
Der Dickens-Mann und die abwesende Heldin
Frank Schorneck über John Irvings neuen Roman “Königin Esther“
„Es gab zu viele offenen Fragen: Mit Dagmar schlafen oder nicht, Chantal schwängern oder nicht, sich von seiner Mom verstümmeln lassen oder nicht. Das Ringen wäre ihm wenigstens vertraut, so dachte Jimmy jedenfalls.“ – Ja, auch in seinem neuesten Roman zeichnet John Irving nicht unbedingt Standard-Lebensentwürfe nach. Doch obwohl Irving-Fans wieder jede Menge bekannter Motive wiedererkennen und sogar einem liebgewonnenen Charakter wieder begegnen können, hat der neueste Streich des 83jährigen Autors einige Längen und findet nicht so richtig in die Spur. Dabei bietet die Grundkonstellation einiges Potential für einen Erzähler wie Irving:
Schon die Ehe von Constance und Thomas Winslow, deren Familiengeschichte sich immerhin bis zur Landung der Mayflower zurückverfolgen lässt, sorgt für Gerede in der Kleinstadt Pennacook: Für die Betreuung jeder ihrer drei Töchter hat das Lehrerpaar Au-pair-Mädchen aufgenommen, die jedoch mitnichten aus dem Ausland kommen, sondern Waisen sind. Und sie werden zu vollwertigen Familienmitgliedern. Als Constance völlig unerwartet mit einer vierten Tochter schwanger wird, kommen die Winslows in Kontakt mit dem Waisenhaus St. Clouds, dessen Leiter Dr. Wilbur Larch eine der faszinierendsten Figuren im Kosmos des Irvingschen Schaffens sein dürfte. Selbst wer Irvings Roman nicht kennt, hat vermutlich Michael Caine vor Augen, der in Lasse Hallströms Verfilmung von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ jenen herzensguten, äthersüchtigen Arzt verkörpert. Man ist also recht schnell wieder zuhause in Irvings Universum; schon auf den ersten 70 Seiten, bevor die titelgebende Esther erstmals die Szenerie betritt, tauchen vertraute Motive auf.
Thomas Winslow ist ein besonders kleiner Englischlehrer (wie Elliot Barlow aus „Der letzte Sessellift“), der seine Liebe zur Literatur, insbesondere zu Charles Dickens, weitertragen will – ob in „Town Talks“ in die Gesellschaft oder durch leidenschaftliches Vorlesen in die Familie. Die Winslows reden für eine Familie des jungen 20. Jahrhunderts recht offen über Sexualität und Abtreibung – auch wenn Thomas peinlich berührt ist, wenn die Töchter „Frauenthemen“ anschneiden. Allerdings kreist Irving gerade zu Beginn des Romans zu sehr um die Themen herum, die ihm am Herzen liegen, zieht immer wieder Schleifen, die die Geschichte zunächst kaum Tempo aufnehmen lassen. Vor allem aber gerät er stetig ins Dozieren, statt wirklich zu erzählen. Wie schon im Vorgängerroman „Der letzte Sessellift“, in dessen Verlauf der Leser mehr über die unterschiedlichen Arten von Skiern und deren Bindung erfährt, als ihn interessiert oder für die Geschichte wichtig ist, verliert sich Irving in Details, die zwar von lobenswerter Recherche zeugen, aber allzu leicht zum Überblättern einladen.
Dann tritt Esther, die selbstbewusste jüdischen Waise aus St. Clouds in das Leben der Winslows. Sie weiß, dass ihre Mutter eine Wiener Jüdin und vor dem aufkommenden Antisemitismus in Österreich in die USA emigriert war. Esthers Vater starb bereits auf der Überfahrt und ihre Mutter bei einem unaufgeklärten Überfall. Mit fast vier Jahren kam Esther Nacht ins Heim zu Dr. Larch, mit fast fünfzehn nehmen die Winslows sie auf. An dieser Stelle wird das Tempo zunächst leicht gesteigert, doch gleichzeitig gerät die Erzählung immer wieder ins Stocken. Man merkt hier allzu deutlich, wie sehr es Irving am Herzen liegt, über jüdisches Leben in Maine Anfang des letzten Jahrhunderts zu erzählen – aber er findet hierfür keinen anderen Weg als über Erzählungen und Erläuterungen aus zweiter und dritter Hand. Die Familien Drucker und Rosenthal klären die Winslows bereitwillig und umfassend auf über jüdische Geschichte und Gebräuche und auch über die Entwicklungen in Europa und Palästina (wir schreiben mittlerweile die 1930er Jahre). Die geschichtlich-politischen Exkurse geraten in diesem Abschnitt bisweilen langatmig und aufzählend. Kann man Irving angesichts der noch immer hochaktuellen Brisanz der palästinensisch-israelischen Beziehungen verübeln, dass er hier möglichst genau sein will? Doch auch, wenn Irving seine Protagonisten über sein großes Idol Charles Dickens schwärmen lässt, gerät sein Ton im besten Fall essayistisch, weit entfernt von lebendiger Sprache.
In Esther wachsen über die Jahre zwei Wünsche. Sie will sich ihren jüdischen Wurzeln stellen und zunächst nach Wien und dann nach Israel ziehen – und sie hat mit Honor, der jüngsten Winslow-Tochter, einen Pakt geschlossen: Weil diese gerne ein Kind großziehen möchte, aber keinerlei Interesse am Zeugungsakt hat, will Esther schwanger werden und das Kind in Honors Obhut geben. Resultat dieser Vereinbarung ist James Winslow, der 1941 das Licht der Welt erblickt. Eine sehr unkonventionelle Zeugung ist nicht die einzige Parallele, die Jimmy mit dem wohl bekanntesten Protagonisten Irvings hat: Wie T.S. Garp wird auch Jimmy Winslow Ringer und weiß sehr früh, dass er Schriftsteller werden will. Und natürlich stecken auch wieder viele autobiographische Referenzen in der Figur des Ringer-Autors (bis hin zu dem Detail, dass Irvings Mutter den Mädchennamen Winslow trug).
Esther, die dem Roman seinen Titel gegeben hat, ist eine merkwürdig abwesende Hauptfigur, von deren Lebenslauf nur vereinzelte Briefe von wechselnden Adressen und jede Menge Gerüchte im Umlauf sind. Man glaubt, dass sie für Simon Wiesenthal arbeitet, vielleicht auch für den Mossad oder eine noch geheimere Organisation – aber all dies lässt Irving im Unklaren. Stattdessen wendet er sich Jimmy zu und spätestens mit Jimmys Reise nach Europa und einem Jahr in Wien ist Irving absolut in seinem Element. Innerhalb eines illustren Freundeskreises aus internationalen Austauschstudenten – der lesbischen Niederländerin Jolanda und dem schüchternen Franzosen Claude – entwickeln sich kleine und große Dramen. Und weil es in Vietnam kriselt und junge Amerikaner einer Einberufung nur aus gesundheitlichen Gründen oder väterlichen Verpflichtungen entgehen können, kommen wir zu den existenziellen Fragen des Eingangssatzes dieser Rezension. Jimmys Mutter erwartet von ihm, dass er in Europa jemanden schwängert – alternativ schweben ihr mehrere Szenarien vor, mit denen Verletzungen herbeigeführt werden können, die zur Dienstuntauglichkeit führen würden.
Die in Wien und Amsterdam spielenden Kapitel bieten für Fans eine nostalgische Rückbesinnung auf frühere Romane Irvings, viele altbekannte Motive finden sich hier in neuer Konstellation wieder, bis hin zum kindlichen Missverständnis. Wer erinnert sich nicht an die Wortschöpfung „Undertoad“ (Unterkröte), die in „Garp“ aus der Warnung „Beware the undertow“ (achte auf die Strömung) entsteht? Diesmal fürchtet ein Kind den Blick durch ein Fernrohr, da es aus einer unbeholfenen Erläuterung des Franzosen Claude glaubt, dass es die Zukunft heranholt.
Jimmy Wilson wird zu einem Autor, der seine Erlebnisse in Wien autobiographisch verarbeitet, der auch einen viel diskutierten „Abtreibungsroman“ schreibt, was ihn umso mehr zu einem Alter Ego seines Schöpfers macht. Die Jerusalemer Buchmesse 1981 führt ihn (wie in der Realität auch Irving) schließlich nach Israel, wo er endlich auf eine Begegnung mit seiner leiblichen Mutter hofft. Hier vernachlässigt Irving wieder das Erzählende, in sehr sachlichem Ton versucht er, beiden Seiten der Medaille gerecht zu werden. Es ist das Israel, in dem nach Jahrzehnten linker Regierungen die Likud-Partei auf Konfrontation setzt, jüdische Siedlungen im Westjordanland Tatsachen schaffen sollen.

Der Autor, der die meiste Zeit von Soldaten begleitet wird, wenn er vom Haus seines Übersetzers zu offiziellen Terminen geht, wird mit der Logik des Landes konfrontiert, die sich auf „wenn wir sie nicht einschränken, dann werden sie uns ins Meer treiben“ reduzieren lässt – und in einem seltenen unbegleiteten Moment wird ihm bewusst, dass diese paranoid klingende Furcht absolut begründet ist. James Winslow erkennt bei seiner Reise, dass Esther ihn hatte schützen wollen „vor diesem nicht enden wollenden Konflikt, diesem ewig währenden Hass.“ – und an dieser Stell entfacht dieser historische Roman seine aktuelle politische Relevanz, zeigt er schonungslos, dass obwohl der Friedensnobelpreis schon zweimal in die Region vergeben wurde, auch heute noch, über 40 Jahre später, die Fronten unverändert gegenüberstehen. Kurz vor dem Ende des Romans rückt Esther Nacht, deren Leben in diesem Ringer- und Schriftstellerroman nur andeutungsweise erzählt wird, noch einmal kurz in den Fokus der Ereignisse. Doch ist sie damit wirklich die zentrale Figur, deren Name den Titel des Buches ziert? Ihr Leben spielte sich allen Andeutungen zufolge im Untergrund zwischen den im Lauf der Jahrzehnte wechselnden politischen Fronten ab. Ein brisanter Lebenslauf an den Rändern der politischen Korrektheit. Man wüsste gerne mehr über diese faszinierende Frau – aber man weiß auch, dass es nicht Irving ist, der ihre Geschichte erzählen könnte.
Frank Schorneck
John Irving: Königin Esther (Queen Esther, 2025). Deutsch von Peter Torberg und Eva Regul. Diogenes Verlag, Zürich 2025. 554 Seiten, 32 Euro. – Der Autor im Diogenes Verlag hier.




























