Graham Greene: Der stille Amerikaner (The Quiet American, 1955). Neu übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Zsolnay Verlag, Wien 2013. 256 Seiten, Hardcover, 22 Euro. – Deutsche Erstauflage 1956, ebenfalls bei Zsolnay. Deutsch von Walter Puchwein und Käthe Springer. 1955 neu von Dietlind Kaiser.
Es gibt zwei Verfilmungen:
Vier Pfeifen Opium (Originaltitel: The Quiet American), USA 1958. Regie Joseph L. Mankiewicz mit Audie Murphy, Michael Redgrave und der 19-jährigen Italienerin Giorgia Moll in den Hauptrollen. Drehbuch: Joseph L. Mankiewicz,
Edward Lansdale. In Cinecitta, Rom, und teilweise in Vietnam gedreht.
Der stille Amerikaner (The Quiet American), 2002, Regie: Philip Noyce, Drehbuch: Christopher Hampton, Robert Schenkkan. Der Film entstand Anfang 2001 als internationale Koproduktion „on location“ in Vietnam und Australien. Die Premiere wurde aber aufgrund der Terroranschläge am 11. September 2001 verschoben und fand schließlich am 6. September 2002 auf dem Toronto International Film Festival statt. Der deutsche Kinostart folgte am 22. Mai 2003. Der Film gilt als Flop.
Der Büchermann Gerhard Beckmann betreute während seiner Zeit bei Zsyolnay auch die Werkausgabe von Graham Greene. „Der stille Amerikaner“ erschien auf Deutsch erstmals 1956 – also vor 70 Jahren. Für eine Neuausgabe und Neuübersetzung schrieb Beckmann vor etwas mehr als 20 Jahren ein Vorwort, das wir Ihnen hier zugänglich machen.
Vorbemerkung von Gerhard Beckmann
Die Rolle des US-Airforce Colonels Edward Lansdale bei der Verfilmung des Romans durch den Regisseur Mankiewicz ist von speziellem Interesse. Ich habe sie deswegen nach meinem Zsolnay-Essay von 2004 weiter verfolgt, meinen neuesten Informationen nach sieht es so aus:
Mankiewicz hat die Verfilmung mit dem Pentagon abgesprochen, wahrscheinlich auf Iniative des Produzenten, und offenbar zusammen mit dem Drehbuchautor Lansdale, der zugleich ein höherer CIA-Offizier gewesen ist. Dies ist auf dem Hintergrund des McCarthyism zu sehen. Greenes Roman hatte in den USA eine sehr kritische Rezeption, er wurde weitgehend als kommunistische Propagandaliteratur bewertet, der Autor als Kommunist eingestuft – er ist bis an sein Lebensende von den USA geheimdienstlich beschattet worden. Ohne vorherige Absicherungen musste Hollywood beim Filmrelease also mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen.
Zu dem Zeitpunkt war allerdings wohl schon deutlich, dass McCarthy mit dem US-Militär in Konflikt geraten würde. Dass die Absicherungsgespräche mit dem Pentagon erfolgten, war folglich logisch wie pragmatisch richtig, zumal das Pentagon selbst ein Interesse daran haben musste – vor allem wegen der Figur des Alden Pyle, des „stillen“ Amerikaners.
Bei den Credits für den Film wird dann Edward Lansdale als Berater des Regisseurs angeführt. Ich nehme an, dass Lansdale auch den beliebten Western-Schauspieler Eddie Murphy für die Rolle des Pyle angeraten hat – vor allem, weil er vom Zweiten Weltkrieg her als hochdekorierter Veteran und Nationalheld berühmt war. Die auf diese Weise betriebene Umdeutung des Pyle, entgegen den Intentionen des Roman-Originals, war natürlich offenkundig und eklatant. Um sie für die Filmkritik und das Publikum, aber wohl auch das Committee for Anti-American Activities glaubhaft zu machen, musste nicht nur die Glaubwürdigkeit des Romans, sondern auch sein Autor unglaubwürdig gemacht werden.
Daraus erhellt sich für mich die immer wieder kolportierte Behauptung, Lansdale sei für Greene die Vorlage für Pyle gewesen – Lansdale hat als Militär einen ausgezeichneten Ruf gehabt, ergo die naheliegende Unterstellung, Greene habe die Romanfigur aus Propagandagründen manipuliert und verfälscht. Die Nennung Lansdales in den Filmcredits diente also einem doppelten Zweck, indem sie den Vorwurf „unsauberer“ bewusst anti-amerikanikscher Arbeit des englischen Autors und Star-Reporters Greene begründen half. (Ein lustiges Apercu: die jüngste Online-Darstellung der Sache, mit KI, gibt Lansdale als Pyle-Vorbild an.)
Graham Greene hat das laut und deutlich als falsch bestritten, mit dem Hinweis, dass Lansdale für ihn als Vorlage undenkbar gewesen sein musste, weil er gar nicht das amerikanische Militär hätte angreifen wollen, ihm sei es um die Enthüllung eines falschen amerikanischen Idealismus und heuchlerischen außenpolitischen Handelns gegangen. Irgendjemand hat übrigens darauf hingewiesen, dass Lansdale erst zu einem Zeitpunkt in Vietnam aktiv war als Graham Greene seinen Roman (1954) bereits abgeschlossen hatte.
Greene hat übrigens sein tatsächliches Pyle-Vorbild namentlich bekanntgegeben – einen jungen IUS-Entwicklungshelfer fresh from Harvard. Und er ist der Genauigkeit seiner Beobachntungen und Recherchen wegen anerkannt gewesen. Ein französischer Insider und Sachbuchautor hat gerühmt, wie exakt Graham die französische Seite in Indochina erfasst habe, Peter Scholl-Latour hat in seinem Buch „Tod im Reisfeld“ die Authentizität von Grahams Darstellung der Nordvietnamesen hervorgehoben.
Bosley Crowther schrieb in der New York Times: „Es ist offensichtlich, dass Joseph L. Mankiewicz eine bessere Meinung von der Titelfigur in Graham Greenes „The Quiet American“ hat als der britische Schriftsteller. Wobei Mr. Greene den Burschen zu einem ziemlich aufdringlichen diplomatischen Typ gemacht hat, der sich viel mehr einmischt, als gesund ist. (…) Mr. Mankiewicz … entzieht Mr. Greenes Bericht ziemlich deutlich den Stachel, indem er das antiamerikanische Gift aus seiner ironischen Parabel entfernt. Tatsächlich erlaubt Mr. Mankiewicz, dass es vage bleibt, was schließlich außerhalb der Leinwand passiert, und beschließt sein potenzielles Melodram mit viel moralistischem Geschwätz. Allerdings bekommt er von Audie Murphy eine sehr interessante und mutige Darstellung als Gutmenschen-Amerikaner, und er bringt Michael Redgrave dazu, ziemlich leidenschaftlich und schließlich instabil als Zeitungsmann zu agieren. (…) Szenen, die in den Straßen von Saigon gedreht wurden, haben eine lebhafte dokumentarische Qualität, und tatsächlich hat der ganze Film einen Duft echter Reibung im brodelnden Orient. Es ist fast durchgehend spannend. Er lässt einen am Ende staunen.“
Heute gilt „Der stille Amerikaner“ vor allem als eine prophetische Voraussage des Musters sämtlicher außenpoliktisch militärischer Intenventionen bis zum jüngsten Krieg gegen Iran – nur dass Trump inzwischen die humanitäre Maske fallen gelassen hat. Um das Mullah-Regime politisch zu erpressen, ist er von Anfang an offen als amerikanischer Terrorist gegen die iranische Zivilbevölkerung in Erscheinung getreten.
Graham Greene als politischer Prophet finde ich eine urkomische Vorstellung. Man darf nicht vergessen, dass er im Zweiten Weltkrieg britischer Geheimdienst-Offizier war und aus seinem anhaltenden Engagement für das MI 5 kein Geheimnis machte. Er war, literarisch ausgedrückt, ein Realist – wie die großen russischen Romanautoren des 19. Jahrhunderts bzw. ein Naturalist wie Emilke Zola, den er besonders verehrte. Er verstand sich auf die geheimdienstliche Analyse als Mittel, politische Handlungsmuster zu erkennen.

Neu zu entdecken: Die schier unheimliche Aktualität der Bücher von Graham Greene
Graham Greenes Roman „Der stille Amerikaner“ ist ein Meisterwerk — und einer der einflußreichsten Romane der modernen Weltliteratur. Er hat die kritische Wahrnehmung der USA von außen begründet, verbreitet und nachhaltig geprägt.
Während der l950er und 60er Jahre gehörte er zu den meist-diskutierten und -gelesenen Romanen weltweit. Einmal abgesehen davon, daß der Roman — wie fast alle Bücher dieses Autors, der als Filmkritiker der Londoner Zeitschrift The Spectator frühzeitig ein tiefes Verständnis für die Kunst und Techniken der Cinematographie gewann und sie auf geniale Weise literarisch umzumünzen verstand — einen grandiosen Filmstoff bot, war das auch der Grund, warum Hollywood ihn auf die Leinwand brachte: „Der stille Amerikaner“ versprach ein Kassenschlager zu werden.

Es geschah allerdings auch, um über den Film die Substanz des Romans und seine Wirkung auf die öffentliche Meinung zu entschärfen. Damals war bekanntlich der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt. In den USA betrieb Senator McCarthy eine Hexenjagd auf die sogenannten „un-American activities“, bei der unabhängig denkende Liberale als „vaterlandslose Gesellen“, als „Sympathisanten“ oder gar „Parteigänger des Kommunismus“ verfolgt wurden.
In Greenes Roman sind nun jedoch keinesfalls die nordvietnamesischen Kommunisten „die Bösen“. Unheil bringt, menschlich wie politisch, vielmehr Alden Pyle, eine Personifizierung des positiven Bildes, das Amerikaner von sich hatten (und weithin immer noch haben): ein idealistischer „Entwicklungshelfer“, der das (zu jener Zeit noch kolonialfranzösische) Südvietnam mit allen nur möglichen Mitteln vor einer Invasion des Kommunismus zu retten und mit einer Demokratie nach US-Muster beglücken zu müssen glaubt.
Was hat — sei es, um des Erfolges willen, aus Anpassung an die herrschende Meinung im Lande, sei es, um offizielle Boykott- beziehungsweise Zensurmaßnahmen zu vermeiden oder, wie gelegentlich angedeutet wird, weil der Film womöglich von der CIA (mit)finanziert wurde — der amerikanische Starregisseur Joseph L. Mankiewicz gemacht? Er hat eine wesentliche Perspektive des Romans auf den Kopf gestellt: durch eine symbolische Besetzung der zweiten männlichen Hauptrolle, verbunden mit einer hochpolitischen Handlungsverdrehung zum Schluß.
Der wunderbare Peter Redgrave spielt den weltmüde-weisen, alternden britischen Auslandskorrespondenten und Kriegsberichterstatter Thomas Fowler, der die Kultur des Gastlandes achtet und die militärischen Konflikte zum Ende der Kolonialzeit traurig-gelassen und genau erfaßt — „ich urteile nicht von einem ideologischen Standpunkt aus, ich werde nicht aktiv, ich lasse mich nicht persönlich hineinziehen“. Ihm stellt Mankiewicz — und er macht ihn dadurch sozusagen zu einem bemitleidenswerten Auslaufmodell — mit Audie Murphy (für Pyle) einen amerikanischen Schaupieler als Strahlemann gegenüber, der als höchst- und meistdekorierter US-Frontsoldat im Zweiten Weltkrieg eine nationale Legende und Identifikationsfigur war (und nach wie vor ist: Audie Murphys Geburtstag wurde 1999 in seinem Heimatstaat Texas vom damaligen Gouverneur George W. Bush zum offiziellen Gedenktag erklärt).
Ihn, den Amerikaner, der in Greenes Roman Gutes zu wollen vorgibt und Böses schafft, polt Mankiewicz zu einem positiven Helden um, der nicht etwa, wie bei Greene, infolge einer dubiosen militärischen Intervention im selbstverschuldeten Schlamassel umkommt, sondern einen Heldentod für die über jeden Zweifel erhabene amerikanische Sache stirbt. Mankiewicz funktionierte den Roman zu einem — ästhetisch beachtlichen — Kinoereignis mit US-Propaganda-Effekt um. In konservativen Kreisen wie der mitgliederstarken American Rifle Association gilt er bis heute als Kult.
2002 ist „Der stille Amerikaner“ neu verfilmt worden, von den Miramax-Studios, einem eher liberal orientierten, mit den Demokraten sympathisierenden Tochterunternehmen des Disney-Konzerns, das von den neuen Rechten schon häufig einer anti-amerikanischen Haltung geziehen wurde. Für Miramax hat der australische Regisseur Phillip Noyce den Roman diesmal werkgetreu inszeniert, mit Michael Caine in der Rolle des Thomas Fowler und Brendan Fraser als Pyle. Der Film sollte im Herbst 2002 in die Kinos kommen, wurde aber — trotz hervorragender Kritiken nach den Previews — wegen der von Washington ausgegebenen „Akzeptabilitäts“-Standards für die Medien und der patriotischen Grundstimmung in der Bevölkerung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gestoppt und später — auch das nur aufgrund eines persönlichen Einspruchs von Sir Michael Caine beim Vorstandsvorsitzenden von Miramax — lediglich für eine kleine Gruppe von Kinos in ausgewählten Städten mit stark demokratisch-liberalen Traditionen freigegeben.
Ist „Der stille Amerikaner“ im Kontext des von George W. Bush deklarierten „Krieges gegen den Terrorismus“ eine Gefahr für die politische Moral des Landes gewesen? So hat man es wohl gesehen. Der neue Film stellt, wie Greenes Roman, den selbsternannten Weltverbesserungsidealisten Pyle im heutigen Sinne des Neokonservativen nach den Herzen von Bush Jr. und Donald Rumsfeld dar — doch als Kriegsverbrecher, als einen, der selber Terrorist ist.
Mit dem Gesicht des stets freundlichen „Entwicklungshelfers“ organisiert und munitioniert Pyle im Indochinakrieg, den die Franzosen verlieren, Sprengstoffattentäter und -attentate: Vorkommnisse, die — von der CIA stets bestritten — Greene als Sonderkorrespondent der Londoner Sunday Times zwischen 1951 und 1955 in bereits kommunistisch infiltrierten Gebieten hinter den Frontlinien beobachtet hatte. Im Namen von Freiheit und Demokratie vernichten Amerikaner Dörfer, Städte, Zivilisten. Graham Greene hat als erster die Konsequenz des Vietnamkrieges vorhergesehen. Er hat das Muster militärischer US-Interventionen bis hin zu Afghanistan und zum jüngsten Irak-Krieg, hat ihre moralische und politische Fragwürdigkeit bloßgestellt und publik gemacht. Darin ist sein Roman von 1955 bis auf den gegenwärtigen Tag unübertroffen und hochaktuell.
Auch die Neuverfilmung blendet freilich zwei Aspekte des Romans aus, welche für die gängige political correctness generell, vor allem jedoch für Amerika als inakzeptabel gelten. Denn Graham Greene zeichnet, bei aller Kritik, den alten europäischen Imperialismus zum einen durchaus auch als kulturelle Bereicherung der Kolonien (was er weder für die außenpolitischen Eingriffe der USA noch übrigens für die sowjetischen je gelten läßt). Zweitens schildert er französische Militäraktionen mit einer Detailgenauigkeit als Kriegsverbrechen, als Massaker von Weißen an Einheimischen, wie sie der Film offenbar nicht nachzuvollziehen wagt. Drittens aber stellt er die weißen Kolonialsoldaten als Menschen dar, die ihre grausamen Handlungen in einer Art moralischer Erschöpfung anscheinend ungerührt verüben und doch mit einem Rest von ethischem Grundkonsens registrieren. Graham Greene malt nie schwarzweiß. Er trennt nicht simplifizierend in Gut und Böse. Seine Menschen durchleben selbst politisch und militärisch sanktionierte Extremsituationen und -handlungen mit einem „uneasy conscience“, innerlich verunsichert.
Das alles paßt ehensowenig ins Kreuzzugsdenken der offiziellen USA wie ins Menschenbild heutiger Protestbewegungen und massenmedialer Psychologie. Solch fast einzigartiger, unzeitgemäßer Realismus im Tandem mit einer seltenen politischen Furchtlosigkeit macht, neben hoher literarischer Fertigkeit, verbunden mit einer erzählerischen Spannungsdramatik, für die ihm sein Großonkel Robert Louis Stevenson vorbildhaft war, die Größe und Bedeutung all seiner Werke aus. Die Leser lieben und schätzen ihn dafür bis auf den heutigen Tag. Er zählt zu den bekanntesten Autoren der englischsprachigen Welt; sein Name ist ein Begriff.
Während selbst die größten Schriftsteller nach ihrem Tode vorübergehend verblassen, strahlt sein Stern zumindest dort unvermindert fort, vielleicht sogar heller denn je. Und in den deutschsprachigen Ländern? Auch hier haben seine Romane etwa bis Ende der l960er Jahre hohe Auflagen erzielt. Auch bei uns hat er unter den Kritikern Bewunderer gefunden, etwa von Marcel Reich-Ranicki, Rudolf Walter Leonhardt, Joachim Kaiser und Joachim Fest bis zu Frank Schirrmacher. Doch er fügte sich in keine der gängigen Idealvorstellungen von einem bedeutenden Schriftsteller der Zeit. Den Konservativen war er zu antiamerikanisch, für die Linken antikommunistisch (was zu ihrer Überraschung selbst die US-Geheimdienste feststellten, die ihn über vier Jahrzehnte abhörten und beobachteten. Er untersagte sogar, bis zur Präsidentschaft Gorbatschows, eine Publikation seiner Werke in der Sowjetunion, wegen deren Menschenrechtsverletzungen.) Dem breiten kulturellen Establishment mißfiel seine Distanz zur literarischen Moderne von James Joyce bis Virginia Woolf, deren Avantgarde-Techniken er für sich als irrelevant, weil weltvergessen ablehnte. Man fand seine Romane oft kolportagehaft, bemäkelte sie wohl gar als „Unterhaltungsliteratur“. So ist Hilmar Hoffmann mehrmals in seinem Bemühen gescheitert, ihn mit der Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt auszuzeichnen (wie man ihm auch in Stockholm, trotz Fürsprache von Kollegen wie Saul Bellow, den Nobelpreis verweigerte).
Graham Greene war wohl der politischste Autor seiner Generation — aber nicht „engagiert“. Weil er zum Katholizismus konvertiert war, klassifizierte man ihn — in Handbüchern und Lexika bis in die Gegenwart nachwirkend — zu Unrecht als „katholischen“ Schriftsteller: Es marginalisierte ihn spätestens ab den 1970er Jahren. Er hielt wie kaum ein anderer auf die Wahrung seiner persönlichen Identität, so daß er, der so ungemein öffentliche Schriftsteller, sich hinter widersprüchlichen, zum Teil bewußt irreführenden Aussagen über seine Person versteckte, die dann in unbedenklicher Nutzung oft zu falschen Deutungen seines Schaffens führten. Zu einer großschriftstellerischen „Ikone“ taugte er also ebenfalls wenig. Im übrigen waren etliche der ursprünglichen Übersetzungen ins Deutsche nicht gerade Glücksfälle — ein Schicksal, das er, auf die Dauer mit ähnlich negativen Folgen, etwa mit Saul Bellow, William Faulkner und V. S. Naipaul teilt.
Schließlich entsprach er kaum dem Bild, das man sich hierzulande von einem Engländer der Oberschicht machte. Und obendrein verlor Großbritannien in Deutschland seinen früheren Nimbus als politisch maßgebliche Leitkultur. Es trug zum mangelhaften Verständnis auch der spezifisch englischen Horizonte im Werk Graham Greenes bei. Das gravierendste Moment für die hiesige Fehleinschätzung aber war die von nicht kritischen Literaturkritikern unbesehen übernommene Unterstellung, Graham Creene habe in seinen Romanen ein imaginäres kaputtes Privatuniversum erzeugt: das berüchtigte „Greeneland“ mit seinen schäbigen Kulissen und Charakteren. Eine für die sich bis Mitte der l990er Jahre in ihrem Wohlstand und Bewußtsein der Sicherheit wiegende deutsche Gesellschaft abseitig, belanglos und unsinnig scheinende Lesezumutung. Nur ist sie, wie die erste Verfilmung des „Stillen Amerikaners“, falsch oder zumindest so nicht zutreffend. Anders gesagt: Das Werk ist für deutschsprachige Leser überhaupt neu zu entdecken.
Wie „Der stille Amerikaner“ dank einer emphatisch genauen Beobachtung gegenüber allen im Geschehen beteiligten und verwickelten Parteien, Personen und Umständen eine geradezu prophetische Scharfsichtigkeit für politische Entwicklungen manifestiert, erfassen andere Romane vorausschauend soziale und individuelle Konflikte und Bruchstellen, die sich seit den 1930er Jahren in europäischen Gesellschaften abgezeichnet haben und mit dem Brüchigwerden ihrer Grundstrukturen inzwischen auch Deutschland, Österreich und die Schweiz ergreifen.
Es ist Greenes scharfer Blick für die kleinen Räder im Getriebe, für Randexistenzen und Außenseiter, der solche Veränderungspotentiale zum Drama werden läßt. Dabei spielen in seinem Werk auch Kinder häufig eine perspektivisch wichtige Rolle; und in diesem Zusammenhang sind die Frauengestalten, was selten bemerkt wurde, bei kaum einem anderen männlichen Autor so tief und verständnisvoll gezeichnet. Zum Leben, zur Anschauung bringt er das alles mit einer absolut auf das Wesentliche konzentrierten, umgangsidiomatischen (Kunst-) Sprache, die bebend und vibrierend im Rhythmus der Gegenwart schwingt. Graham Greene, ein unruhiger Geist, den es um die Welt trieb, hat unsere Zeit in gültiger und bewegender Weise in Worte gebannt.
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Die Texte von Gerhard Beckmann bei uns hier.






























