Geschrieben am 3. März 2025 von für Crimemag, CrimeMag März 2025

Frank Schorneck liest Wolf Haas

Mit Escher im Spiegellabyrinth

Franz Escher ist ein menschenscheuer Eigenbrötler. Lediglich das Zusammensetzen von Puzzles entfacht so etwas wie Leidenschaft bei ihm, seitdem ihm zum 19. Geburtstag die hübsche Martine ein Tausend-Teile-Puzzle mit einem Motiv seines Namensvetters H.C. Escher schenkte. Das Zusammensetzen des bekannten Bildes der beiden sich gegenseitig zeichnenden Hände beschäftigte ihn damals so sehr, dass er die Avancen der Halbfranzösin übersah, die letztlich frustriert mit seinem besten Freund anbandelte. Seitdem hat Escher eine wahre Bibliothek an Puzzles eingerichtet. In seinen Regalen finden sich viele berühmte Werke der Kunstgeschichte, in tausende und abertausende Teile zerschnitten – mit besonderem Augenmerk auf die den Gesetzen der Physik und Logik trotzenden Werke des niederländischen Namensvetters.

Aktuell wartet Escher auf einen Elektriker. Die Wartezeit überbrückt er mit der Lektüre eines Mafia-Krimis. Dieser handelt von einem jungen Kriminellen, der als Kronzeuge ausgepackt hat und nun in den Zeugenschutz kommen soll. In seiner Zelle liest der Kleinganove ein Buch, das ihm der deutsche Zellennachbar geschenkt hat. Es handelt von einem „Typen, der Escher hieß wie irgendein anderer Typ, der ebenfalls Escher hieß“ und der auf einen Elektriker wartete …

Wolf Haas erzählt in seinem neuen Roman zwei Geschichten, deren Protagonisten jeweils die Geschichte des anderen lesen. Durch einen äußerst unbedachten Griff am Sicherungskasten knipst Escher das Lebenslicht des Elektrikers für immer aus. Beim Warten auf Notarzt und Polizei liest er weiter in seinem Buch, in dem der Kleinkriminelle Italien hinter sich lässt und unter dem Namen Marko Steiner ein neues Leben beginnt. Marko Steiner ist ein begnadeter Bastler, der sich zunächst der Reparatur hochwertiger Fahrräder einen Namen macht und dabei lange Zeit ausgerechnet die Modelle wohlklingender italienischer Marken meidet, bis ihn dann doch sein früheres Leben wieder einzuholen droht.

Sowohl der Handlungsfaden um Escher als auch der um Steiner erzählen außergewöhnliche Liebesgeschichten. Escher, der als Trauerredner arbeitet, hat vor vielen Jahren ein sehr erfolgloses Buch geschrieben, in dem er wiedererkennbar eine Kollegin verewigte und damit düpierte. Doch weil er sich (nicht zu Unrecht) für den Tod des Elektrikers verantwortlich fühlt, will er die Trauerrede halten und braucht hierfür die Hilfe eben jener ehemaligen Kollegin. Steiner wiederum trifft irgendwann auf eine Frau, die wie er kein Wort über ihre Vergangenheit verliert. Eine Liebe, die funktioniert, weil man gegenseitig keine Fragen stellt. Dumm nur, dass die gemeinsame Tochter dann doch irgendwann wissen möchte, wer ihre Eltern sind. Und dumm, dass mittels Internet leicht die Brücke in die italienische Heimat zu schlagen ist.

Der Wechsel zwischen den Geschichten Eschers und Steiners erfolgt zu Beginn des Romans in einem relativ konventionellen Konstrukt, in dem sich die Handlungsstränge jeweils abwechseln, wenn die jeweilige Hauptfigur das Buch zur Hand nimmt. Doch Haas enttäuscht die Erwartungen nicht, die sein Name mittlerweile weckt. Denn nach und nach erkennt der Leser, dass die beiden Handlungsstränge enger als zunächst erwartet miteinander verknüpft sind. Die Übergänge sind plötzlich keine Brüche mehr zwischen zwei unterschiedlichen Geschichten, sondern werden fließender. Irgendwann bemerkt Escher, dass er selbst in dem Mafia-Roman, den er gerade liest, eine unrühmliche Rolle spielt. Er muss handeln, um die Geschichte zu einem guten Ende zu bringen.

„Wackelkontakt“ ist ein verspielter Roman in der Tradition der Gruppe Oulipo um Georges Perec, Italo Calvino oder Jaques Roubaud. Trotz der Elemente Zeugenschutz, Entführung und Kunstdiebstahl handelt es sich bei „Wackelkontakt“ nicht im eigentlichen Sinne um einen Krimi. Der Spannungsbogen muss sich hier der Form unterordnen. Mit großer Leichtigkeit verquickt Haas die beiden so unterschiedlich scheinenden Leben, erzählt kuriose Liebesgeschichten, die sich um Geheimnisse, Rätsel und Puzzle entspinnen, bis der Drang, Rätsel zu entschlüsseln, tragische Ereignisse einleitet. Dabei passen die Puzzleteile des Romans nicht nahtlos ineinander, es offenbaren sich bei näherer Betrachtung ein paar ungeschliffene Kanten, so verstreicht die Zeit in beiden Erzählebenen in sehr unterschiedlicher, jedoch keinesfalls konstanter Geschwindigkeit. Doch wie bei H.C. Eschers Bildern tut es der Faszination des Gesamtbildes keinen Abbruch, wenn man die Details bemerkt, an denen die Logik außer Acht gelassen, die Perspektiven verschoben wurden. Und so staunt man letztlich doch, wie gut sich alles ineinanderfügt und große Lesefreude bereitet.

Wolf Haas: Wackelkontakt. Hanser Verlag. 240 Seiten. 25 Euro.

Frank Schorneck – seine Texte bei uns hier.

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