
Kunst-Stück
Damien, ein junger Pfleger, wird vom Pflegedienst einer Seniorin zugeteilt, die nach einem Sturz kurzzeitig auf Hilfe im Haushalt Pflege angewiesen ist. Sie wohnt im Londoner Stadtteil Wapping, was für ihn gut erreichbar ist – und sie hat irische Wurzeln, genau wie er. Damien ist auf der einen Seite von dem Klischee genervt, dass alle Iren miteinander gut klarkommen sollten – auf der anderen Seite ist er aber auch wirklich neugierig auf die Frau. Das erste Treffen läuft noch etwas arg holprig: Die 84-jährige Frankie will keine Hilfe annehmen, eine Freundin hat auf den Pflegedienst gedrungen und kommt vermutlich auch für die Kosten auf. Doch es dauert nicht lange, da breitet Frankie vor dem jungen Mann nach und nach ihre Lebensgeschichte aus.
Die Geschichte führt zurück ins Jahr 1950. Kurz vor ihrem 11. Geburtstag wird Frances Howe durch einen Autounfall zur Waisen. Sie wächst bei streng gläubigen (protestantischen) Onkel und Tante auf und wird – gerade so eben volljährig – mit dem Domkapitular verheiratet. Die Ehe nimmt ein abruptes und schmachvolles Ende und wie es nicht nur in Irland in den ausklingenden 1950er Jahren die Regel ist, muss Frances alle Brücken zur Heimat abbrechen. Dank ihrer Freundin Nora findet sie in London Anschluss an eine quirlig-queere Szene in London. Eine erfolgreiche Literaturagentin bietet ihr – nicht ohne Hintergedanken – einen Job an. Als Frances auf einer Dienstreise nach New York von einem Moment auf den anderen abserviert wird und mittellos in der Metropole strandet, ahnt sie noch nicht, dass der erneute Rückschlag die Weichen in ein neues Leben stellt. Frances, die sich mittlerweile daran gewöhnt hat, Frankie genannt zu werden, verliebt sich in den Chauffeur Joe, der jede freie Minute nutzt, um mit ausufernden Mosaiken die gemeinsame Wohnung zu gestalten. Frankie findet eine Anstellung in der Gastronomie und entwickelt sich mit Neugierde und Gespür zu einem Star am New Yorker Restauranthimmel. Joe wiederum wird als Künstler entdeckt und schon bald fangen die Galerien und Museen an, sich um seine Arbeiten zu reißen. Frankie und er hingegen entfremden sich derweil immer mehr.

Graham Nortons neuer Roman ist ein klassischer Entwicklungsroman, der aus der Enge der kleinen irischen Gemeinde in die lebendige New Yorker Kunstszene der 1960er Jahre führt. Eine Lebens- und Liebesgeschichte, die davon erzählt, wie der Erfolg Menschen verändern kann. Es ist aber auch die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft zwischen Frankie und Nora. Im Laufe der Jahre kreuzen einige Personen der Zeitgeschichte den Lebensweg Frankies, doch es sind vor allem Charaktere aus dem Umfeld des Restaurants, die ihr – und den Lesern – ans Herz wachsen. Als in den 1980er Jahren erste Gerüchte über eine neue Krankheit die Runde machen, ahnt Frankie noch nicht, dass AIDS eine Schneise des Verlusts in ihren Freundes- und Bekanntenkreis schlagen wird. Norton fängt hier beeindruckend die Stimmung der Zeit ein, in der auf eine Zeit hedonistischer Freiheit folgend Homosexuelle selbst von den eigenen Familien ausgegrenzt und verurteilt werden.
Stilistisch kommt der Roman sehr unspektakulär und traditionell erzählt daher. Die Verschachtelung zwischen der Rahmenerzählung im Wapping des Jahres 2024 und der biographischen Erzählung wirkt sogar bisweilen unbeholfen. Wie sich das Verhältnis des Pflegers zur Mitt-Achtzigerin zu einer Freundschaft entwickelt, wird nicht wirklich erzählt, sondern lediglich behauptet. Man könnte meinen, dass es dieses Rahmens nicht bedurft hätte – doch Norton braucht sie, um der Geschichte zum Ende noch einen sehr liebevollen Abschluss geben zu können: ein Ende, das ohne diese Konstruktion nicht funktioniert hätte. „Eine wie Frankie“ vermag durch die liebenswerte Protagonistin zu fesseln, die sich von den Widrigkeiten des Lebens nicht unterkriegen lässt und immer wieder auf die Füße kommt. Ein warmherziges, lebensbejahendes Portrait einer untergegangenen Kunstszene.
Graham Norton: Eine wie Frankie (Frankie, 2024). Deutsch von Silke Jellinghaus. Rowohlt Kindler, Hamburg 2025. 400 Seiten, 25 Euro.












