Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Frank Schorneck: Markus Orths: Die Enthusiasten

Wilder Ritt

„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost, ja, wir Kinder waren uns sicher, dass die in den Büchern steckenden Sätze und Wörter unterirdisch miteinander verknüpft waren, riesige Pilzgeflechte, die sich gegenseitig mit Nahrung versorgten, Buchseitenmyzele oder Einbandfäden…“

Genauso ein Geflecht entwickelt Markus Orths in seinem neuesten Roman „Die Enthusiasten“, eines, das durch die Genres wuchert, unterschiedlichste Bücher zueinander in Relation setzt und untereinander ins Gespräch bringt. Schon 2014 legte Orths mit „Alpha & Omega. Apokalypse für Anfänger“ ein Werk vor, das sich um erzählerische Konventionen nicht scherte. Damals schilderte er auf über 500 Seiten einen absurden Wettlauf zum Ende der Welt bzw. zur Verhinderung desselben. Die „Helden“, die sich zusammentun, um die Welt zu retten, übertreffen sich gegenseitig an Kuriosität, die Handlung verwischt genüsslich die Grenzen zwischen Wissenschaft, Esoterik und religiösem Erlöserglauben. Gegen dieses schwarze Loch des überspannten grotesken Humors wirken „Die Enthusiasten“ geradezu gezähmt – zumindest, bis auch hier eine Galaxie bzw. ein Galaxy spektakulär in den Orkus rauscht.

Orths „erzählt“ von einer Familie mit bücherverrückten Eltern. Jeder Winkel des kleinen Hauses ist mit Büchern gefüllt, selbst einige der Fenster sind hinter Regalen verborgen. Bücher halten das Gebäude wortwörtlich zusammen, wie man viel später im Lauf der Geschichte in einer besonders eindringlichen Szene erfahren wird. Doch es sind nicht nur die Bücher als Objekte, sondern vor allem deren Inhalt, der das Familienleben zum Flirren bringt. Vater und Mutter tauschen sich lebhaft über das Gelesene aus. Auch wenn die Kinder nicht alles verstehen, spüren sie die Begeisterung, die Liebe zur Sprache, die die Eltern verbindet. Doch eines Tages verschwindet die Mutter spurlos und Ich-Erzähler Vincent, sein jüngerer Bruder Marcellus und seine ältere Schwester Elfi wachsen nun allein mit dem Vater auf, der in seiner Sprachverliebtheit immer verschrobener und gegenüber den Kindern immer fordernder wird. Der Vater erwartet, dass die Kinder sich in dem, was sie sagen, möglichst wenig wiederholen; besonders originelle und abwegig erscheinende Formulierungen werden gelobt, einfache Sätze ignoriert, auch wenn es sich um Bitten oder Aufforderungen handelt.

Aus Elfi wird eine Physikerin, die sich der Suche nach Dunkler Materie verschreibt (was als Querverweis zu „Alpha & Omega“ gelesen werden kann, ja muss), während Marcellus experimenteller Filmemacher wird. Ich-Erzähler Vincent hingegen verschreibt sich als Literaturwissenschaftler ganz und gar dem Werk von Laurence Sterne, so dass er selbst in Fachkreisen mit dem Spitznamen „Dr. Shandy“ angeredet wird. Am 18. März 2018, dem zweihundertfünfzigsten Todestag von Laurence Sterne, erhalten Vincent und zwei andere Sterne-Spezialisten eine SMS, in denen die Existenz eines zehnten Buches von Sternes epochalem Werk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ behauptet und den Experten ein Blick auf dieses Buch in Aussicht gestellt wird.

Bei einem konspirativen Treffen gewährt ein maskierter Mann den dreien jedoch nur den Blick auf eine ausgedruckte Leseprobe zweier Kapitel. Die drei sind sich schnell einig, den meisterlichen Stil Sternes eindeutig identifizieren zu können. Für das vollständige Manuskript verlangt der Maskierte 150.000 Euro von ihnen. Die drei verfügen nicht über die erforderlichen Mittel, doch Vincent ist so besessen von dem Drang, dieses Buch in den Händen zu halten, dass er einen – man kann es nicht anders sagen – bescheuerten Plan ausheckt…

Markus Orths entwickelt die Geschichte über zwei Erzählstränge: In dem einen begleiten wir Vincent, wie er kläglich an einem Banküberfall scheitert und sich in immer absurdere Entscheidungen verrennt, in dem anderen rollt er seine Familiengeschichte auf. Hier greift Orths ein charakteristisches Stilmittel des „Tristram Shandy“ auf: Das Aus- und Abschweifen in immer neue Handlungsstränge, das vermeintliche Nicht-zum-Punkt-Kommen. Und wie auch Sterne bringt Orths in seinen „Abschweifungen“ wunderbare Geschichten unter.  Die Erzählung über die Schwimmkarriere der Mutter wäre für sich eine berührende Kurzgeschichte – und erfährt durch die Einbindung in den Roman noch eine gekonnte Wendung. Die Beschreibungen von Marcellus‘ Filmprojekten sind satirische Kleinode: Sein erster Langfilm (mit fast drei Stunden wortwörtlich lang!) wird auf dem „Niederwürzbacher Kleingärtner-Filmfestival“ gezeigt und dort mit dem „Ehrenpreis der Witterungsbeständigen“ ausgezeichnet – die Handlung fordert den Betrachtern einiges ab, vor allem Geduld.  Die Reaktion des Vaters auf den Beschluss der Kinder, ihm einen Heimplatz zu suchen, treibt Bibliophilen Tränen in die Augen.

Und immer wieder baut Orths für die Kenner seines Werkes Querverweise, Easter-Eggs, ein: So wird zum Beispiel eine Postkarte, die nie hätte verschickt werden sollen, von einem übereifrigen Zimmermädchen aus dem Papierkorb gefischt und auf den Postweg gebracht. Das Zimmermädchen trägt den Namen Lynn – wie Lynn Zapatek aus Markus Orths 2008 erschienenen Roman „Das Zimmermädchen“. Als sich Vincent und sein Vater über Literatur streiten, zieht der Vater über die Schwemme autobiographischer Literatur her, über die Schilderungen von langweiligen Kindheiten der 50er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre… – aber ebenso über jene „Schreibenden, die nicht ihre eigenen Leben aussaugen, sondern die Leben berühmter Persönlichkeiten wie Max Ernst oder Stan Laurel oder Mary Shelley…“ – womit gleich drei Werke aus dem Orthsschen Oeuvre bei ihm in Ungnade fallen.

Darüber hinaus ist der Roman gespickt von Querverweisen innerhalb der Erzählstränge – ähnlich einem Garten, dessen Pfade sich verzweigen. Was bei unaufmerksamer Lektüre leicht wie sprunghaftes und unzusammenhängendes Erzählen wirken kann, folgt einer ausgefeilten Struktur. Scheinbar Nebensächliches erhält in Schlüsselszenen Bedeutung, lose Erzählfäden werden in unerwarteten Momenten wieder aufgenommen und weitergesponnen. So ermahnt die Mutter den jungen Vince auf Seite 36, nichts Essbares im Klo zu entsorgen mit den Worten „in der Tiefe, da lauern die Ratten. Essensreste locken sie an. Du willst doch nicht, dass dir so ein Viech in den Arsch beißt!“ – ein Vorgriff auf eine der wildesten Szenen des Romans.

„Die Enthusiasten“ gipfelt in einer philosophischen Diskussion über die Gefahren und Chancen künstlicher Intelligenz in der Literatur. Können Computer Kunst schaffen? Naht das Ende des schreibenden Menschen? Vincent jedenfalls stemmt sich dieser Perspektive entgegen – und Markus Orths mit ihm. Zumindest bis jetzt scheint es unwahrscheinlich, dass KI ein solch unsinnig-sinniges Werk wie „Die Enthusiasten“ erschaffen könnte. Ein Werk voller Liebe zu Kunst und Literatur, das diese gleichzeitig nicht allzu ernst nimmt. Ein intelligentes Leseerlebnis, das seine Tiefe mit großem Vergnügen unter Kalauern versteckt.

Frank Schorneck

Markus Orths: Die Enthusiasten. Galiani, Berlin 2026. 368 Seiten, EUR 24 – erscheint am 12.2.2026

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