Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Gerd Conradt: Holger Meins, am 9. November 1974 gestorben

Zwischen den Bildern – Zeit

Das erste Bild ist ein Standbild aus einem Filmdokument. Ein Mann mit nacktem Oberkörper wird im Polizeigriff abgeführt. Er schreit – vor Schmerzen? Die Polizisten blicken teilnahmslos. Im Hintergund sind Garagentore zu sehen.

Das zweite Bild zeigt einen Mann, aufgebahrt in einem weißen Totenhemd. Er ruht. Er trägt einen langen Bart, die Hände sind gefaltet, die Augen liegen tief inihren Höhlen. Im Hintergrund Kerzenständer.

Zwei Bilder auf gleicher Höhe und in gleicher Größe nebeneinander –  gleichzeitig zu sehen – deuten eine Richtung an. Durch die Relation zwischen den Bildern ergibt sich eine neue Gleichzeitigkeit. 

Bei den  Abgebildeten handelt es sich um denselben Mann, Holger Meins. Zwischen den Bildern liegen zwei Jahre.

Wenn ich schreibe, komme ich an einen Punkt, an dem sich das, was ich Denken nenne, mit dem vermischt, was ich fühle, ahne, zu kennen meine – auf einem inneren Bildschirm sehe. Ich erlebe mich als eine Person, die vor einer weißen Wand sitzt, hinter der sie die Antworten auf ihre Fragen vermutet. Ich befinde mich in einem Zustand von Wissen-Nicht-Wissen. Es, ich, die weiße Wand, ein Wechselspiel.

Warum diese beiden Bilder?

Es sind Zeugnisse über einen Menschen aus einer bestimmten Zeit. Sie sind wertvoll bei der Suche nach Verstehen und sie sind auch eine Ware. Es gibt Eigentümer, Menschen, die die Rechte an diesen Bildern besitzen, damit Geschäfte machen.

Sie zeigen, was in zwei Jahren mit einem Menschen geschehen ist. Er wurde verhaftet, zwei Jahre später ist er tot.

Warum befasst du dich noch immer mit Holger Meins, über den du zwei Filme gedreht und ein Buch geschrieben hast?

Holger starb am 9. November 1974 nach achtundfünzig Tagen Hungerstreik  als Mitglied der RAF in der JVA Wittlich – das ereignete sich vor 50 Jahren, an einem Tag, der als  Schicksalstag der Deutschen bezeichnet wird. Ein Tag voller Ereignisse, die den Lauf der jüngeren deutschen Geschichte bestimmt haben. Wendepunkte, Markierungen voller Hoffnung und Verzweiflung. Sieg und Niederlage, Glückseligkeit und Tod.

Ausrufung der ersten Republik, Machtergreifungsversuch Hitlers als Putsch, Reichsprogromnacht. Tod des RAF-Mitglieds Holger Meins, Mauerfall.

In welchem Verhältnis steht der Tod von Holger Meins zur Reichsprogromnacht vom 9.11.1938, in der SS- und SA-Männer jüdisches Eigentum zerstörten, Synagogen niederbrannten und jüdische Menschen ermordeten. Sie taten es in Zivil , um den Eindruck zu erwecken, diese Taten seien der Wille des Volkes.

Nun, diese Ereignisse des 9. November werden als Schicksal angesehen. Wird mit dem Begriff nicht der Eindruck erweckt, man wollte und will sich nicht in aller Konsequenz, dialektisch, mit den Ursachen, Fakten dieser Ereignisse befassen? Oder ist es nur ein PR-Begriff, um über das, was die wahren Hintergründe und Zusammenhänge sind, hinwegzutäuschen? Bei all diesen Ereignissen geht es im Kern um Diktatur und Demokratie, Krieg und Frieden.

Der Begriff Schicksal scheint mir sehr unpassend. Schicksal ist ein Begriff aus der Mystik, er benennt Ereignisse, die von höheren Mächten vorherbestimmt sind oder als Zufälle angesehen werden. Geschichte als Schicksalsschläge. Fatalismus gegen den freien Willen. Gnade, Wahrsagung – alles liegt in Gottes Hand.

Holger Meins hat die Taten der Menschen am 9. November 1938 als das gesehen, was sie waren. Mörder waren am Werk. Sie kamen aus den Eliten und der Mitte der deutschen Gesellschaft. Nach dem katastrophalen Ende des 2.Weltkrieges waren viele weiterhin in Amt und Würden. Gegen dieses Verschweigen haben Holger Meins und ich zusammen protestiert – Aufklärung betrieben.

Wie kam es zu dem Bild der Verhaftung?

Wir, deren Eltern im Faschismus gelebt hatten, wir, im 2. Weltkrieg geboren, unsere Jugend von dessen Folgen geprägt, fühlten uns verantwortlich: Nie wieder – Krieg!

Das ist keine Antwort auf meine Frage. Fangen wir einfacher an. Wo und wann hast du Holger Meins kennengelernt? Kannst du mir sagen, wer er war?

Wer er war und wer ich bin, hängt zusammen. Zwei deutsche junge Männer lernen sich an der 1966 neu gegründeten ersten westdeutschen Filmhochschule (dffb) kennen. Wir waren Begeisterte, Beseelte, Suchende, Entschlossene – man sagte Talentierte –  aus einer Gruppe von 800 Bewerber*innen Auserwählte. Wir hatten den Auftrag, Neues, bisher nicht Gekanntes zu schaffen. Den Auftrag haben wir angenommen und uns an die Arbeit gemacht.

Gab es etwas, das euch speziell verband?

Vor seinem Studium an der dffb hatte Holger Kunst in Hamburg studiert. Ein Holzschnitt zeigt ihn als fragenden Mann. Er hatte viel über  Filmtechnik in einem Kopierwerk gelernt. Ich war Fotograf mit Gesellenbrief – meine Leidenschaft fürs Optische, auch für Linsen, machte uns neugierig aufeinander. Für seinen Erstjahresfilm Oskar Langenfeld war ich der Kameramann – und er war der Kameramann für meinen Film Santa Lucia.

Wir hörten und sahen Bilder von einem Krieg in weiter Ferne, der täglich mehr  in unser Bewusstsein rückte.  Wir sahen Bilder von Protesten aus den USA – bald auch aus vielen Ländern der Welt. So lernten wir, die Kriegskinder, einen aktuellen Krieg kennen und erlebten, wie sich die Welt dazu verhielt – auch unsere vom 2. Weltkrieg so verletzte Heimat.

Ich hatte bereits eine Familie und war Vater. Holger, oft unruhig, streifte alleine durch die Stadt, war Gast in den sich bildenden Kommunen. Ein im Herzen radikaler Sucher, der bereits in seinem Abitursaufsatz fragte: Wüsste ich wer Gott ist, wüsste ich auch, wer ich bin.

Wie ging es weiter?

Wir sahen, die Proteste reichten nicht aus. Holger stellte unser künstlerisches Schaffen zunehmend in Frage. Er radikalisierte sich. Seine Ansicht zum Stand der Dinge machte er sichtbar mit seinem Film Über die Herstellung eines Molotowcocktail.

Warum er und du nicht?

Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen schallte es aus der chinesischen Kulturrevolution zu uns herüber. Sieg im Volkskrieg wurde zur Parole des Tages. Volkskrieg – aufeinander schießen? Das wollte ich nicht. Ich hasse Gewalt. Ich liebe das Leben.

Holger fühlte sich vom Leben eines Stadtguerilleros angezogen, der aus dem Untergrund, der llegalität, die Zentren der Macht angreift, Widerstand leistet. Zum Beispiel dagegen, dass von der Bundesrepublik Deutschland (BRD) aus US-amerikanische Flugzeuge für den Einsatz im Krieg in Vietnam starteten.

Die Geschichten sind bekannt. Warum befasst du dich noch immer mit seiner Person?

Holger wurde als Mitglied der Roten Armee Fraktion am 1. Juni 1972 mit anderen verhaftet, kurze Zeit später wurden weitere Mitglieder festgenommen. Politik, Polizei, Medien jubelten, die RAF sei besiegt. Fast alle waren in verschiedenen Gefängnissen in Einzelhaft untergebracht. Die Gefangenen forderten ihre Zusammenlegung – traten in  Hungerstreiks. Im letzten starb Holger Meins nach 59 Tagen, der 180 cm große Mann wog 39 Kilogramm, er starb im Alter von 33 Jahren – im Christusalter. Das Bild vom toten Holger Meins erschien als Doppelseite in der Illustrierten STERN.

Bist du traurig, wenn du an ihn denkst?

Trauer ist das falsche Wort. Zu seiner Beerdigung kamen 5000 Menschen. Viele Befreiungsbewegungen aus der Welt schickten kämpferische Grußworte. Renato Curcio, einer der Gründer der italienischen Roten Brigade, schrieb aus dem Gefägnis: die kalt berechnete ermordung des genossen holger meins …durch das psychische und physische folterregime der brd…verdiene sicherlich etwas mehr aufmerksamkeit als es unsere offizielle linke für nötig hält. die raf ist ein wertvoller bestandteil für die ganze linke europas. die weigerung, sie zu verteidigen, unterstreicht nur eine haltung unerträglicher feigheit..

Als er die Kamera gegen die Waffe tauschte, trennten sich unsere Wege, er glaubte nicht mehr an die Kunst.

Auf der Beerdigung stellte ich mich zu seiner Familie. Lernte seinen Vater, seine Geschwister kennen. Auf der Beerdigung kam es zu einem politischen Urknall. Otto Schily, einer von Holgers Anwälten, der spätere Innenminister, sprach über den Tod von Holger Meins als eine Hinrichtung auf Raten. Erhatte Rudi Dutschke, den charismatischen Studentenfüher von 1968, der gesundheitlich noch mit den Folgen eines Attentates zu kämpfen hatte, dazu bewegt, an der Beerdigung teilzunehmen. Am Grab rief Rudi: Holger, der Kampf geht weiter!

Die Genossen der RAF schrieben: Ganz sicher hat Holgers Tod die Resonanz der Geschichte

Resonanz der Geschichte. Geschichte?

Geschichte ist Gegenwart.

Ist Tod Gegenwart oder Vergangenheit?

In dem Moment, wo du darüber sprichst, ist es Gegenwart.

Was ist Sterben?

Ausatmen.

Was meinte die RAF mit „Resonanz der Geschichte“?

Sie hoftte, dass Holgers Tod nicht umsonst war, sein Leben über den Tod hinaus wirken werde.

Ist er ein Märtyrer?

Im Sinne des Wortes ist er ein Märtyrer, aber das ist es nicht, was er wollte. Das Wort hat einen christlichen Ursprung – martern, quälen, peinigen, foltern.

Was wollte er?

Das musst du ihn fragen.

Er ist tot.

Versuch es.

© Gerd Conradt, 11.2024

Anm. d. Red.: Zwei Filme von Gerd Conradt: Über Holger Meins – Ein Versuch, unsere Sicht heute, 1982, und Starbuck – Holger Meins. Ein Porträt als Zeitbild, 2001.

Holger Meins auf der Website der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)
Holger Meins im Filmportal von Deutsches Filminstitut und Filmmuseum (DFF)

Und siehe auch: „… und wenn Typen dabei kaputtgehen“. Die Bildikone des toten Holger Meins – ein Erklärungsversuch von Nils Theinert, auf Visual History.

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