Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

HP Eggenberger zu Don Winslows letztem Roman

Wie wäre es mit einem Wahl-Thriller, Mister Winslow?

Don Winslow verabschiedet sich mit „City in Ruins“

„Die Welle zieht sich zurück, nimmt die Asche mit sich. Danny Ryan ist zu Hause.“ Mit diesen Sätzen beendet Don Winslow den Roman „City in Ruins“, den letzten Teil der Trilogie um den irischen Mobster Danny Ryan aus Rhode Island. Und er beendet damit seine Karriere als Schriftsteller. Der US-amerikanische Bestsellerautor, der im Oktober 2023 siebzigjährig geworden ist, will sich nun ganz der Politik widmen: Er setzt seinen Ruf und auch Ressourcen dafür ein, die erneute Wahl von Donald Trump ins Weiße Haus zu verhindern.

Winslow versteht sich selbst als Unterhaltungsschriftsteller. Dennoch wurden seine Romane mit der Zeit immer politischer. Vor allem die Reihe um die mexikanischen Drogenkartelle und den gescheiterten War on drugs, den „Krieg gegen Drogen“ der USA, die mit „Tage der Toten“ (2010; „The Power of the Dog“, 2005) virtuos begann und zehn Jahre später mit „Das Kartell“ (2015; „The Cartel“, 2015) eine Fortsetzung fand, gipfelte mit „Jahre des Jägers“ (2019; „The Border“, 2019) in einem leidenschaftlichen Pamphlet gegen die amerikanische Drogenpolitik in Form eines Thrillers.

Winslow, 1953 in New York City geboren und an der Küste von Rhode Island aufgewachsen, hatte an der University of Nebraska afrikanische Geschichte studiert und unter anderem als Privatdetektiv sowie als Safarileiter in Kenia und China gearbeitet. Seine Schriftstellerkarriere startete er Anfang der Neunzigerjahre mit der fünf Bände umfassenden witzig-schrägen Serie um den privaten Ermittler Neal Carey. Zu seinen rund zwei Dutzend Romanen gehören auch Perlen wie die Gangsterstorys „Die Auferstehung des Bobby Z.“ (1997; „The Life an Death of Bobby Z, 1997; 2007 von John Herzfeld verfilmt als „Kill Bobby Z“) und „Frankie Machine“ (2009; „The Winter of Frankie Machine“, 2006), die brillanten Surfer-Krimis „Pacific Private“ (2009; „The Dawn Patrol“, 2008) und „Pacific Paradise“ (2010; „The Gentlemen’s Hour“, 2009) sowie die Drogen-Thriller „Zeit des Zorns“ (2011; „Savages“, 2010; 2012 verfilmt von Oliver Stone) und „Kings of Cool“ (2012; „The Kings of Cool“, 2012).

Es gab dann auch vier Bücher von Winslow, die nur auf Deutsch erschienen und regelmäßige Winslow-Leser:innen irritierten: Die Geschichten waren zwar gekonnt-routiniert erzählt, lagen inhaltlich aber weit, teils sehr weit, unter seinem gewohnten Niveau. Man bekam den Eindruck, dass er den Ruf deutscher Verlage nach mehr Stoff mit Manuskripten aus dem Papierkorb beantwortete – die Bücher sind auf Englisch gar nie erschienen.

Mit dem in den drei Bänden insgesamt fast 1200 Seiten starken Epos um den Gangster Danny Ryan setzt Don Winslow einen würdigen Schlusspunkt unter seine Tätigkeit als Krimiautor. Wie viele seiner Werke lebt auch „City in Ruins“ von scharfsichtigen Schilderungen der amerikanischen Realität. Konkret geht es im dritten Band der furios erzählten Gangstergeschichte um Danny Ryan –neben dem allgegenwärtigen organisierten Verbrechen – um Las Vegas. Anhand von Ryan, der nach seinem Abstecher nach Hollywood (im zweiten Band „City of Dreams“) nun in der Spielerstadt groß ins Casinogeschäft einsteigt, zeigt Winslow, wie Mafiakreise nach und nach in legale Geschäfte investieren. Wie Las Vegas vordergründig vom organisierten Verbrechen „befreit“ wurde, während im Hintergrund alte Mobster zu angeblich seriösen Unternehmern wurden.

Das geht so lange gut, bis alte Konflikte aufbrechen. Und nicht nur Ganoven noch alte Rechnungen offen haben, die sie beglichen haben wollen, sondern auch eine alte FBI-Agentin, die mit all ihren juristischen Bemühungen, gegen Danny Ryan vorzugehen, gescheitert ist. Danny hatte ihren Freund, einen korrupten FBI-Beamten, der die Mafia in Rhodes Island abzuzocken versuchte, getötet (im ersten Band „City on Fire“). Verwertbare Beweise gibt es zwar nicht, und da Danny den Bundesbehörden einen großen Gefallen getan hat, werden Ermittlungen von oben abgeklemmt. Da sie aber Rache will, scheut die Agentin auch erpresserische Mittel nicht, um Konkurrenten und andere Gegner auf Danny zu hetzen.

„City in Ruins“ ist ein echter Winslow im besten Sinn: virtuos geplottet, ausgezeichnet erzählt, gewürzt mit reichlich Action und Witz, angereichert mit nicht nur frei erfundenen wirtschaftlichen und auch politischen Begebenheiten. Ganz einfach: ausgezeichnete intelligente Unterhaltung. Und da bedauern wir schon ein bisschen, dass damit nun Schluss sein soll. Winslows Einsatz gegen Trump ist ja verdienstvoll. Und nützt hoffentlich auch. Doch wenn das dann einmal, wie wir hoffen, geschafft ist, könnte er vielleicht die Erfahrungen aus dem Wahlkampf in einem Thriller verarbeiten. Siebzig ist heutzutage kein Alter, in dem man sich total ins Rentnerleben zurückziehen muss, schon gar nicht als Schriftsteller.

Don Winslow: City of Ruins (City in Ruins, 2024). Aus dem Englischen von Conny Lösch. HarperCollins, Hamburg 2024. 447 Seiten, 24 Euro.

– Auf seiner Website krimikritik.com bespricht Hanspeter Eggenberger regelmäßig Kriminalromane.

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