Geschrieben am 1. März 2026 von für Crimemag, CrimeMag März 2026

Frank Rumpel: Gianrico Carofiglio »Der Horizont der Nacht«

Im Zweifel

Es ist ein scheinbar klarer Fall. Elvira Castell hat ihren Schwager erschossen, machte sich mit geladener Pistole auf den Weg und streckte ihn nach kurzem Disput nieder. Einige Monate zuvor hatte sich ihre Zwillingsschwester umgebracht – wegen ihm, sagt Elvira Castell. Er lebte auf ihre Kosten, war dominant, gewalttätig und blieb nach ihrem Tod in der Wohnung. Sie habe ihn zum Auszug bewegen wollen, deswegen habe sie die Waffe mitgenommen, sagt sie ihrem Anwalt Guido  Guerrieri (dem Carofiglio bereits sechs Romane gewidmet hat, dies ist der siebte). Weil der von einem Freund um Hilfe für die Frau gebeten wird, sieht er sich den Fall genauer an und entwickelt schließlich aus vagen Indizien, die ein privater Ermittler für ihn untermauert, die These, sie habe nach einem aus dem Ruder gelaufenen Streit aus Notwehr gehandelt. Doch das Verhalten von Elvira Castell, die nach der Tat anscheinend eine Amnesie hatte und deren Erinnerung erst nach und nach in Bruchstücken greifbar wird, irritiert den Anwalt.

Der ist ohnehin in einer Phase der Zweifel, an sich, an seinem Beruf, vor allem auch – ein Motiv, das sich durch Carofiglios Romane zieht – Zweifel daran, was Gerechtigkeit ist, sein kann, ob er sie als Anwalt befördert oder gelegentlich vielleicht auch behindert. Deshalb macht er eine Psychoanalyse, sucht nach Sinn und Zukunft, aber eben auch nach Erinnerungen, die gleichwohl bei ihm, wie bei seiner Klientin verschüttet scheinen. Und je mehr er sich selbst besser versteht, umso klarer wird auch der Blick auf Elvira Castell.

Die Vorbereitungen für den Prozess und der Prozess selbst sowie die Sitzungen beim Therapeuten hat Carofiglio hier in zwei Strängen nebeneinander gestellt und eng verflochten. Der Fall treibt den Anwalt um, der sich nicht sicher ist oder zumindest immer unsicherer wird, ob er die zusammengetragenen Indizien tatsächlich richtig deutet und richtig nutzt, ja, ob es sie auch wirklich gibt. Was, wenn die Frau nur dorthin ist, um ihren ehemaligen Schwager zu ermorden? Dann hat er aus wenigen Anhaltspunkten nichts weiter, als eine Geschichte destilliert, eine Fiktion, die seiner Mandantin, sollte ihm das Gericht folgen, zu einer milderen Strafe verhelfen kann. Was er selbst will und glaubt, wie sehr er seiner Intuition traut und folgt, das legt er allmählich in seiner Therapie frei.

Das alles erzählt der ehemalige Richter, Antimafia-Staatsanwalt und Senator Carofiglio unaufgeregt, detailliert und behutsam, der Ton ist etwas melancholisch. Er steigt tief ein in juristische Taktik, Prozessabläufe und Therapiesitzungen, doch bleibt alles anschaulich und nachvollziehbar, wenngleich die Sitzungen zwangsläufig etwas ausufern. Carofiglios belesener, immer wieder die Literatur befragender avvoccato, der eigentlich doch lieber Schriftsteller wäre (Carofiglio selbst veröffentlichte seinen ersten Roman 2002 mit 41 Jahren) verrennt sich hier in einem Fall, wie in seinem Leben, folgt einer Spur, die er selbst gelegt hat und sieht erst allmählich wieder Licht.

Frank Rumpel

Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht (L’orizzonte della notte, 2024) Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Folio Verlag, Bozen/ Wien 2026. 267 Seiten, 26 Euro.

Tags :