
Nicht abgeschieden genug
Frank Rumpel über Jérôme Ferraris Roman „Nord Sentinelle“
Richard Francis Burton hatte gleich zwei Mal Glück, mindestens. Er durfte 1855 als erster Europäer die äthiopische Stadt Harar betreten. Sultan Ahmad Ibn Abu Bakr hatte es ihm erlaubt und ihn auch entgegen der Prophezeiung, nach der die Stadt untergehen würde, sobald ein Ungläubiger die Tore durchschritt, nach zehn Tagen auch wieder lebend ziehen lassen. Ein Jahr später starb der Sultan, 20 Jahre später fiel die Stadt. Womöglich, sinniert der Erzähler in Jérôme Ferraris Roman „Nord Sentinelle“, hätten sich beide Unglücke vermeiden lassen, wäre der Sultan nur konsequent gewesen – auch wenn Burton dann nie „Tausendundeine Nacht“ übersetzt und Ilja Trojanow seinen grandiosen Roman über Burton vielleicht nie geschrieben hätte.
Der oder die erste Reisende bleibt selten allein, ihm oder ihr folgen weitere, an etlichen Orten der Welt mittlerweile viel zu viele. Die Insel Korsika ist so ein Ort, den sich Ferraris Erzähler gelegentlich wie Sentinelle wünscht, ein abgeschiedenes Eiland im Indischen Ozean, dessen Bewohner selbstbestimmt isoliert von der Außenwelt leben und Fremde schon mal mit einem Pfeilhagel empfangen. Stattdessen, sagt sein Erzähler, hatten „wir wie Vollidioten dem ersten Reisenden unsere Arme weit geöffnet und andere Reisende waren ihm gefolgt (…) wir billigen die Transformation der Welt in ein gigantisches Shoppingcenter, wir glauben sogar, sie helfe uns, zu prosperieren.“
Auch Alexandre Romani profitiert von den Touristen – und doch ersticht er einen, tagsüber am belebten Hafen. Das Opfer, der Pariser Medizinstudent Alban Genevey, und der Täter kennen sich gut, verbrachten sie doch ihre Kindheit zusammen. Alban Genevey war mit seinen Eltern häufig auf der Insel, weil die dort einen Zweitwohnsitz haben. Und Alexandre Romani stammt aus einer Familie, die sich einst stattlichen Grundbesitz, Reichtum und Einfluss gesichert hat. Für den jüngsten Sproß der Familie fiel ein kleines Restaurant ab, wo er nun mit seinem alten Freund Alban über eine Flasche Wein in Streit geriet. Er fühlte sich gedemütigt und sah nur diesen einen Weg.
Jérôme Ferrari rekonstruiert das Ereignis und seine Motive aus mehreren Perspektiven. Sein Erzähler kehrt nach mehreren Jahren im Ausland als Lehrer auf die Insel zurück. Er ist mit dem Vater des Täters entfernt verwandt, lotste dessen Sohn gerade so durchs Abitur. Während der Erzähler aus armen Verhältnissen stammt und sich mit Bildung frei schwamm, scheint den stets begüterten Romanis dieser Weg reichlich anstrengend und wenig ertragreich. Beim Erzähler sucht Alexandre nach der Tat Zuflucht, schildert ihm seine Version. Die Freundin des Opfers liefert als Außenstehende in einer Vernehmung den Hintergrund, während die ermittelnde Komissarin sich angesichts solcher Taten längst keine Illusionen mehr macht: „Während ihres langen und anstrengenden Umgangs mit dem Verbrechen war Séverine Boghossian immer wieder aufs Neue verblüfft von dem beinahe schon systematischen Missverhältnis zwischen den Taten und den Motiven, die zu ihnen geführt hatten (…), das Missverhältnis war derart schreiend, dass Séverine Boghossian, sobald sie ein Motiv fand, stets das Gefühl beschlich, nicht eine Erklärung gefunden zu haben, die den Anforderungen der Vernunft Genüge getan hätte, sondern, im Gegenteil, nur wieder vollständig in das Herz eines Rätsels eingetaucht zu sein, das sie ein weiteres Mal überwältigte und ihr den Atem verschlug, und das sie niemals würde lösen können.“
Zur Motivsuche gehört für den Erzähler auch die Familiengeschichte des Täters. Als Feudalherren lebten die Romanis lange rücksichtslos auf Kosten anderer. Als dieses Konzept nicht mehr funktionierte, mussten sich die Nachfahren anders über Wasser halten, Arbeit kam nicht in Frage. So gab es in der Verwandtschaft etwa einen berüchtigten Banditen, dessen Ruhm auf eine Journalistin zurückgeht, die ihn Anfang der 1930er Jahre in stereotypen Posen fotografierte und seine Räuberpistolen nur zu gern notierte. Letztendlich streckte ihn wohl ein junges Mädchen, an das er sich heranmachte, mit einem Axthieb nieder. Weitere Nachkommen verkauften die Ländereien, bis einer das Potential des Tourismus entdeckte. Den Romanis gehörte ein lange wertloses Stück Küste, das nun zur Goldgrube wurde. Sie bauten Ferienwohnungen, Parkplätze, Souvenirladen und Restaurant, befeuerten den touristischen Boom mit all seinen Nebenwirkungen und strickten kräftig mit an den neuen Strukturen.
„Hatten einsichtige Menschen bislang im Sommer den brütend heißen und gesundheitsschädlichen Strand gemieden, so drängten sich nun wider Erwarten und getrieben von einem kollektiven Wahn an den Stränden immer dichter werdende Massen verzückter Schwachköpfe, die herkamen, um unter der gleißenden Sonne, eingeschmiert mit Monoï und Melkfett, ihre zukünftigen Melanome zu züchten, sich von unersättlichen Moskitos und Wespen stechen zu lassen, in der lauwarmen Brühe des Mittelmeers untereinander ihre Miasmen und Mykosen zu tauschen, und obendrein auch noch willens waren, dafür zu zahlen.“
Der 1968 geborene, mehrfach ausgezeichnete Jérôme Ferrari (2012 erhielt er für seinen Roman „Die Predigt auf den Niedergang Roms“ den Prix Goncourt) erzählt diese klug komponierte, immer wieder beißend komische Geschichte in weit ausholenden, kunstvoll mäandernden Sätzen, denen Christian Ruzicska in seiner Übersetzung den richtigen Ton und Zug verliehen hat. Ferrari fächert die einzelnen Facetten wunderbar auf und holt sie gekonnt wieder ein, schnürt sie zu einem erzählerischen Paket, in dem es um Herkunft und Zugehörigkeit, um Identität und deren Brüche, um das schwierige Verhältnis zwischen Bewohnern und Besuchern und dem Dilemma geht, dass potentiell jeder zum Fremden wird, sobald er den Fuß vor die Tür setzt. Ferrari selbst ist mit all dem wohl bestens vertraut. Er wuchs als Sohn korsischer Eltern in einem Pariser Vorort auf, arbeitete nach dem Philosophiestudium als Lehrer auf Korsika, in Algier und Abu Dhabi. Seit einigen Jahren ist er wieder auf Korsika daheim, wo sich sein Erzähler fremd und heimisch zugleich fühlt, einer ist, der gerne dort lebt und doch mit den Verhältnissen hadert.
Jérôme Ferrari: Nord Sentinelle (Nord Sentinelle, 2024). Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Secession-Verlag, Wien 2025. 122 Seiten, 25 Euro. – Internetseite des Verlags über den Autor.












