Mediales Cross-over, von Leinwand und Fernsehen ins Kinderzimmer
»Walt Disney’s Children’s Classics 1937–1953«, besprochen von Alf Mayer

Es gibt einen kleinen Disclaimer über dem Impressum zu diesem Buch: »The opinions expressed by this book’s authors do not necessarily represent the views of The Walt Disney Company. This includes negative depictions and mistreatment of people or cultures. These stereotypes were wrong then and are wrong now. Rather than remove this content, we want to acknowledge ist harmful impact, learn from it, and spark conversation to create a more inclusive future together…«
Wir sind im Reich der Kinderbücher. Historischer sogar. Einst millionenfach ans junge Publikum gebracht, heute – wo es keine ‹Mohrenapotheke› oder ähnliches mehr geben darf – nur mit Distanzierung von möglicherweise Anstößigem möglich. Verstehen wir also die Neupublikation von »Walt Disney’s Children’s Classics 1937–1953« als dokumentarisches Unterfangen. Als Ausflug in die Medien- und Kulturgeschichte.
Das ist dieser üppig und großzügig illustrierte Band tatsächlich, wenn auch manches daran heute ein wenig süßlich wirken mag. Das in einer englischen Ausgabe vorliegende Buch versammelt zehn Kinderbuchklassiker aus der vermutlich erfolgreichsten Kinderbuchserie der Welt, den »Little Golden Books«. Die wurden 1942 bis 1958 von Simon & Schuster verlegt, in Folge dann alleine von Western Publishing, von Anfang an mit ihrer Druckerei in Wisconsin mit dabei. Heute gehört die Reihe Penguin Random House.
Herausgeber Kenneth Shue, seit 1995 bei der Walt Disney Company und als Vizepräsident Global Art and Design Development für weltweiten Content zuständig, bekam 1999 aus den Nachrichten mit, dass Golden Books Family Entertainment Insolvenz angemeldet hatte und die Druckerei in Rancine, Wisconsin, die jahrzehntelang die »Little Golden Books« gedruckt hatte, geschlossen werden würde. Ein Blick in die in den frühen 1940ern geschlossenen Lizenzverträge zwischen Disney und Western Publishing machte es ratsam und möglich, alle damaligen Druck- und Artwork-Unterlagen ins Disney-Archiv heimzuholen. Es war eine überraschend große Menge an »assets«, darunter ein Großteil der damaligen Originale.
Der informative Einleitungstext stammt von Charles Solomon, einem ausgewiesenen Animationsfilm-Kenner und Historiker mit bereits 17 Büchern im Köcher. Sein»Once Upon a Dream: From Perrault’s Sleeping Beauty to Disney’s Maleficent and Enchanted Drawings: The History of Animation« war das erste Filmbuch, das für den National Book Critics Circle Award nominiert wurde. Er beschreibt uns das Medienumfeld und die künstlerische Atmosphäre der Cross-Over-Reihe, die aus Disneyfiguren und Disneyfilmen erfolgreiche Kinderzimmerbücher machte. Seite 27 seines Vorworts zeigt auf einem Foto aus dem Jahr 1960 die kleine Caroline Kennedy, das Little Golden Book »I Can Fly« mit Cover Art von Mary Blair auf dem Schoß, neben ihrer Mutter Jacqueline.
1992, zum 50-jährigen Jubiläum der Reihe, wurde stolz verkündet, dass die verkaufte Auflage aller bisher erschienenen Little Golden Books eineinhalb Milliarden betrage, in Ziffern: 1.500.000.000. Ursprungsidee war es Anfangs der 1940er Jahre gewesen, billigere und gleichzeitig haltbarere Kinderbücher auf den Markt zu bringen als die handelsüblichen, die zwischen 2 und 3 Dollar kosteten. Jedes Buch sollte 42 Seiten haben, 28 davon zweifarbig und 14 Seiten vierfarbig gedruckt, preiswert mit Rückendraht geheftet. Zuerst war ein Verkaufspreis von 50 Cent avisiert; indem man die Erstauflage von 25.000 auf 50.000 verdoppelte, konnte man auf 25 Cent heruntergehen (was heute etwa 5,00 US Dollar entspricht). Die ersten zwölf Titel wurden im September 1942 in Wisconsin gedruckt und kamen im Oktober in den Handel. Innerhalb von fünf Monaten waren 1,5 Millionen Little Golden Books verkauft, dies trotz Papierknappheit wegen der Kriegszeiten. Eine neue Kinderbuchreihe war etabliert.
Über die Jahrzehnte wurde (und blieb) das für die »Häuser« vieler Figuren der Populärkultur interessant und lukrativ. Disney war dabei nur einer von vielen Lizenzgebern. (Dazu gleich mehr.) Little Golden Books gab es für die Looney Tunes, The Muppets, Sesame Street, Woody Woodpecker, Super Mario, Sonic the Hedgehog, Barbie, Power Rangers, Star Trek, Star Wars, Doctor Who, Thomas the Tank Engine und andere. Besonders beliebt waren Film- und Fernsehfiguren wie Hopalong Cassidy, Cheyenne, Lassie, Rin Tin Tin, Captain Kangaroo, Mister Rogers oder Donny und Marie Osmond. Gelegentlich gab es sogar Biografien, etwa für The Beatles, Bee Gees, Betty White, Dolly Parton und Ruth Bader Ginsburg. 2023 stellte die Biografie von Taylor Swift einen neuen Rekord innerhalb der Little Golden Books auf – als der Titel, der sich am schnellsten verkaufte: eine Million Bücher in sieben Monaten. – »Everything I Need To Know I Learned From a Little Golden Book« hieß 2013 eine liebevolle Hommage an die Reihe.
Die erste Disney Golden Books waren »Through the Picture Frame« und »The Cold-Blooded Penguin«. Das Studio war mit Aufträgen für die US-Armee durch die Kriegszeiten gekommen, schien in den neuen Friedenszeiten aber dem Publikum entfremdet, war durch Projekte verschuldet. Da kam die Finanzspritze aus den Lizenzeinnahmen mit den Little Golden Books gerade richtig. 1946 gab es an die 275.000 Dollar Tantiemen, das blieb auch das nächste Jahrzehnt so. Der Zusammenarbeit wurde auch von Walt Disney große Aufmerksamkeit zu Teil, die Qualitätsansprüche waren hoch, Autor Charles Solomon lässt hinter die Kulissen des »Character Model Department« schauen und hat auch ein Auge für die stilistischen Innovationen, die mit der Kooperation einhergingen. Bemerkenswert für die damalige Zeit: die Führungsrolle von Frauen in diesem Bereich. Der Anhang enthält acht Künstlerinnen- und Künstlerbiografien: von Mary Blair, Al Dempster, Campbell Grant, John Hench, Dick Kelsey, Tom Oreb, Retta Scott Worcester und Mel Shaw.
Der vorliegende Band restauriert mit den Illustrationen von damals und mit viel Begleitmaterial die Disney-Stories Snow White and the Seven Dwarfs, Pinocchio, Dumbo, Bambi, Peter and the Wolf, Once Upon a Wintertime, The Adventures of Mr. Toad, Cinderella, Alice in Wonderland, Peter Pan. Goldenes Lesebändchen inklusive.
Alf Mayer
Walt Disney’s Children’s Classics 1937–1953. Englische Ausgabe. Herausgegeben von Kenneth Shue, Einleitung von Charles Solomon. Verlag Taschen, Köln 2025. Format 20.5 x 25.6 cm, Gewicht 1,58 kg. 376 pages, 40 Euro.







































