Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Frank Schorneck: »Schweben« von Amira Ben Saoud

In der Schwebe, mit mehr als einer Bedeutung

Jugendliche auf Patrouillengang im Wald, eingeteilt zur Bewachung einer Grenze: Sie stoßen auf einen Schwerverletzten, doch statt Hilfe zu holen, bringen sie ihn um. Kein Erwachsener darf erfahren, dass hier im Wald ein Prügel-Ritual stattgefunden hat – ein Zeitvertreib der jungen Generation in einer Gesellschaft, in der Gewalt offiziell verboten ist.

Der Prolog von Amira Ben Saouds Debütroman „Schweben“ beschwört die Stimmung von Young-Adult-Dystopien à la „Hunger Games“ oder „Maze Runner“ herauf, doch nach diesem wenige Seiten umfassenden „Vorspiel“ führt der Roman eine Ich-Erzählerin ein, die eine ungewöhnliche Dienstleistung anbietet: Sie schlüpft für ihre Kunden in die Rollen verschwundener Menschen, bietet „Begegnungen“ auf höchstem Niveau. Nicht nur ihr Äußeres gleicht sie akribisch den Personen an, die sie verkörpert, sondern sie legt großen Wert auf authentisches Handeln. Es geht darum, die originale Beziehung nachzustellen, Abweichungen sind nicht erwünscht. Menschen verschwinden aus verschiedenen Gründen in dieser erzählten Welt, die in einer nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt ist.

Im Verlauf des Romans erfahren wir, dass nach einer globalen Katastrophe unterschiedliche, von einander abgeschottete, Siedlungen existieren, deren jeweilige Grenzen streng bewacht sind. Außerhalb der Siedlungen lauert der sichere Tod. Die Ich-Erzählerin, die sich nach unzähligen „Begegnungen“ nicht mehr an ihren eigenen Namen erinnern kann, wird von einem Mann engagiert, dessen Partnerin sich von der Grenze angezogen fühlte und die eines Tages nicht mehr zurückkehrte. Die Ich-Erzählerin geht viel stärker in der Rolle dieser Emma auf, als ihr lieb ist, und beginnt schließlich selbst, eine Obsession für die Grenze zu entwickeln.

Die österreichische Autorin Amira Ben Saoud verknüpft in ihrem Roman die Identitätskrise der jungen Frau mit einem dystopischen Gesellschaftsentwurf: Der eigentlich utopische Entwurf einer gewaltfreien Gesellschaft offenbart unter seiner scheinbar friedlichen Kulisse ein autoritäres System mit undurchsichtigen Regeln. Die Idee hinter den „Begegnungen“ ist originell, das Spiel mit fremden Identitäten und das Schlüpfen in so verschiedene Rollen führt bei der Erzählerin zu Grenzverschiebungen, zum Verlust ihrer Individualität. Ben Saoud findet hier eine stimmige Sprache dafür, dass Emmas Selbstzweifel in kleinen Schritten immer größer werden. Das titelgebende Schweben bekommt hier mehr als eine Bedeutung.

Die Verknüpfung mit dem großen dystopischen Wurf ist ihr hingegen weniger gut gelungen. Während die bedrohliche Endzeitstimmung bisweilen in kleinen Details überzeugend in die Erzählung Emmas eingebunden wird (etwa, wenn in einem ehemaligen Schwimmbad, das Emma heimlich besucht, sich plötzlich sich ein Riss auftut oder wenn banale Waren des täglichen Bedarfs plötzlich auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden), werden größere Zusammenhänge leider eher zusammenfassend aufgezählt, ohne wirklich erzählt zu werden. Hier fehlt leider häufig die erzählerische Dichte. Man bekommt den Eindruck, dass die Autorin für ihren Roman letztlich zu viele Ideen hatte, die sie inhaltlich nicht mit der Geschichte ihrer Protagonistin verknüpfen konnte.

Frank Schorneck

Amira Ben Saoud: Schweben. Zsolnay Verlag, Wien 2025. 188 Seiten, gebunden, 23 Euro.

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