Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

Die gnadenlosen Erzählungen von Fleur Jaeggy

Ingrid Mylo zum Erzählband „Ich bin der Bruder von XX“ von Fleur Jaeggy

Wenn das Leben ein Albtraum ist, wie Fleur Jaeggy den Ich-Erzähler in „Ich bin der Bruder von XX“, der ersten (und titelgebenden) dieser zwanzig unbarmherzigen Geschichten sagen läßt: wundert es da, daß schon ein achtjähriges Kind den Wunsch hat zu sterben, wenn es mal groß ist? Wundern die vielen Tode in diesem Buch, die Morde, Selbstmordversuche: ein mit Schlaflosigkeit kämpfender Mann stürzt sich an einem Frühlingstag von jenem Felsen, auf dem ihm Jahre zuvor seine Mutter die Angst vor der Tiefe austreiben wollte. Ein alter „Hagestolz“ erinnnert sich, in jungen Jahren den Wildhüter getötet zu haben, nachdem der versucht hatte, ihn vor den Verletzungen seiner toten Brüder zu beschützen. Eine Zehnjährige ohne festen Wohnsitz sieht berauscht zu, wie ihre Wohltäterin in der Wohnung verbrennt: „Ist dir warm, Madame?“, fragt sie die Sterbende, die ihr alles vermacht hat. Das Mädchen von der Straße will das Erbe nicht haben.

Es gibt eine Freiheit, die im Verweigern liegt, darin, auszuschlagen, was die Gesellschaft zu offerieren hat. Ein Spielverderber zu sein und gegen die Enge und Kälte des Bürgertums die eigenen Instinke geltend zu machen: und sich so vor bürgerlichen Vorurteilen und Verlogenheiten zu schützen. In „Die seligen Jahre der Züchtigung“, Jaeggys neu herausgegebener Novelle von 1989, schreibt sie, man habe die Wahl, entweder zum Verbrecher, „oder aber, durch Abnutzung, zum Spießbürger“ zu werden. Da ist es nur folgerichtig, wenn eine von Jaeggys Figuren das Böse als „die beste Form, die das Gute annehmen kann“ betrachtet. Der Preis dafür ist das alles durchdringende Gefühl der Einsamkeit: und wenn Jaeggy „einsam“ sagt, sagt sie es deutlich und oft, mitunter fünfmal auf einer einzigen Seite. Das sitzt.

Man kommt nicht umhin, an die Zeilen zu denken, mit denen Wilhelm Müllers „Winterreise“ beginnt: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“. Dieses Fremdsein ist noch eines der häufig fallenden Worte, andere sind: Stimmen, Begräbnisse, Blumen, Leere, Uhren, Feuer (ja, es brennt oft), Stille, Schmerz, Schatten, das Nichts („Und das Nichts nannte sich Gottheit“), Glückseligkeit. Überhaupt: Glück. Nur hat das bei ihr ganz und gar nichts Erstrebenswertes, es ist „schneidend wie eine glühende Klinge“, wie es in „Die Angst vor dem Himmel“, einem anderen, jetzt neuaufgelegten Erzählband von 1994, heißt. Auch die Deutschen kommen bei Jaeggy schlecht weg: sie haben die Lager gebaut. Von ihnen ist in „Namen“ die Rede: der Kurzführer von Birkenau, steht da, verkünde, daß man „vom Turm einen ausgezeichneten Panoramablick auf das größere Vernichtungslager“ habe.

Jaeggy sieht, was ist: und daß es nicht gut ist. Durch die bloße Art ihrer Benennung lehnt sie, was sie benennt, vehement ab. Schon ihre Wahrnehmung ist Protest. Sie bansprucht für sich das Recht, nicht „einverstanden mit der Welt“ zu sein: in der letzten Erzählung, „F. K.“, in der eine als schizophren Diagnostizierte die gleichen Initialen wie Franz Kafka trägt, gipfeln die behördlichen Maßnahmen darin, diese Unangepaßte fügsam zu machen, ihr eben dieses Einverständnis aufzuzwingen. Und ihr damit das Leben zu nehmen. Selbst die Bilder, die Jaeggy benutzt, die Vergleiche, die sie zieht, haben etwas Gnadenloses, Unumstößliches: sie sind weitere Tatsachen, Mauern, auf die man stößt, statt Möglichkeiten, in andere Dimensionen zu entkommen.

Bleiben die Blicke. Und Blicke ereignen sich häufig, Blicke aus Fenstern, auf Gemälde, in die Ferne, Blicke woanders hin, auch in die Augen einer Schildkröte im Garten oder in die eines zum Essen bestimmten Fisches im Aquarium eines Restaurants, Hauptsache: weg von einem Hier, das einem die Luft zum Atmen nimmt. Mit dem Blick hinaus ist, wer an „materielle Dinge“ wie Körper nicht glaubt, von der Bildfläche verschwunden. Oder der Griff zum Absurden: das Surreale als Akt der Befreiung aus dem von der Logik Festgelegten: dann wirft ein hölzerner Engel eine Münze (eine Münze zudem, die auf beiden Seiten die Zahl trägt: ein himmlischer Betrug am Schicksal). Dann erkennt sich eine Fünfjährige in den Augen einer gefundenen Puppe wieder, die vielleicht eine Alraune ist. Oder ihre tote Zwillingsschwester, von der sie nichts weiß.  Dann erträgt es ein Mann körperlich nicht, daß seine Frau die Hinterlassenschaften seiner toten Mutter berührt: also sperrt er sie in einen Käfig. Daß er nicht viele Worte benötigt, „um zu sagen, was er zu sagen hat“, schreibt Jaeggy über diesen Mann: das gilt in hohem Maß für sie.

Ihre Sätze sind hart und metallisch wie Nägel aus Stahl, mit denen sie alle und alles ans Kreuz schlägt. Und eins ist bestechend klar: an Auferstehung glaubt sie nicht.

Ingrid Mylo

Fleur Jaeggy: Ich bin der Bruder von XX. Erzählungen aus dem Italienischen von Barbara Schaden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 115 Seiten, 22 Euro.

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