameraden‘.“ Spaß muss sein!
Forsyths Beliebtheit als Korrespondent in Berlin hielt sich in deutlich übersehbaren Grenzen. Zumal er auch recht schnell in den – begründeten – Verdacht geriet, kleine, unbezahlte Aufträge für westliche Geheimdienste zu übernehmen.
Doch es war der Einsatz als Journalist im nigerianischen Bürgerkrieg, der Forsyths politische Tektonik für immer verschob. Die Republik Biafra hatte sich von Nigeria abgetrennt und die zerschlugen diese Sezessionsbewegung mit äußerster Härte: Der Kampf kostete um die 100.000 Soldaten das Leben, viel schlimmer jedoch waren die zivilen Auswirkungen. Nigerianische Truppen errichteten eine Blockade, die auch Lebensmittel einbezog. Zwischen 500.000 und zwei Millionen – genau lässt sich diese Zahl nicht eruieren – verhungerten elendig, die Bilder von sterbenden Kindern mit vor Hunger aufgeblähten Bäuchen gingen um die Welt.
Forsyth, inzwischen als freier Journalist unterwegs, war empört, vor allen Dingen von der Haltung der BBC – der Vietnamkrieg war ihnen wichtiger – und der Reaktion der westlichen Staaten, allen voran der britischen Labour-Regierung unter Harold Wilson. Deren politische Agenda bestand darin Nigeria ungeteilt in die Unabhängigkeit zu entlassen. In „Outsider“ schildert Forsyth die Begegnung mit einer hungernden Kriegswaise und ihrem Bruder, die ihn um Nahrung anbetteln. „Törichterweise versuchte ich zu erklären. Es tut mir leid, wirklich leid, aber ich habe nichts zu essen. (…) Langsam sank ihre ausgestreckte Hand herab. Sie beschimpfte mich nicht, sie brüllte nicht. Sie nickte nur in stillem Verständnis. (…) Ich sah ihnen nach, bis sie unter den Bäumen verschwanden, setzte mich an den Tisch, legte den Kopf in die Hände und weinte (…).“

Forsyths Karriere als Journalist war an ihr Ende gekommen. Aber irgendwie musste er Geld verdienen, also versuchte er sich in einem neuen Feld, dem Schreiben von Politthrillern. Da half seine Vergangenheit durchaus. In „Der Schakal“ ging es um einen namenlosen Killer, angeheuert von der FNL, der de Gaulle ermorden sollte. Forsyth recherchierte detailliert, wie man sich eine echte falsche Identität zulegt (der Trick mit der Geburtsurkunde eines Toten um einen realen Pass zu bekommen, funktioniert angeblich heute noch), wie man ein Scharfschützengewehr tarnt, wie man seine Spuren verwischt. Sein zweiter Roman, „Die Akte Odessa“, drehte sich um die Fluchtrouten der Nazis nach Südamerika, um die katholische Kirche, die gerne dabei aushalf und um den echten Nazijäger Simon Wiesenthal. Nur zwei Jahre später kam dann „Die Hunde des Krieges“, die grimmige, zähnefletschende Erzählung eines Staatsstreichs in Afrika, durchgeführt von Söldnern im Auftrag eines europäischen Industriellen.
Diese drei Romane waren der furiose Auftakt von Forsyths Schriftstellerleben, geschrieben in einer kratzigen, an Kolportageromanen und Illustriertenjournalismus geschulten Sprache. Keine bildungsbürgerlichen Satzungetüme, wie sie bei John le Carré üblich waren, keine feinziselierte Ironie, wie sie der heute leider nahezu vergessene Len Deighton etabliert hatte. Forsyth sprang dem Leser mitten ins Gesicht. Und so blieb es leider auch.
Sicher, in seinen Kurzgeschichten – gesammelt in den Bänden „In Irland gibt es keine Schlangen“, „McReadys Doppelspiel“ und „Der Veteran“ – schlug Forsyth auch mal andere Töne an, erzählte – ganz ähnlich wie Roald Dahl – zielgenau auf eine meistens ziemlich gute Pointe zu. Und seine Geschichten übers Fliegen offenbarten, neben der Obsession für Afrika, noch eine andere seiner großen Leidenschaften. Aber all seine Romane zwischen 1979 und 2018 ähnelten sich doch stark: rasante und gut recherchierte Unterhaltungsliteratur, voller technischer Details und mit etwas eindimensionalen Helden, immer dicht an den aktuellen Schlagzeilen (Jugoslawien, Irak, Afghanistan). Bücher, die man gerne im Urlaub am Strand las und anschließend im Hotelzimmer vergaß.
Über reine Auftragsarbeiten wie „Das Phantom von Manhattan“ decken wie lieber den Mantel des gnädigen Schweigens. Nicht schweigen kann man über seine Kommentare in Zeitungen und Zeitschriften („Spiegel“, „Focus“, „Junge Freiheit“), in denen er sich immer wieder als Fan von Maggie Thatcher, als Befürworter des Brexit, als Gegner der Europäischen Union inszenierte, oft mit abstrusen Begründungen.
Jetzt ist Frederick Forsyth im Alter von 86 Jahren verstorben. Und obwohl er seine Karriere schon vor sechs Jahren als offiziell beendet erklärt hat, folgt im September 2025 ein letztes Buch: Gemeinsam mit seinem Kollegen Tony Kent ist nach 53 Jahren eine Fortsetzung der „Akte Odessa“ angekündigt<. „Revenge of Odessa“, out 21.10.2025, Bantum UK.
Lutz Göllner


















