Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Krimigedicht – diesmal von Nietzsche

Unter Feinden

von Friedrich Nietzsche

Dort der Galgen, hier die Stricke
und des Henkers roter Bart,
Volk herum und giftge Blicke –
Nichts ist neu dran meiner Art!

Kenne dies aus hundert Gängen,
schreis euch lachend ins Gesicht:
„Unnütz, unnütz, mich zu hängen!
Sterben? Sterben kann ich nicht!“

Bettler ihr! Denn euch zum Neide
ward mir, was ihr – nie erwerbt:
zwar ich leide, zwar ich leide –
aber ihr – ihr sterbt, ihr sterbt!

Auch nach hundert Todesgängen
bin ich Atem, Dunst und Licht –
„Unnütz, unnütz, mich zu hängen!
Sterben? Sterben kann ich nicht!“

(1884)

Das Gedicht „Unter Feinden“ ist zu Nietzsches Lebzeiten nicht erschienen. Es wurde erstmals postum in den historisch-kritischen Werkausgaben veröffentlicht. Der Text basiert auf den ersten beiden Strophen des früheren Entwurfs „Yorick als Zigeuner“.

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