Geschrieben am 3. April 2025 von für Crimemag, CrimeMag April 2025

Frank Rumpel über Paolo Rumiz

Ein unruhiges Land 

Entlang einer unsichtbaren Linie hat der Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz Italien bereist, eine Linie, an der im Untergrund die eurasische und die afrikanische Kontinentalplatte aneinander stoßen. Diese Bruchlinie zieht sich längs durch den Stiefel (Rumiz nennt das an einer Stelle „die große seismische Autobahn Mittelitaliens“) und die sorgt immer wieder für heftige Erdbeben – zuletzt am 6. April 2009, als ein Erdstoß mit einer Stärke von 5,9 (auf der Richterskala) die Abruzzen erschütterte. 308 Menschen kamen damals ums Leben, 1600 wurden verletzt, große Teile von L‘Aquila zerstört. Auch in vielen weiteren Orten in der Region richtete das Beben große Schäden an, die teils bis heute nicht oder nur provisorisch repariert sind. 

In L‘Aquila floss zwar nach dem Erdbeben viel Geld, doch der Wiederaufbau ging allenfalls schleppend voran. Bis heute sind erst zwei Drittel der privaten und ein Drittel der öffentlichen Gebäude wieder aufgebaut. Rumiz geißelt bei jeder Gelegenheit die Schattenwirtschaft. „Die Ruinen von L‘Aquila waren nicht Schicksal, sondern ein Verbrechen“, schreibt er. In keinem entwickelten Land hätte ein Erdbeben dieser Stärke derart viele Tote verursacht. Geholfen hätte schlicht eine erdbebensichere Bauweise, zumal die Abruzzen nunmal Erdbebengebiet sind. 1915 etwa zerstörte ein Beben die Stadt Avezzano, tötete allein dort 11.000 Menschen.

Rumiz führt zahlreiche weitere Beispiele an. Ein schweres Beben in der kampanischen Irpinia 1980 führte zunächst zu einem Plan für mehr Erdbebenschutz. Es gab Geld und alles schien in die richtige Richtung zu gehen. Dann aber mischte sich „die schlechteste Politik“ ein, schreibt Rumiz, und das hieß: „Lieber Schaupolitik nach Erdbeben, lieber staatliche Verdrängung aller Katastrophen der Vergangenheit.“ Damit wurden die Pläne, Gebäude erdbebensicher zu bauen, wieder begraben.

Auf mafiöse Verstrickungen kommt Rumiz als Randaspekt immer wieder zu sprechen, weil sie, wie in L’Aquila, eben eng mit seinem eigentlichen Thema verwoben sind: Wo und wie zeigen sich die Verwerfungen aus dem Untergrund an der Oberfläche, wo ist die Verbindung zu sehen und zu spüren, wie gehen die Menschen damit um?

Es ist nicht eine Reise, von der Rumiz hier berichtet. Vielmehr sind es die Reisen vieler Jahre, etliche Texte (oder Teile davon) hat er bereits als Reportagen in der Zeitung „La Republica“ veröffentlicht, entsprechend fein sind die Kapitel gearbeitet. Hier führt er sie nun zu einem spannenden Ganzen zusammen, versucht sich an einem großen Bild, das zwangsläufig aus vielen kleinen besteht. Und das ist gut so, denn nur so kann er die vielen Facetten auch nur annähernd fassen und bündeln. Rumiz Art, die Welt zu erkunden, ist einmal, sich vor Ort mit Spezialisten – hier mit Seismologen, Geologen, Vulkanologen – zu treffen, sich aber stets auch mit Leuten vor Ort zu unterhalten und eigene Erfahrung einzubringen. Das ergibt immer wieder großartige Geschichten, etwa jene aus Ragusa Vecchia im Süden Siziliens. Dort trifft er in der Kirche den Pfarrer. Die Kuppel des Gebäudes ist als Folge des letzten Erdbebens einsturzgefährdet und müsste abgestützt werden, damit sie beim nächsten Erdstoß stehen bleibt. Das wüssten alle, sagt der Pfarrer, verdrängten es aber nur zu gerne. Um sie also an die Gefahr zu erinnern, ließ er am 11. Januar 1993 um 14.45 Uhr, also genau 300 Jahre nach dem verheerenden Beben mitten in einer Messe von der Orgel ein gewaltiges Donnergrollen, ein Brüllen und Zischen spielen, um die Leute so „an die Stimme aus der Tiefe“ zu erinnern. Rumiz bedauert gegenüber dem Priester, diesem Schauspiel nicht beigewohnt zu haben. Ob es denn eine Aufnahme davon gebe. „Vergiss die Aufnahme“, sagt der Pfarrer. „Ich spiele sie dir live vor. Ich rufe den Orgelspieler an.“ Der kommt keuchend im Pfarrhaus an und setzt sich an die 1880 in Bergamo gebaute Orgel. „Er drosch in die Tasten und ich war so verdutzt, dass ich mich an die Brüstung klammern musste, um nicht hinzufallen“, schreibt Rumiz.

In Kalabrien sagt ihm einer, mit dem er über Erdbeben redet, über die so gerne geschwiegen wird, er sei ein wahrer Schmuggler. Es dauert, bis Rumiz merkt, dass das höchstes Lob bedeutet. Ein Schmuggler ist einer, der die Regeln bricht und Grenzen überschreitet. Ganz unten in der Hierarchie steht übrigens der Finanzbeamte. Paolo Rumiz will die Orte sehen, spüren, und bestenfalls auch hören, etwa auf Stromboli: „Schlaflos habe ich mir Notizen gemacht“, schreibt Rumiz, während es unter ihm rumort, als sei dort ein riesiges Stahlwerk mit gewaltigen Hammerschlägen und dem „Zischen schmelzenden Metalls“ – guter Stoff für mythologische Erzählungen. Ganz anders geht ein Freund in Neapel mit diesem Thema um. Als sich an dessen Grundstück in der Nähe der Pflegräischen Felder ein Riss auftat, aus dem heiße Dämpfe aufstiegen, beschloss der nicht etwa wegzuziehen, sondern die Gratiswärme zu nutzen, zum Heizen, vielleicht sogar für eine Sauna. Ein anderer zuckt auf die Gefahren eines Vulkanausbruchs angesprochen, die Schultern: An irgendwas, sagt er, muss man schließlich sterben. Pragmatischer Ansatz.

Rumiz war schon viel unterwegs, berichtete aus Krisenregionen, wanderte 500 Kilometer entlang der antiken Via Appia oder fuhr mit unterschiedlichen Bootstypen den Po hinunter bis zur Mündung, förderte dabei reichhaltige Geschichten und immer wieder neue Perspektiven zu Tage. In seinen Texten begegnet man stets grandioser, teilweise von tiefen Narben zerfurchter Natur, die er oft kleinteilig, schwelgerisch und kenntnisreich erkundet, sie dabei stets in historische und kulturelle Zusammenhänge bettet. Er legt die unterschiedlichen Schichten einer Landschaft frei, und lässt sich doch überraschen und begeistern, auch von den Bewohnern und deren Umgang mit den Gegebenheiten. Er trifft auf tiefe Religiosität (dem heiligen Emygdius von Ascoli etwa wurde im Süden der Schutz vor einstürzenden Häusern übertragen) samt flankierendem Aberglauben, auf Ängste und deren Bewältigungsstrategien, auf Gelassenheit, Fatalismus und ignorante Politik. Es seien, schreibt Rumiz, der selbst im Friaul und in Istrien lebt, „die Widersprüche eines merkwürdigen Landes, wo man schon aufgrund eines kleinen Bebens stirbt, wo man Razzien gegen Einwanderer veranstaltet, statt es mit korrupten Baulöwen aufzunehmen. Eines Landes, das nicht auf einer Bruchlinie steht, sondern eine Bruchlinie ist“. Eine enorm vielschichtige, anregende und lohnende Erkundung.

Paolo Rumiz: Eine Stimme aus der Tiefe. Reise durch das unterirdische Italien. (Original: Una voce dal Profondo. Mailand, 2023). Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio-Verlag, 297 Seiten, 28 Euro.

Tags : , ,