Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Schorneck: »Seltsame Sally Diamond« von Liz Nugent

Fern von Effekthascherei – ans Eingemachte

„Entsorg mich mit dem Müll“ war wohl das Unüberlegteste, was Tom Diamond seiner Adoptivtochter für den Fall seines Ablebens hat auftragen können – schließlich hätte er als Psychiater ahnen müssen, dass Sally die Ironie dahinter nicht verstehen würde. Sally Diamonds soziale Defizite führen zu einem wundervoll schwarzhumorigen Einstieg in einen Roman, der seine düsteren Untiefen erst nach und nach offenbart. Sachlich schildert die Ich-Erzählerin Sally von diesem denkwürdigen Tag: „Er war zweiundachtzig Jahre alt, klein und gebrechlich, und ich bekam ihn problemlos in einen der großen Säcke für Gartenabfälle.“ Die 42-jährige Sally ist eine Einzelgängerin, Sozialkontakte fallen ihr schwer. Dass sie auf die Frage nach dem Verbleib ihres Vaters sehr wahrheitsgetreu antwortet, beschert ihr weit mehr Aufmerksamkeit, als sie sich hätte vorstellen können. Nicht nur die Polizei ist an ihr interessiert, auch die Presse wittert Enthüllungen zu einem Jahrzehnte zurückliegenden Kriminalfall.

Liz Nugent versteht es wieder einmal vorzüglich, die Erwartungen ihrer Leserschaft zu unterlaufen, erzählerische Haken zu schlagen, sobald man gerade zu wissen glaubte, wo der Hase langläuft. Hinter dem zunächst wunderbar skurril wirkenden Charakter Sallys offenbart sich eine unvorstellbare Leidensgeschichte: Ihre leibliche Mutter, Denise Norton, wurde als Kind gekidnappt und verbrachte Jahre in der Gefangenschaft eines Pädophilen. Sally ist dessen Kind. Nach ihrer Befreiung sind Denise und Sally unzertrennlich und zutiefst traumatisiert. Die Psychiater schaffen es nicht, zu Mutter und Kind vorzudringen und ihnen zu helfen, ihre Traumata zu verarbeiten. Als man die beiden probehalber trennt, nimmt sich Denise das Leben. Das behandelnde Ärztepaar nimmt das nun mutterlose Kind bei sich auf. Da mögen Schuldgefühle mit hineinspielen, aber auch übersteigerte ärztliche Hybris, denn insbesondere Tom macht das Mädchen zu seinem „Projekt“. Statt sie auf ein selbständiges Leben vorzubereiten, unterstützt er sie in ihrem Wunsch, für sich zu bleiben. Nach dem Tod von Toms Frau führen die beiden ein auf äußerst wenige Bekanntschaften beschränktes Einsiedlerleben – mit den eingangs beschriebenen Folgen.

Nun begleiten wir Sally bei ihren unbeholfenen Schritten, ein Teil des Lebens einer irischen Kleinstadt zu werden. Sie schließt vorsichtig Freundschaften, macht ängstliche Rückzieher, stößt mit ihrer kindlichen Ehrlichkeit Mitmenschen vor den Kopf – und ihr naiver Blick lässt hinter der kleinbürgerlichen Fassade mancher Nachbarn Sensationsgier, Homophobie und Rassismus zu Tage treten. Vor allem aber merkt Sally, dass sich tief in ihr eine große Wut aufgestaut hat, die sich bei kleinen Auslösern Bahn zu brechen versucht. Dann schickt ihr plötzlich jemand einen alten vermackten Teddy zu, den sie als ihren eigenen erkennt…

Der damalige Täter konnte fliehen, man hat ihn für tot erklärt. Was aber niemand weiß: Sally hat einen älteren Bruder, Peter, ebenfalls Produkt des Missbrauchs. Der Roman erhält mit Peter einen weiteren Ich-Erzähler und wird nun abwechselnd aus beider Perspektiven erzählt. Immer mehr Puzzlestücke fügen sich zusammen zu einem bestürzenden Tableau von Abscheulichkeiten. Liz Nugent muss hierfür keine blutigen Szenen auserzählen. In eher ruhigem Ton, fern von Effekthascherei, zeigt sie, wie der damalige Täter etliche Schicksale und Seelen zerstört hat. Da sind Denises Eltern, die Sally nicht als Enkelin akzeptieren können; da ist Peter, der in dem Glauben aufwächst, an einer Krankheit zu leiden, die menschliche Berührungen für ihn zum tödlichen Risiko macht; da finden sich in einer schallisolierten Scheune noch manch andere unsägliche Geheimnisse.

Liz Nugent hat mit ihrem aktuellen Roman einen Psycho-Thriller geschrieben, der in einem bisweilen trügerischen lakonisch-humorvollen Tonfall ans (seelisch) Eingemachte geht. Darf man bei der Thematik von einem „Lesevergnügen“ schreiben? Sally und Peter sind jedenfalls Charaktere, die noch lange nach der Lektüre nachwirken.

Liz Nugent: Seltsame Sally Diamond. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Steidl Verlag, Göttingen 2024. 336 Seiten, 26 Euro.

Frank Schorneck

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