Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

HP Eggenberger sieht viel Fleisch an »Lebowskis Knochen«

Der Mörder ist hier nicht der Gärtner

»Der Mörder ist immer der Gärtner / Und der schlägt erbarmungslos zu«, heißt es im Refrain des Songs mit dem der deutsche Liedermacher vor mehr als fünfzig Jahren Erfolge feierte. Der Liedtext macht sich lustig über Stereotypen der Kriminalliteratur von Autoren wie Agatha Christie, Georges Simenon und Edgar Wallace. Der Mord im Landhaus, bei dem schon mal der Gärtner seine Finger im Spiel hat, lebt heute weiter im boomenden Subgenre, dessen paradoxe Bezeichnung Cosy Crime schon darauf hinweist, wie wirklichkeitsfremd die entsprechenden Geschichten sind.

Von Gärtnern und Morden erzählt auch der Franzose Vincent Maillard, und sogar ein Hund spielt eine nicht unwichtige Rolle dabei, doch cosy ist in seinem Kriminalroman »Lebowskis Knochen« nichts. Es ist eine scharfsichtige, gleichzeitig ätzende und zuweilen fast satirische Darstellung der französischen Klassengesellschaft, die jedoch nicht theoretisch daherkommt, sondern in einen schlau konstruierten und originellen Plot gepackt ist, der spannend und unterhaltsam ist.

Jim Carlos ist studierter Bauingenieur, aber er arbeitet als Gärtner. Auf dem Anwesen der Loubets – er eine Fernsehgröße, dessen Haarschnitt »irgendwo zwischen Linienflugpilot und Literaturpapst« changiert, sie aus altem Adel stammende Wirtschaftsprofessorin – soll er einen Gemüsegarten anlegen. »Die ›Ökowelle‹ hatte Prés Poleux voll erwischt. Schluss mit dem ›hochherrschaftlichen Garten alter Façon‹, Schluss mit dem militärisch kurz getrimmten Rasen, den in Form geschnittenen Hecken«, notierte Jim in einem blauen Schreibheft. »Das alles, so verstand ich, wirkte heutzutage altmodisch, da musste etwas ungezähmte Natur hineingebracht werden, aber bitte kontrolliert. Das erinnerte mich an teure Designerklamotten mit Pseudo-Grunge-Touch, oder an die Bürgersöhnchen am Lycée Sainte-Marie-des-Vertus, die es irgendwann schick fanden, den wesh-wesh-Akzent der Jungs aus den Vorstädten zu imitieren. Man tat ein bisschen so als ob, aber eben nur ein bisschen, das war der kleine, aber feine Unterschied. Darin war die Bourgeoisie schon immer groß gewesen: Man imitierte die Lebenskraft der anderen, um sie besser unterdrücken zu können.«

Obwohl die Loubet-Tochter angeblich eine Hundephobie hat, bringt Jim seinen Hund zur Arbeit mit, er muss aber angebunden bleiben. Den Hund nannte er ursprünglich Dumby. »Aber dann hat er sich nach und nach in ein dickes, träges, blondes Etwas verwandelt, lag ständig schlapp in der Gegend herum, so wie Jeff Bridges in dem Film der Coen-Brüder, also fand ich es witzig, ihm den Spitznamen Lebowski zu verpassen, und irgendwann habe ich ihn nur noch so genannt.« Der gelangweilte Lebowski buddelt im Garten einen Knochen aus. Ein Pathologe, den Jim kennt, identifiziert Lebowskis Fund als menschlichen Oberschenkelknochen. Jim fragt sich, was wohl aus der zweiten Loubet-Tochter geworden ist, die nicht zugegen ist und von der die Familie auch nie spricht. Und später fragt er sich auch, wo sein alter Freund, der früher für die Loubets gegärtnert hat, aber seit Monaten verschwunden ist, stecken mag.

Das blaue Schreibheft von Jim Carlos liegt vor Untersuchungsrichterin Carole Tomasi liest die Aufzeichnungen im blauen Schreibheft von Jim Carlos. Denn Jim ist verschwunden, und sie versucht den Fall zu klären. Bei Durchsuchungen bei den Loubets wird in einem versteckten Kellerverlies ein zweites Heft mit Aufzeichnungen und Gedanken des Gärtners gefunden, die die Loubets stark belasten. Im Keller werden zudem DNA-Spuren von Jim und auch vom früheren Gärtner gefunden. Leichen oder weitere Knochen werden aber nicht gefunden. Es kommt zu einem Indizienprozess gegen die Loubets, bevor die Geschichte noch eine überraschende Wende nimmt.

»Lebowskis Knochen« sorgt nicht nur mit seinem außergewöhnlichen Plot und der raffinierten Struktur – einerseits die Aufzeichnungen von Jim Carlos, anderseits die Sicht der Untersuchungsrichterin, und am Ende noch ein drittes, kurzes Heft des Gärtners – für intelligenten Lesespaß. Maillard, der viele Jahre als Reporter fürs Fernsehen gearbeitet hat und auch Drehbuchautor ist, hat in die Niederschriften Jims jede Menge witzige Beobachtungen und Reflexionen über die französische Kultur und Gesellschaft, über die Dekadenz der Reichen und ihren Umgang mit ihresgleichen und mit den unteren Klassen gepackt. Hinter der »scheinbar perfekten Selbstinszenierung« der Loubets sieht Jim den Wahnsinn lauern: »Da konnte die von wildem Wein wie von einem blutroten Seidenschal eingerahmte Fassade noch so makellos sein, die kiesbedeckten Alleen noch so penibel geharkt – ein Anblick, der bei mir im Übrigen die Assoziation an einen monomanischen Psychopathen weckte, der seine Haare immer wieder zwanghaft nach vorne kämmt.«

Sicher ist, dass hier nicht wie bei Reinhard Mey und den von ihm auf die Schippe genommenen Autorinnen und Autoren der Gärtner der Mörder ist. Aber ist er wirklich zum Opfer des Wahnsinns der Familie Loubet geworden?

Vincent Maillard: Lebowskis Knochen (L’os de Lebowski, 2021). Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2024. 221 Seiten, 18 Euro. – Auf seiner Website krimikritik.com bespricht Hanspeter Eggenberger regelmäßig Kriminalromane.

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