Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Frank Rumpel in der »Zona Cesarini«

Durch ein fremdes Leben

Was ist nur aus ihr geworden, der Zona Cesarini? Auf die Welt schaffte sie es am 13. Dezember 1931, als die italienische Nationalmannschaft gegen Ungarn spielte. Lange stand es 2:2, bevor Renato Cesarini in der 90. Minute das Siegtor für Italien schoss. Damals wurde der Mythos geboren: Cesarini rettet in letzter Minute und diese Phase des Spiels wurde zur Zona Cesarini. Und diese Zona, die ein anderer nach ihm benannte, machte sich selbständig, blieb nicht beim Fußball, sondern sickerte in Italien allmählich in den allgemeinen Sprachgebrauch. „Staatshaushalt doch noch verabschiedet, in Zona Cesarini“, zitiert Kurt Lanthaler da etwa aus Il Giornale, 2018. Da war Renato Cesarini schon über 50 Jahre tot. Aber von vorn.

Dieser Renato Cesarini war eine schillernde Figur. Geboren 1906 in Senagallia in den Marken, wuchs er in Buenos Aires auf, weil seine Eltern 1907 ihre letzten Lire zusammen kratzten und mit dem Säugling nach Argentinien übersetzten. Und das hätte bereits schief gehen können, sank doch der für die Passage vorgesehene Dampfer beim Stapellauf. Und im Ersatzschiff drängten sich schließlich 1400 Menschen in der dritten Klasse. „Die sanitären Bedingungen auf der Hinreise waren unbefriedigend“, notierte seinerzeit der Bordarzt.

Die Cesarinis schafften es und der junge Renato begann später eine Karriere als Taschendieb, bevor er als Artist bei einem Zirkus anheuerte und schließlich für den Fußball entdeckt wurde. Er begann bei Borgata Palermo, dem Verein seines Stadtviertels, und stieg bald mit den Chacarita Juniors in die erste Liga auf. 1925 war das. 1926 spielte er in der argentinischen Nationalmannschaft. Vier Jahre später schipperte Cesarini zurück nach Europa. Das Ticket hatte sein neuer Verein Juventus Turin bezahlt. Und Cesarini ließ es sich gutgehen, leistete sich manche Eskapade, betrieb zusammen mit seinem Fußballerfreund Orsi, der ihn zu Turin gelotst hatte, eine Tangueria, wo die beiden auch selbst auftraten, hielt sich einen Affen, war Champagnertrinker und Kettenraucher mit illustren Bekannten (etwa jener unsasso, also Einstein, mit dem er Postkarten tauschte) – und Fußball spielte er auch noch. Mehrmals überquerte er den Atlantik (meist per Schiff) Richtung Argentinien und wieder zurück, war hier wie dort Spieler und legendärer Trainer, holte in beiden Funktionen etliche Titel und lieferte dabei reichlich Anekdoten.

Und Kurt Lanthaler (sein letzter Roman „Das Delta“ erschien 2007, danach legte Haymon zwei seiner Tschonnie Tschenett-Romane nochmal neu auf) hat aus diesem Stoff einen furiosen, wunderbar sperrigen, vielstimmigen, auch vielsprachigen, gewitzten und ausgreifenden Roman gemacht. Dabei lässt er Cesarini selbst zu Wort kommen, der sich sein Leben erzählend zurecht rückte, indem er in späten Jahren durch die barrios von Buenos Aires schlendernd seine Geschichte auf Band sprach – vielleicht auch nicht, aber zumindest behauptet Lanthaler das und wir glauben es ihm gerne. Zwischen den daraus destillierten Szenen finden sich bissige Kommentare und  Zeitungsberichte, wie alles hier zugespitzt und konzentriert. Eine lineare Erzählung gibt es nur ungefähr. Vielmehr springt Lanthaler gerne mal vor und zurück, ordnet ein, fasst zusammen, schweift dann ab und schlendert wieder zurück.

„Yo fui contorsionista y equilibrista“ notiert sein Erzähler da etwa aus einem Interview, das Cesarini 1965 einem Reporter des El Grafico gab und die Passage illustriert gut die Ebenen, auf denen Lanthaler sich hier leichtfüßig bewegt. „Ich war Schlangenmensch und Seiltänzer, und dass man mich jetzt la bibbia nennt, die Bibel des Fußballs, da kann man nur den Kopf schütteln, während es den Bauch pinselt. Verdad. Und schreiben sie das hier auf, gefälligst, anoteselo: Der Fußball tritt durch die Augen ein, geht durch den Kopf und dann hinunter zu den Füßen. Der umgekehrte Prozeß findet nie statt. Von den Füßen zum Kopf, niemals. De los pies a la cabeza nunca. Y ya sabe, du weißt ja: Von den Füßen zum Kopf bewegen sich nur die Geschichten fort, wennschon. Renato Cesarini no tiene medida, notiert sich der Reporter. Er kennt kein Maß, dieser Cesarini.“

Lanthaler streunt durch dieses Leben und versucht zum Glück erst gar nicht, allzu viel Ordnung hinein zu bringen oder sich entlang der fußballerischen Erfolge zu hangeln. Vielmehr konzentriert er sich auf die Nebenschauplätze, fängt über kleine Schnipsel gekonnt die Zeit und die Umstände ein, in denen sich dieser Cesarini da bewegte, sich wohl als politikferner Mensch behände (wenngleich beobachtet) durch Faschismus und Krieg lavierte. Gerade dadurch, dass Lanthaler gar nicht alles ausleuchten mag, vieles im Ungefähren lässt und stattdessen starke Akzente setzt, erzählt er auch davon, wie sich so ein flüchtiges Leben, so ein Mythos (die Zona!) sträubt, in eine Form gepackt zu werden. Schließlich entzog sich Cesarini selbst immer wieder, verschwand von der Bildfläche, spielte mit Erwartungen, schraubte kräftig mit an der eigenen Legende. „Im Nachhinein ein Leben entwirft er sich, mag es einem scheinen“, notiert Lanthalers Erzähler.

„Im Nachhinein, ein Leben, ganz wie andere sich einen Ball vor die Füße legen, o meglio, dem Tänzer ans Bein, ein dringlicher cabaceo, eine Aufforderung zum Tango, die man nicht ausschlagen kann, sagte Renato Cesarini. Auf einem seiner ebenso ausschweifenden wie scheinbar ziellosen Streifgänge durch die  Vicoli und Viuzze, le calle e le contrade, die Gassen, der Boca, der Borgata Palermo, die Straßen von Buenos Aires. Wir schreiben das Jahr 1967, Renato Cesarini ist inzwischen einundsechzig Jahre alt, wirkt dabei etwas älter. Und wird noch knapp zwei Jahre zu leben haben. Was er aber, Zona Cesarini hin oder her, wohl nicht weiß. Er sagt auf jeden Fall nichts dazu.“ Grandios.

Frank Rumpel

Kurt Lanthaler: Vorabbericht in Sachen der Zona Cesarini. Roman. Folio Verlag, Bozen-Wien 2024. 258 Seiten, 25 Euro.

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