Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Joachim Feldmann zum »Abschied von den Boomern«

Generationenporträt mit Fehlfarben

Zum ersten Mal hörte ich das Stück im „Kakaobunker“. Die spärlich eingerichtete Kantine im Keller des Fürstenberghauses der Uni Münster wurde regelmäßig von studentischen Gruppen für Diskoabende genutzt. Diesmal war der Marxistische Studentenbund Spartakus, kurz MSB, der Veranstalter. Die Tanzfläche war voll und viele sangen mit: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.“ Der Rest des Textes war schlecht zu verstehen. Hätten sie genau zuhören können, wäre den historisch-materialistisch inspirierten jungen Menschen der apokalyptische Sarkasmus des Refrains sicher aufgefallen. Von Geschichtsoptimismus keine Spur.

„Ein Jahr (Es geht voran)“ ist das zweite Stück auf der B-Seite von „Monarchie und Alltag“, einer 1980 veröffentlichten Langspielplatte der Düsseldorfer Band Fehlfarben. Als Single erreichte es immerhin Platz 22 der deutschen Charts. Die LP, ein „Referenzwerk“ deutschsprachiger Punkmusik (Wikipedia), wurde zum Longseller, 2001 gab es für 250.000 verkaufte Exemplare eine Goldene Schallplatte.

Dass der Soziologe Heinz Bude den Fehlfarben-Text in seinem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Generationsporträt „Abschied von den Boomern“ zitiert, ist also folgerichtig. Dass er sich dabei auf eine fehlerhafte Internet-Quelle („Das geht voran“ statt „Es geht voran“) verlässt, anstatt sich das Stück anzuhören, mag an seinem Alter liegen. Heinz Bude ist Jahrgang 1954 und gehört damit, genau genommen, noch nicht zu der von ihm beschriebenen Generation, deren erste Angehörige ein Jahr später auf die Welt kommen. Im Oktober 1980, als „Monarchie und Alltag“ erschien, war er mit 26 vielleicht schon zu erwachsen für deutschen Punk. Aber das ist natürlich Spekulation.

Signifikant ist die einleitende Anekdote aus einem anderen Grund, illustriert sie doch trefflich das Problem, Generationen auf einen Nenner zu bringen, vor allem wenn sie, wie Bude es formuliert, „kein übertriebenes Wir-Gefühl“ pflegen. Zu heterogen waren die Jugendkulturen. Auch zu den Feten des MSB Spartakus kamen viele, die mit dessen Politik nichts im Sinn hatten. Wer damals zum Fehlfarben-Punk getanzt und gesungen hat, weiß wahrscheinlich niemand mehr genau. Ziemlich sicher ist allerdings, dass sie nicht mit dem Publikum der Vorstadtdiskotheken, wo Boney M. aufgelegt wurde, identisch waren. Schließlich spielt die Provinz in Budes Generationenporträt nur eine marginale Rolle. Dörfer und Kleinstädte sind Orte, die man verlässt – vor allem in Richtung Berlin. Auch die nicht-akademische Jugend gerät kaum ins Blickfeld des Soziologen, zu dominant unter den Boomern sind die Profiteure der Bildungsexpansion seit den sechziger Jahren.

Das war schon 1985 so, als Georg Heinzen und Uwe Koch in ihrem vielgelesenen Buch „Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden“ die nach 1955 Geborenen als eine Generation porträtierten, die „in der Geschichte der Bundesrepublik keine Spuren hinterlassen hat“.  Budes Urteil, fast 40 Jahre später, fällt positiver aus, nicht nur, weil er auch die spezifischen Bedingungen in der DDR mit einbezieht. Boomer, so heißt es gegen Ende seines flott formulierten Buches, wollten „keine Wahrheit verwalten, sondern Wirkungen ausprobieren“.

Das liest man gerne, mag es aber nicht vorbehaltlos glauben. Dafür sind wir Boomer dann doch zu skeptisch.

Joachim Feldmann

Heinz Bude: Abschied von den Boomern. Hanser Verlag, München 2024. 144 Seiten, 22 Euro.

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