Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Frank Schorneck liest Una Mannion

Im Namen des Vaters

In ihrem Debütroman „Licht zwischen den Bäumen“ lässt die amerikanisch-irische Autorin Una Mannion eine genervte Mutter ihre 14-jährige Tochter mitten in der Wildnis aus dem Auto werfen. Ein unbeherrschter Moment, eine Kurzschlussreaktion, die schreckliche Folgen haben wird. Während die Ausgangssituation für den spannenden Mix aus Psychothriller und Familientragödie eher surreal erscheinen mag, geht ihr zweiter Roman mit sehr realen Schilderungen eines Sorgerechtsprozesses ans Eingemachte.

Doch der Reihe nach: Deena Garvey verschwindet eines Tage spurlos. Ihre Schwester Nessa ist völlig verzweifelt, denn sie ist sich sicher, dass Deena nie im Leben freiwillig ihre Tochter verlassen würde. Die vierjährige Ruby ist an diesem Tag bei ihrem Vater, der sich weigert, das Kind jemand anderem als Deena wieder zurückzugeben. Für Nessa ist relativ schnell klar, dass jener Lucas hinter dem Verschwinden seiner Ex stecken muss. Una Mannion macht den Einstieg in ihren Roman nicht leicht, denn das Gefüge zwischen den einzelnen Protagonisten wird erst nach und nach in verschiedenen Zeitebenen beleuchtet. Viele Puzzleteile setzen das Bild einer toxischen Beziehung zusammen. Nessa blickt zurück in die Zeit, als Deena und Lucas sich kennengelernt haben, als Deena nach und nach ihren eigenen Willen zu verlieren schien, während die Kontrollsucht und der manipulative Charakter des Mannes für alle anderen als Deena selbst erkennbar wurden. Die Folge:  Die Entfremdung der jungen Frau von ihrem Freundeskreis, ihrer Familie, die ersten blauen Flecken…

In einem anderen Erzählstrang wird die Geschichte von Ruby erzählt, die bei ihrem Vater und dessen Mutter aufwächst, abgeschirmt auf dem Land und ohne Kontakt zu Gleichaltrigen, bis eine anonyme Meldung bei der Schulbehörde Lucas dazu zwingt, seine Tochter an einer Schule anzumelden. Sein Hausunterricht mag zwar ohne Curriculum ausgekommen sein, befähigt Ruby aber direkt, in einer höheren Klasse einzusteigen. Ruby ist mit der Geschichte aufgewachsen, dass ihre Mutter sie und ihren Dad verlassen habe. Doch was sind das für Umschläge, die an sie adressiert sind und über die Lucas so wütend ist, dass er sogar den Briefkasten an der Straße absägt?  Ruby ist ein schlaues Kind und sie beginnt eigene Nachforschungen. Trotz aller Gängelungen wächst Ruby zu einer starken jungen Frau heran.

Auf der anderen Seite ist für Nessa der Fall ihrer verschwundenen Schwester nie abgeschlossen, selbst dann nicht, als Deena offiziell für tot erklärt wird. Und auch das Kind – die letzte Verbindung zu Deena – gibt sie nicht auf. Nachdem sie vergeblich um das Sorgerecht für ihre Nichte gekämpft hat, hat sie sich durch eine unbedachte Aktion auch noch ein Kontaktverbot eingehandelt. Aber sie findet Wege, aus der Ferne das Heranwachsen Rubys zu beobachten.

Der Kriminalfall – ist Lucas für Deenas Verschwinden verantwortlich? – tritt in den Hintergrund angesichts der Beklemmung, die sich auch ohne das Wissen um die Antwort auf diese Frage breitmacht. Ruby steht bei Lucas unter ständiger Überwachung. Da ist – zunächst – keine körperliche Gewalt im Spiel, aber eine absolute Kontrolle über jeden Schritt und Tritt. Überall am Grundstück sind Kameras verbaut. Ein Handy erhält für die Schule einzig und allein aus dem Grund, dass er sie so tracken kann. Und sein weißer Pickup taucht zuweilen wie aus dem Nichts plötzlich und bedrohlich auf. Una Mannions Roman zeigt auf, wie ein manipulativer und gewalttätiger Mann nicht nur das Leben einer einzelnen Frau, sondern auch das ihrer Familie und Freunde zerstört. Während Deenas und Nessas Bruder irgendwann einen Schlussstrich ziehen und die Vergangenheit ruhen lassen möchte, gibt Nessa nie wirklich auf, auch wenn vierzehn hilflose und trübe Jahre vergehen. Sie klammert sich an jeden Strohhalm und opfert dafür letztlich sogar ihr eigenes Glück, denn die Fixiertheit auf Deenas Verschwinden verhindert in letzter Konsequenz, dass Nesse je ein unabhängiges Leben führt und eine Beziehung eingehen kann: Sie ist beziehungsunfähig. Zerstörerisch wirkt Lukas aber auch auf seine eigene Familie: Seine Mutter verschließt die Augen vor dem, wozu ihr Sohn fähig ist. Zu viele Menschen ahnen, dass hier etwas nicht stimmt, ohne jedoch einzuschreiten. Und dann ist da noch ein Rechtssystem, das die Rechte des leiblichen Vaters trotz der erwiesenen Gewalttätigkeit gegenüber seiner Partnerin über das Sorgerechtsinteresse der Familienangehörigen der Kindesmutter stellt…

Mannions Krimi beschert keinen schnellen Thrill, entwickelt aber einen unaufhaltsamen Sog in psychologische Untiefen. Mit Nessa und Ruby sind ihr zudem zwei herausragende Frauenfiguren gelungen, mit denen man unmittelbar mitfiebert und mitleidet. Man kann den Roman nach der Lektüre nicht leicht beiseitelegen, er wirkt noch lange nach.

Una Mannion: Sag mir, was ich bin (Tell Me What I Am, 2023). Deutsch von Tanja Handels. Steidl Verlag, Göttingen 2024. 305 Seiten, 28 Euro.

Frank Schorneck – seine Texte bei uns hier.

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