Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Joachim Feldmann: Colin Niel »Darwyne«

Jenseits der menschlichen Rationalität

Das größte zusammenhängende Waldgebiet der Europäischen Union liegt nicht in Europa. Französisch-Guayana, eine Region von der Größe Österreichs an der südamerikanischen Atlantikküste, besteht zu 90 % aus tropischen Regenwäldern, ist als Überseedépartment ein integraler Bestandteil der französischen Republik und als solcher ein hochattraktives Einwanderungsziel. Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben kommen aus Brasilien, Surinam oder Haiti. Manche werden von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben, aber die Mehrheit bleibt. Slumbildung ist eine der Folgen. In einer solchen Armensiedlung am Rande des Amazonasgebiets wohnt auch Yolanda Massily mit ihrem 10-jährigen Sohn Darwyne. Ihre erwachsene Tochter ist bereits ausgezogen. Vor zehn Jahren ist Yolanda, damals hochschwanger, als Flüchtling ins Land gekommen. Inzwischen hat sie eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung und bestreitet ihren Lebensunterhalt, indem sie Waren aus der Stadt zu erhöhten Preisen an ihre Nachbarn verkauft. Außerdem betreibt sie einen mobilen Imbiss mit selbstgekochten Speisen.

Yolanda ist selbstbewusst, tatkräftig und klug. Darwyne liebt seine Mutter heiß und innig. Dass er sie nicht mit irgendwelchen Stiefvätern teilen mag, versteht man. Zumal in ihrer notdürftigen Behausung gerade mal Platz für zwei ist. Nun ist Jhonson eingezogen, ein breitschultriger illegaler Immigrant, der von Gelegenheitsarbeiten lebt. Jhonson ist Liebhaber Nr. 8. Seine sieben Vorgänger sind spurlos verschwunden. Warum, weiß vielleicht nur Darwyne. Aber der schweigt. Überhaupt ist der Junge mit den verwachsenen Füßen ein seltsames Kind. Stundenlang kann er an Knochen- oder Holzstücken herumschnitzen. In die Schule geht er nur widerwillig. Richtig zuhause scheint er sich nur im Wald zu fühlen. Darwyne ist aber auch ein misshandeltes Kind, denn Yolanda kann die bedingungslose Liebe ihres Sohnes nicht erwidern. Dass sie ihn beharrlich als „kleines Opossum“ anspricht, ist kein Zeichen von Zärtlichkeit. Und es bleibt nicht bei Worten.

Darwyne ist eine zentrale Figur in dem neuen, nach ihm betitelten Roman des Schriftstellers und Ökologen Colin Niel, der selbst mehrere Jahre in den Wäldern Französisch-Guayanas gearbeitet hat. Der Name lässt sich als Reverenz an den berühmten Naturforscher und Begründer der Evolutionstheorie lesen, schließlich verfügt Darwyne trotz seines jungen Alters über enzyklopädische Kenntnisse des Regenwalds und seiner tierischen Bewohner. Doch es kommt ihm nicht in den Sinn, sie zu teilen. Und wie er sie erworben hat, bleibt im Dunkeln. Auch die Sozialarbeiterin Mathurine von der Kinderschutzbehörde, die aufgrund eines anonymen Hinweises Kontakt zu der Familie aufnimmt, ist zunächst ratlos. Erst als sie mit Darwyne im Wald ist, ahnt sie, dass es sich um einen ganz außergewöhnlichen Fall handelt, der sich menschlicher Rationalität entzieht. Denn die undurchdringliche Wildnis spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Roman, dessen Gehalt mit der Genrebezeichnung „Thriller“ nur unzureichend erfasst wird. Colin Niel versteht es, den Regenwald als lebendiges Wesen zu schildern, mit dem Darwyne in jenem symbiotischen Verhältnis steht, dass seine Mutter ihm verweigert. Dass Jhonson sich mit nutzlosen Rodungsversuchen an der Grundstücksgrenze abquält, spricht für sich. Und dass die ganze Elendssiedlung letztlich einem durch ein Unwetter verursachten Erdrutsch zum Opfer fällt, ebenso.

„Darwyne“ beeindruckt als gelungene Synthese aus ungeschöntem Realismus und folkloristischer Legende. Wer wissen möchte, was den Autor zu seinem an Grundfragen der menschlichen Existenz rührenden Roman inspiriert hat, sollte die Danksagung am Ende lesen. Und anschließend das weltweite Netz nach dem „sagenumwobenen, zauberhaften Waldgeschöpf“ befragen, das den Ureinwohnern des Amazonas in Guayana als „Maskilili“ und in Brasilien als „Curupira“ bekannt ist.

Colin Niel: Darwyne (2022). Aus dem Französischen von Anne Thomas. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp, Berlin 2024. Klappenbroschur, 300 Seiten, 18 Euro.

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