Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Frank Rumpel: Mick Herron »Bad Actors«

Mit sich beschäftigt

Nein, der Titel sei keineswegs eine Anspielung auf die Schauspielerinnen und Schauspieler  der „Slow Horses“-Serie bei Apple+ (aktuell bei der fünften Staffel, die sechste kommt dieses Jahr), beteuert Mick Herron am Ende seines aktuellen Romans „Bad Actors“. Vielmehr gäre der Begriff schon lange in ihm, dafür gedacht, „seinen Platz auf einem Cover zu finden“. Hat geklappt. Bad Actors gibt es bei ihm sowieso wie Sand am Meer.

In Mick Herrons Spionagewelt, „Bad Actors“ ist der mittlerweile achte Band, in Großbritannien ist im September ’25 mit „Clown Town“ gerade der neunte Teil erschienen, beschäftigen sich die Geheimdienste vor allem mit sich selbst, Intrigen fordern Aufmerksamkeit und binden Ressourcen, ebenso  Standesdünkel und kollektives Misstrauen. Daneben gilt es, sich gegen Begehrlichkeiten und allzu viel Einflussnahme seitens der Politik und dem einen oder anderen ausländischen Dienst  zu erwehren. In diesem Fall ist das Russland (der Roman erschien im Original 2022), das bereits gute Kontakte in die Downingstreet 10 hat. Ein enger Berater des Premierministers hat politische Ambitionen – und eben Verbindungen nach Moskau. Als eine hochrangige Mitarbeiterin verschwindet, beauftragt er den ehemaligen Geheimdienstchef mit Nachforschungen – mit dem Hinweis, der britische Geheimdienst könnte in den Fall verwickelt sein. Dessen aktuelle Chefin wertet das Ganze eher als Frontalangriff auf ihre Souveränität, zumal sie auch von anderer Seite unter Druck ist – hat sie doch Geld für den Dienst angenommen, um in Zeiten klammer öffentlicher Kassen etwas mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Aber sie weiß die Situation zu nutzen, indem sie eine Spur zu den Slow Horses legt, jener Truppe ausgemusterter MI5-Agenten, die ohnehin nichts mehr zu verlieren hat.

Slough House, die Zentrale der Slow Horses ist ein bizarres, von Herron immer wieder aufs Neue belebte Sinnbild eines dysfunktionalen Systems, das nur sich selbst am Leben erhält. In diesem maroden Schuppen, der von Passanten übersehen und vom Park, also der MI5-Zentrale, ignoriert wird, sind die Abgestraften damit beschäftigt, Zeit zu vernichten. Ihre Jobs sind aufwendige, endlose und dazu meist völlig unnötige Recherchen mit allenfalls sehr begrenztem Erkenntnisgewinn. Und dennoch ist diese Bürowelt mit all ihren Widrigkeiten und Absurditäten das Zentrum dieser Geschichten und auch der Kern von Herrons Slow Horses-Reihe, wie er einmal in einem Interview sagte, denn mit der Spionagewelt kannte er sich nicht aus, mit Bürohöllen sehr wohl. Angetrieben werden die Ausgemusterten von einem dauerhaft schlecht gelaunten Jackson Lamb, einem scharfsinnigen Beobachter und Analysten, der seinen Verwahrlosungsgrad dem des Hauses angepasst hat. Seine Slow Horses nähren sich von der Hoffnung, durch einen genialen Coup irgendwann doch wieder ins Blickfeld der Zentrale zu rücken, ein frommer Wunsch, den Lamb  gerne nutzt. Sie nehmen sich des aktuellen Problems pragmatisch und handfest an, suchen die Verschwundene – und finden sie auch.

Herrons Romane sind immer mehr kunstvoll verwickelte Geschichten, sie leben von grandios irren  Szenen (der aktuelle Roman etwa beginnt mit einer Art Schlachtengemälde, als Hooligans ein Sanatorium überfallen), fein ziselierten Plots und wunderbar pointierten Dialogen. Es geht ums Scheitern, immer wieder, in allen Spielarten, auf allen Ebenen, nur dass dieses Scheitern dann doch irgendwie zu einem Ergebnis führt, ein Problem löst und andere schafft. Herron hat hier von Band zu Band ein dichtes Netz aus Abhängigkeiten und Intrigen geknüpft, das die Spielräume seiner Figuren immer weiter einschränkt. Doch die bleiben agil.

Frank Rumpel

Mick Herron: Bad Actors (Bad Actors, 2022). Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag, 460 Seiten, 19 Euro.

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