Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Frank Rumpel: »Die Schakalin« von Mike Nichol

Die eigenen Reihen aufmischen

Zu Mike Nicols erstem Cop-Roman – von Frank Rumpel

Zara Dewane ist Captain bei der Polizei in Kapstadt, Leiterin der Abteilung für Interne Ermittlungen am südafrikanischen Western Cape. Es ist eine winzige Abteilung, zwei Leute in einem schäbigen Büro weit abseits der Kollegen – von diesen aber dennoch argwöhnisch beäugt. Keiner traut ihnen über den Weg, auch die Ebenen darüber nicht, wirft eine solche Abteilung mit ihren Ermittlungen doch bestenfalls ein schlechtes Licht auf die Polizei, stört eingespielte Abläufe,  bringt alles durcheinander. Aber Zara Dewane lässt sich weder beeindrucken, noch bremsen.

„Die Schakalin“ (im Original „Falls the Shadow“) ist Mike Nicols zehnter Kriminalroman – und sein erster Cop-Roman. Die Polizei hat er in seinen Geschichten bisher gemieden. Er widmete sich stattdessen mit Mace Bishop und Pylon Buso zwei ehemaligen Waffenschiebern, die nun ein florierendes Sicherheitsunternehmen betreiben (Payback, Killer Country und Black Heart), dann in Power Play Bishops Tochter Krista, die eine Sicherheitsagentur nur für Frauen hat und bei einem  internationalen Machtkampf um den Abalonemarkt zwischen die Fronten gerät, und zuletzt mit Fish Pescado und Vicki Kahn, einem Privatdetektiv und einer Anwältin, die in stets schwierigem Fahrwasser operieren (Bad Cop, Korrupt, Sleeper, Das Schlupfloch und Hitman).

Und nun also eine Polizistin. Er habe sich immer gewehrt, eine Cop Novel zu schreiben, weil er nunmal aus einer Generation stamme (Nicol ist Jahrgang 1951), in der man die Cops vor allem als faschistische Truppe sah, die die Apartheidsregeln der Regierung überwachte, sagte er in einem Interview. Polizei, Geheimdienste und politische Akteure tauchten bei ihm bisher stets nur als korrupte Instanzen auf. Und diese kritische Position, diesen Abstand hält er auch mit seiner neuen Protagonistin ein, der er gleich mehrere Romane widmen möchte. Denn diese Polizistin ermittelt gegen Kolleginnen und Kollegen, was genau die Position zu sein scheint, die Nicol für sich und seine Figur braucht, zumal sich Personal (da gibt es bei ihm eine schöne Konstanz) und Themen nicht wesentlich von dem der bisherigen Geschichten unterscheidet. Es geht um blühende Korruption, um Waffengeschäfte, um Macht und Intrigen, moralfreies Handeln, diesmal eben in und aus den Reihen der Polizei. Nicol hat also nur den Fokus etwas verschoben, um weiterhin zugespitzt von drängenden Problemen zu erzählen.

Ein Familiendrama auf einer abgelegenen Farm: ein Polizist erschießt seine beiden Kinder, seine Frau und sich selbst. In einem Schuppen findet die Polizei einige Kisten mit Waffen und das lässt Zara Dewane am Hergang der Tat zweifeln, zumal ihre Kollegen die Tat allzu schnell zu den Akten legen wollen. Die Waffen stammen unter anderem aus Rückgabeaktionen, Waffen also, die vernichtet werden sollten, stattdessen aber verschwanden und nun wieder auf den Markt kommen. Dewane hat die örtliche Polizei im Verdacht, an den Geschäften beteiligt zu sein, tatsächlich aber reichen die Verbindungen bis weit nach oben in der Hierarchie – und jeder in der Reihe versucht, mal mehr, mal weniger geschickt, den eigenen Gewinn zu maximieren. Deshalb gerät Dewane selbst in Gefahr und ihre Familie gleich mit. Verkauft wird die Ware übrigens an eine Kapstadter Gang – ein perfider Kreislauf.

Mike Nicol erzählt das gewohnt zupackend, skrupellos und überraschend. Wie locker und elegant er außerdem südafrikanischen Alltag in seine Geschichte flicht, Sprachvielfalt und soziale Herkunft anklingen lässt (was Meredith Barth auch wieder gut ins Deutsche gebracht hat), aktuelle politische und gesellschaftliche Schräglagen Südafrikas feinkörnig in der Geschichte auflöst und alles passend miteinander verbindet, ist erstklassig. Und wie sich Zara Dewane in diesem Haifischbecken, das Nicol da entwirft und stetig weiter bestückt, immer aufs Neue orientieren und behaupten muss, bleibt unbedingt spannend.

Mike Nicol: Die Schakalin (Falls the Shadow, 2026). Aus dem südafrikanischen Englisch von Meredith Barth. Verlag btb, München 2025. 511 Seiten, 15 Euro.

Tags : ,