Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Gerhard Beckmann: Aufklärung in Sachen Kriminalroman

„Useful to you all your life“

Das an Titelmenge und Umsatz größte moderne belletristische Genre wird seit fast hundert Jahren fälschlich als  minderwertige Konsum- und Massenware verschrien. Eine qualitative Neubewertung ist überfällig. Der Brite Martin Edwards leistet sie mit einer aufklärend substantiellen Gesamtdarstellung des Kriminalromans. – Der ehemalige Verleger Gerhard Beckmann blickt auf eigene Lektüren zurück und auf eine kleine Geschichte der Schmähungen, Untertitel: Warum mir mit vierzehn Jahren empfohlen wurde, auf Englisch Agatha Christie zu lesen, und warum ihr Detektivroman „Who Killed Roger Ackroyd“ zu einem bedeutenden, lehrreichen Skandalstück der Literaturkritik geworden ist.

Meine ersten Detektivromane habe ich Anfang der 1950er gelesen, weil ich in einem Brief nach Amerika einige merkwürdige Verwicklungen im sozialen Umfeld meiner Pflegeeltern berichtet hatte, über die nicht offen gesprochen wurde. Meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben. Mein Vater, der nicht aus dem Krieg zurück gekehrt war, hatte als technischer Leiter des Hafens in Turku dann eine Finnin lieben gelernt, aber nicht heiraten dürfen, da sie keine einwandfreie arische Herkunft nachzuweisen vermochte. Nach 1945 war Evelyn Hartmann, die also nicht zu meiner zweiten Mutter hatte werden können, in die Vereinigten Staaten emigriert und Kinderärztin im städtischen Gesundheitswesen von Minneapolis geworden. Wir haben auf Englisch miteinander korrespondiert. (Das  Wörterbuch, ein Cassel‘s, das sie mir schenkte, benutze ich heute noch gern.) Und nach dem wohl sehr unbeholfenen, wirren Brief über gefährliche Geheimisse in meiner bundesländlichen Nachbarschaft hatte sie mir auf ihre liebevolle Art empfohlen, Agatha Christie zu lesen.

Es  gehe es ihr nicht mal so sehr darum, dass ich richtig Englisch lerne, erklärte mir damals Evelyn Hartmann: Die Lektüre an sich würde mir guttun – zu sehen, wie eine anständige Person, die das Herz auf dem rechten  Fleck hat, mit ein bisschen Grips und Fantasie ganz für sich allein herauskriegt, was genau passiert ist, wenn plötzlich wo was nicht stimmt und wer wofür verantwortlich ist: damit die böse Sache keine weiteren Kreise ziehen kann. Der springenden Punkt ihres Briefes ist mir bis heute in fester Erinnerung,  wortwörtlich: „Agatha Christie’s novels are not just very clever. And they are not just fun to read. They will introduce you to a marvellous  game which will be useful to you all your life, where ever you might be.“

Die beiden  von ihr besonders empfohlenen Detektivromane sind aus den USA dann bald in meiner Post gewesen: „Who killed Roger Ackroyd“ und „Murder in the Vicarage“. Sie haben mich so fasziniert, dass ich mir am Ende etwa die Hälfte der 66 Romane  Agatha Christies einverleibt habe; die besten, darunter die zwei genannten Titel, mehr als einmal. Und so  bin ich einem passionierten Leser und schließlich sogar zu einem Verleger von (einigen auch berühmten) Kriminal- und Thriller-Autoren geworden.

Auf dem Gymnasium und in der Literaturwissenschaft der 1950er und 60er Jahre ist Agatha Christie „nicht einmal ignoriert worden“, wie die Wiener so etwas fabelhaft überspitzt  genau beschreiben. Bei einem Spaziergang auf dem alten Göttinger Stadtwall – (extra muros, aber in Rufnähe des  Englischen Seminars der Universität, an dem ich studierte) – hat’s mir dann für einen langen Augenblick fast die Sprache verschlagen, als ich das vernichtende Urteil über Agatha Christie in Händen hielt. Ein Kommilitone hatte es aus Semesterferien in den Vereinigten Staaten mitgebracht, ein Oktoberheft der elitären Zeitschrift „The New Yorker“ von 1944 (Ausgabe vom 14.10.), das Christies Verbannung aus der zivilisierten Welt der Bildungsgüter und ernsten Belletristik verkündete. Die Exkommunikation erfolgte von der höchsten Instanz amerikanischer Literaturkritik: von Edmund Wilson. Für ihn war Agatha Christies Schriftstellerei „von einer derart kitschig mangelhaften Qualität und solcher Trivialität, dass sie buchstäblich unlesbar erscheint“.

Der New Yorker vom 14.10.44

Der amerikanische Literaturpapst Edmund Wilson löste bitterbös einen Totalkrieg gegen das Genre des Kriminalromans aus

Dass Edmund Wilson Bücher einer Autorin, die mir persönlich viel bedeutete, geschmacklos und unwichtig fand, durfte mich nicht zu sehr kratzen. Er hatte offensichtlich ja bis dahin das ganze Genre keiner Kommentierung für wert befunden, nicht einmal neuartige „hard-boiled crime“ von Dashiell Hammett und Raymond Chandler – weshalb ihn also ein paar hochbürgerliche und  -gebildete Liebhaber solcher Lesestoffe seine berufliche Verpflichtung  als Kritiker angemahnt hatten. Und einer von diesen Connoisseuren hatte ihm, um sein Interesse am Genre zu wecken, die Lektüre von Agatha Christie empfohlen – wegen ihres speziellen „Reichtums an intelligenten Einfällen zur Lösung von Ermittlungsproblemen“. Edmund Wilson hatte sich dann unter anderem Agatha Christies Novität „Death Comes at the End“ vorgeknöpft und hatte dort, quasi beleg-statistisch, den angeblich findigen Intellekt der der Verfasserin bestätigt gefunden. Nur hatten ihn diese Belege keineswegs beeindruckt. Denn, so schrieb er im „New Yorker“, „solch ein Buch kann man ja eigentlich überhaupt nicht lesen. Man kann es bloß überfliegen, damit man dahinterkommt, wie das Problem gelöst wird. Nur darauf hat die Autorin sich konzentriert, und für diesen Zweck, zur Demonstration ihrer Geschicklichkeit, wird, wie beim billigen Schaubühnen Trick eines Illusionskünstlers, jedes  menschliche Interesse an den Charakteren geopfert. Das Gequassel  drum herum ist pure Langeweile.“ Damals auf dem Göttinger Wall erschien mir auch das noch, für sich genommen, zunächst akzeptabel, als witzige Pointe im Stil einer kabarettistischen  Karikatur der Romangattung.

Dabei  handelte es sich lediglich um einen Ansatz, um einen Einstieg in die Selbstverherrlichung eines Literaturkritikers in der Rolle des Geistes über den Wassern, der sich über die Künstler und über Menschen erhebt, die in Künsten, die alltagsnäher auftreten und, mit unterhaltsamer Spannung als Motivationsschub, Lebenshilfe in schwerer Zeit bieten – was Edmund Wilson nicht zu sehen oder zu  bereit war. Darum setzte er – als Antwort auf Gegenstimmen zu seinem Artikel – im Januar 1945 im „New Yorker“ nach, ohne Agatha Christie diesmal namentlich zu erwähnen, mit einer Überschrift allerdings, die ihr in Form einer Persiflierung eines ihrer berühmtesten Romantitel von hinten in  den Rücken schoss: „Who Cares Who Killed Roger Ackroyd“. Hier nahm er nun die gesamte Gilde  der einschlägigen Autoren und Detektive mit samt der Millionen ihrer lesenden Gefolgschaft scharf aufs Korn.

Edmund Wilson erklärte das Genre – beginnend mit  Conan Doyle und Sherlock Holmes –  zum formatierten Abklatsch der Literatur großer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wie E.A. Poe, Charles Dickens und Honoré de Balzac. Er sah da nur rein kommerzielle Derivate, Kopien, Fälschungen für die neuen Massenmärkte. Sie markierten für ihn kulturellen Niedergang, den Absturz des lesenden Publikums in ein vulgäres Konsumverhalten, in gewohnheitsmäßigen, suchartigen Eskapismus.

Ein derartiges Lesen, so befand er, „ist, ganz einfach, ein Laster, das in seiner Dummheit und relativ geringen Schädlichkeit irgendwie zwischen dem Rauchen und dem Lösen von Kreuzwort-Rätseln rangiert. Drum zeigen solche Leser ja auch unentwegt Schuldgefühle. Sie befinden  sich permanent in der Defensive. Und ihre ewiges Geplärre  über ‚gut geschriebene Kriminalromane‘ ist nichts weiter als ein Deckmantel ihrer Sucht, so wie die Gründe es sind, mit denen ein Alkoholiker immer wieder seine Schwäche für einen ‚Drink’ zu rechtfertigen weiß.“

Der „Genre-Krieg“ von 1944/45 ist zu einem „Kulturkampf“ auf dem Buchmarkt geworden, in dem  ein  prominenter amerikanischer Literaturkritiker und Publizist neuerdings dem zeitgenössischen Kriminalroman qualitativ wiederum alle Meriten abspricht

Es ist nun genau acht Jahrzehnte her, dass diese kategorische Verdammung des Detektivromans erfolgte. Sie hat sich insgesamt längst als Fehlurteil erwiesen. Sie ist dennoch, mehr oder weniger klar erkennbar oder unterschwellig bis heute spürbar. Sie wirkt, partiell, in vielem nach, wenngleich Edmund Wilsons Perspektive in der Totale, zeitbedingt oder einfach idiosynkratisch, heute nicht mehr nachvollziehbar ist. Obwohl faktische Details und Voraussetzungen seiner Behauptungen und literarischen Wertungen mehr als fraglich, fehlerhaft, falsch gewichtet, unvollständig, unzureichend sind. Bei allem Ärgernis sind wir ihm freilich auch zu Dank verpflichtet. Weil er breit gestreute allgemeine Vorurteile mit einem privaten Zusatz von Hass oder Verachtung übersteigerte, so dass sie  sich monumental verewigten. Seine Meinungen haben ja immer wieder notwendige Diskussionen über den Kriminalroman verursacht.

Detektiv- und Kriminalromane sind nämlich schon immer literarisch interessant, kulturell relevant und sozial bedeutsam gewesen. Und das Genre hat in seiner massenhaften Verbreitung wie in seiner künstlerischen und politischen Bedeutung seit dem Zweiten Weltkrieg signifikant zugelegt – in den USA, in  Europa, weltweit, interkulturell. Und wiederum: Trotz alledem ist Edmund Wilsons Grundthese mehr virulent geblieben.

Hier ein eklatantes Beispiel von vor genau zwanzig Jahren, also nur ein Jahrzehnt nach Beginn der revolutionären digitalen Umwälzungen im Verlagswesen und Buchhandel: Da hat Ben Yagoda – ein vielseitig aktiver amerikanischer Schriftsteller, Literaturkritiker, Professor für Journalistik sowie Blogger – legte im Jahr 2004 die bitterbös falsche These Edmund Wilsons  neu auf und stellte sie in einer scheinbar keimfreien, objektiveren Aussageform in noch apodiktischerem Ton prominent erneut in den Raum. In der vielbeachteten Online-Zeitschrift „Salon“ gab Yagoda in einem Rundum-Essay betitel mit „The case of the overrated mystery novel“ zum zeitgenössischen amerikanischen  Kriminalroman das Statement ab, dass der zeitgenössische Kriminalroman „kommerziell vielleicht überleben wird, kreativ und künstlerisch jedoch uninteressant ist.“

Dieser Skandal wurde dann zum Stachel im Lebenswerk eines davon betroffenen prominenten englischen Autors, zumal der auch noch ehrenamtlich als offizieller Sprecher seiner schriftstellerischen Kollegen persönlich in der Sache engagiert ist. Er heißt Martin Edwards. In seiner jüngsten Monographie, seinem dritten Sachbuch zu Genre-Themen, wird der Skandal um Edmund Wilson in einem Kapitel konkret behandelt und diskutiert.

Das Ärgernis schwingt jedoch im Ton des ganzen Buches von der ersten bis zur letzten Seite mit – im Sinne einer allgemeinen Verunsicherung für die Literatur überhaupt, für das Buch in unserer Zeit, für die Gesellschaft, in der Autoren leben und arbeiten, für die Leser, in deren Mitte sie künstlerisch schaffen und mit denen sie nicht nur als Buchkäufer wirtschaftlich existentiell verbunden sind. Es geht hier um zentrale Belange des individuellen, kulturellen, politischen und sozialen Lebens. Solch ein umgreifendes Sachbuch, das darum auch eine persönliche Erzählung ist, hat bisher gefehlt. Aus diesem Grund versuche ich hier auch, es im Zusammenhang mit einer eigenen persönlichen Geschichte vorzustellen und zu empfehlen. Es ist ein Sach- und Kulturbuch der Sonderklasse dar: ein detektivisches Meisterstück, ein spannender Lernprozess, ein hoher Erkenntnisgewinn, ein unterhaltsames Lesevergnügen.

Martin Edwards ist der mehrfach preisgekrönte englische Autor von zwanzig Kriminalromanen und Vorsitzende des Detection Club, der 1930 in London gegründet wurde – die älteste Autorenvereinigung dieser Art. Ihr erster Präsident war G.K. Chesterton. Ihm folgten E.C. Bentley, Dorothy Sayers, Agatha Christie, Julian Symons und H.R.F. Keating. Martin Edwards ist  außerdem – eine eigens für ihn geschaffene Position – Archivar der Crime Writers Association sowie Projektberater für die Reihe Klassiker des Detektivromans der London Library. Aufgrund  seiner bedeutsamen Verdienste um den Kriminalroman ist Martin Edwards mit dem Diamond Dagger der britischen Crime Writers  Association ausgezeichnet worden, eine frühere Monographie mit dem Titel „The Golden Age of Murder“ mit einem Edgar der Mystery Writers of America.

Am Beispiel des Detektiv- und Kriminalromans schildert Martin Edwards die Evolution der modernen Literatur in wechselseitiger Resonanz von Mensch und Umwelt in endlosen Hin- und Herbeer-Bewegungen zwischen Ordnungen und Krisen, Oben und Unten, Gewinn und Verlust, Tod und Geburt, Spiel und Ernst, von Kämpfen und Feiern zwischen Männern und Frauen, Generationen und Nationen, in denen Einzelne und Gemeinschaften unentwegt um Überlebenschancen ringen und unter Lachen und Weinen nach Wegen zu einem richtigen Leben suchen müssen – manchmal sogar in gefährdeter Lebenskunst um der Kunst willen.

Mit einer persönlichen Geschichte um Agatha Christie habe ich diesen Bericht begonnen. Mit einem Zitat von Margaret Atwood möchte ich hier schließen. Ich habe sie in den 1970ern als erster in ein deutsches Verlagsprogramm aufgenommen, und sie hat mit „Bodily Harm“ später einen hervorragenden Spionageroman geschrieben. Margaret Atwood hat die wachsende Durchlässigkeit von E und U einmal damit erklärt, dass die Entscheidung eines Schriftstellers für die eine oder andere Erzählweise damit zu tun hat, in welcher Welt er lebt und zuhause ist. Dass betont literarische Autorinnen und Autoren heute zunehmend Elemente des Krimis und Thrillers verwenden, sagt etwas über die abenteuerliche, gefährliche Natur des zeitgenössischen Daseins aus. Es hat, wie sie sagt, „viel damit zu tun, woraus nach unserem Empfinden die Realität des Lebens besteht. Wenn wir meinen, dass es um das Schmieren von Butterbroten und um Ehekräche geht, wird alles andere zu erzählerischem Eskapismus. Wenn das aktuelle Leben dagegen mehr und mehr  – mit Revolutionen und Schießereien und sofort – Ähnlichkeit mit einem Thriller aufzuweisen beginnt, werden Bücher darüber, wenn sie angemessen  geschrieben werden, als ernsthafte Literatur behandelt.“

Margaret Atwoods Statement ließe sich in einer Umkehrung gewiss auch auf das lesende Publikum beziehen. Und nur um der Würze willen, die in seiner Kürze liegt, möchte ich zum Schluss noch einen Satz Ludwig Wittgensteins zu bedenken geben, auch weil ich ihn in dem klugen Buch von Martin Edwards gefunden habe: „In der besten Kriminal-Literatur ist mehr an Weisheit enthalten als in der Philosophie.“

Gerhard Beckmann

Martin Edwards: The Life of Crime. Detecting the History of Mysteries and their Creators, Collins Crime Club, London 2022. 724 Seiten, GBP 30. – Hier von Martin Edwards herausgegebene Bücher:

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