Geschrieben am 1. November 2023 von für Crimemag, CrimeMag November 2023

Krimigedicht – von Ernst S. Steffen

Ernst S. Steffen: Wenn ich nach Hause komme. Gedichte und Prosa aus dem Gefängnis. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anton Knittel. KrönerEditionKlöpfer, Stuttgart 2023. 120 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, 20 Euro.

Man weiß ja

Verbrecher lügen
Und drücken sich vor Arbeit,
Immer führen sie etwas im Schilde.
Der Kranke ist ein Simulant,
Der Fromme ein Heuchler,
Der Ruhige Opportunist,
Der Laute Querulant.
Es ist schwer,
Verbrecher zu sein,
Wenn man etwas anderes
Sein möchte.
Aber vor allem ist es schwer,
Etwas anderes zu sein,
Wenn man Verbrecher ist.

** **

Notlüge

Abends ist die Zelle voll Sonne,
Wenn ich Hause komme,
Wird man mich fragen, wo ich gewesen sei,
Und ich werde sagen können:
Abends in der Sonne.

** **


In einen Kasten will ich dich legen
Letzten Vergessens
Und mit meinen Tränen zersägen
Und die Unendlichkeit aus Dir zaubern
Und sie mit Dir teilen.

** **

Ich werde von mir getragen
wie ein Anzug.
Ich hoffe,
daß ich nach meiner Entlassung
noch ein Leihhaus für mich finde. 

Auf dem Blechnapf getrommelt

(AM) In den 1970er Jahren galt der Heilbronner Autor Ernst Siegfried Steffen als einer der bekanntesten deutschen „Gefängnisschriftsteller“, auch wenn er die Bezeichnung selbst immer vehement ablehnte. Sein Werk ist schmal: neben dem Gedichtband „Lebenslänglich auf Raten“ (1969) noch die 1971 posthum erschienene „Rattenjagd. Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus“. Schon vor Jahren fand der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer: „Dieser Dichter, seine Geschichte, seine Gedichte dürfen nicht untergehen, sie sind – gewitzt, reflektiert, sarkastisch, verletzt – gleichsam die literarische Gegenwehr eines Verbrechers aus verlorener Kindheit und Jugend… ein später Verwandter Francois Villons?“

Anton Knittel hat nun in der Edition Klöpfer eine erweiterte Ausgabe der Gedichte und einiger Prosastücke neu herausgegeben. Tatsächlich haben Steffens Worte nichts von ihrer lyrischen Kraft verloren. Zeitlebens ein Unbehauster, so Knittel, war Steffens mehr Opfer des Systems als gemeingefährlicher Täter. Sein alkoholabhängiger Vater zertrümmerte ihm im Alter von zwölf Jahren das Gesicht, aus der Heimkarriere wurde eine Odyssee durch Erziehungsanstalten und Gefängnisse, aus Bagatellen wurden Verwahrungen und letztlich Zuchthaus. 

In der Strafanstalt Bruchsal entdeckte der junge Gefängnisassessor Rolf Zelter, Vater des Schriftstellers Joachim Zelter, das Schreibtalent des Häftlings. Im Stuttgarter Theater der Altstadt las Zelter im Januar 1967 dann „unveröffentlichte Lyrik und Prosa von Strafgefangenen“. Den Flyer zur Lesung unter dem Titel „Auf dem Blechnapf getrommelt“ entwarf Steffen selbst, er arbeitete damals in der Druckerei der Strafanstalt. Insgesamt saß er mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Gittern. Jedes Wort bei ihm ist einer unfreundlichen Welt abgetrotzt.

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