Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

»Ernst Scheidegger: Fotograf« – Das Frühwerk

»C’est comme un reportage«

Alf Mayer über »Ernst Scheidegger: Fotograf«

Seine Kamera setzte er immer taktvoll ein. Seine Fotos schreien nicht. Sie sind da. »Ernst Scheidegger: Fotograf« ist ein Buch, von dem man gleich weiß dass es in die eigene Bibliothek gehört. Ein Buch zum Bleiben. Zu seinem 100. Geburtstag ist es in dem von ihm 1997 zusammen mit Heiner Spiess gegründeten Verlag erschienen. Also ein Vermächtnis.

Es zeigt frühe, zum großen Teil bisher unveröffentlichte Aufnahmen sowie eine Auswahl bedeutender Fotografien, die Scheidegger von Künstlerinnen und Künstlern seiner Zeit gemacht hat: von Joan Miró, Hans Arp, Max Bill, Germaine Richier, Alberto Giacometti, Man Ray, Oskar Kokoscha, Fernand Léger, Marc Chagall, Max Ernst, Dalí, Le Corbusier und weiteren. Als Fotoreporter und Mitarbeiter der renommierten Agentur Magnum Photos gehörte Ernst Scheidegger (1923-2016) gleichzeitig zum engen Kreis der Pariser Kunst-Avantgarde. Er wurde einer der bedeutendsten Schweizer Fotografen des 20. Jahrhunderts. Sieben Bücher allein gibt es von ihm mit Fotos von Alberto Giacometti, das bekannteste sicher »Spuren einer Freundschaft« (1990, 2013 neu aufgelegt und erweitert).

»Erst einmal alles gründlich verlernen, was man gelernt hat«

Ein noch zu veröffentlichendes Buch – teilweise jetzt in der Geburtstags-Ausstellung schon angerissen – wäre jene große Kartonschachtel aus seinen Nachlass, die fast sechzig Jahre ungeöffnet blieb. Scheidegger hatte sie 1956 bei seiner Rückkehr aus Paris in die Schweiz mitgebracht. »Darin lagerten ungefähr hundert Fotografien, allesamt Abzüge, welche er bei seinen Freunden und Kollegen bei der Agentur Magnum in den früher 1950er-Jahren gegen eigene Fotografien eingetauscht hatte. Dieses Konvolut von Rohkopien, Presseanzügen, Archivkopien und Ausstellungsprints von Werner Bischof, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Ernst Haas, George Rodger, Ruth Orkin und David Seymour war mehr als eine Memorabiliensammlung. In gewisser Weise blieb in dieser Schachtel auch Ernst Scheideggers eigene abgebrochene Karriere als Fotoreporter und Bildjournalist versiegelt“, schreibt Tobia Bezzola in der Einleitung des Buches.

»Ernst Scheidegger: Fotograf« blättert uns nun dieses Frühwerk auf, zeigt uns die Anfänge seiner fotografischen Arbeit – und es ist, als würden wir in einen frisch restaurierten Film des Neorealismus tauchen: Das Leben, prall und direkt. Ungeschminkt. Harsch gezeichnete Motive, ein oft grobes Korn, nonchalante Fokussierung, scharfe Kontrastsituationen, Bewegungsunschärfen, prekäre Unter- und Überbelichtungen, verzogene Perspektiven und angeschnittene Motive zeigen, so Tobia Bezzola, »einen jungen Fotografen, der nicht zögert, all das, was er in der Ausbildung gelernt hat, erst einmal gründlich zu verlernen. In der Welt, die er uns zeigt, wird es nie richtig hell, aber wenn, dann ist das Licht gleich blenden grell.«

Flackernde Manegenlichter auf den Gesichtern von Zirkuskünstlern, die schäbigen Sensationen von Jahrmarkt und Rummelplatz, das Leben auf den Straßen südeuropäischer Städte. Kinder in einer Gasse in Montecasino, Kinder in einer Gasse im katalonischen Figures, Kinder vor einem Hauseingang in den Niederlanden, eine Ballettschülerin in Paris, ein voller Gebetsraum bei der Heilsarmee, eine rauchende Flugbegleiterin auf einem Swissair-Flug, Bauern auf einem Viehmarkt, ein Eishockeyspiel auf einem zugefrorenen See, Volksfeste und Arbeiterdemonstrationen, Hausfassaden, Fußgänger vor Werbeplakaten, verlassene Werften, Weltkriegsschutt, eine Metzgerei in Süditalien, Essensausgabe in einem italienischen Erziehungsheim. Alltag. Ohne Aufhebens eingefangen von einem fotografischen Flaneur. Bilder mit großer Kraft und immer noch ungeheurer Frisch, scheinbar absichtslos entstanden.

Auch Scheideggers Künstlerporträts sind fast immer »artifex«: der Künstler/ die Künstlerin zugange inmitten von Spachteln und Farbtuben, Putzlappen, Lötkolben, Gipssäcken und Terpentinflaschen. Jemand, der mit seinen Händen etwas herstellt. Scheidegger war kein Mann der Cocktailparties. »Fotokunst« war ihm kein großes Thema. Er machte.

Sehnsucht nach Aus- und Aufbruch

»Photograph, Cinéast, Gestalter, Redaktor, Maler, Verleger, Galerist«, lautete 1992 der Titel der Ausstellung über Ernst Scheidegger im Kunsthaus Zürich.  Die sieben Professionen lassen die Vielseitigkeit in seinem Werk erahnen. Geprägt wurde er in seinen Lehrjahren an der Kunstgewerbeschule Zürich von der Neuen Sachlichkeit des Lehrbeauftragten Hans Finsler. Wie viele junge Schweizerinnen und Schweizer meldete er sich nach dem Kriegsende 1946 als Freiwilliger, um sich an der Aufbauarbeit in den zerstörten europäischen Ländern zu beteiligen. Er gehörte zu einer Generation, die sich nach Jahren der Abschottung auf Aus- und Aufbruch aus der engen Heimat sehnte. Während er in Jugoslawien am Wiederaufbau der Brcko-Banovici-Bahnlinie half, hielt er in seiner Freizeit den dortigen Alltag fotografisch fest, entdeckte sein Interesse an der Reportage-Fotografie, probierte das auch bei den nachfolgenden Reisen in die Tschechoslowakei und in die Niederlande aus.

Menschen wurden ihm zum Mittelpunkt seiner fotografischen Sujets. Kompositorisch und experimentell versuchte er sie, wie in seiner Sachlichkeits-Schule gelernt, mit Licht, Schatten, Formen und Linien zu inszenieren. Das macht den Reiz seiner frühen Fotografien aus. An die 100 davon sind nach Station im Kunsthaus Zürich jetzt noch bis 21. Juli 2024 im Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI) in Lugano zu sehen. Der Katalog dazu ist ist das Buch, das ich hier bespreche..

Der sieben Jahre ältere Werner Bischof (1916-1954) wurde für Scheidegger zum Freund und Mentor. Durch ihn kam er zur Bildagentur Magnum. »Beide Photographen hegten einen Malertraum«, beschrieb Hugo Loetscher ihre Gemeinsamkeiten, »die Kamera in der Hand und irgendwo im Herzen den Pinsel.« Scheidegger selbst nannte es »bildschöpferisches Sehen«.

Die Nachrichten von Werner Bischofs Tod am 16. Mai 1954 und kurz darauf von Robert Capa am 25. Mai trafen zeitgleich in Paris ein und erschütterten die Agentur und all ihre Fotografierenden. Werner Bischof kam bei einem Autounfall in den peruanischen Anden ums Leben. Robert Capa trat neun Tage später in Vietnam bei Thaí Binh auf einen Sprengkörper, als er einen Minen-Suchtrupp fotografisch begleitete. Magnum hatte ursprünglich Scheidegger für diesen Auftrag delegiert und akkreditiert. Erst, so Tobia Bezzola, »als im allerletzten Moment für die Berichterstattung über einen Staatsbesuch in Ägypten nur der Schweizer Scheidegger rechtzeitig ein Visum ergattern kann, packt Capa, der sich eigentlich nicht mehr mit Kriegsberichterstattung hatte angeben wollen, nochmals seine Kameratasche, um den Job zu übernehmen.«

Max Bill auf dem Gelände der zukünftigen hfg, Ulm 1955 © stiftung ernst scheidegger archiv

Die tragischen Tode seiner beiden Freunde bewegten Scheidegger dazu, sich von der Reisefotografie abzuwenden und ein Angebot seines ehemaligen Dozenten Max Bill anzunehmen, nach Ulm zu gehen. Bill selbst hatte dort das Schulgebäude der Hochschule für Gestaltung (HfG) entworfen, wurde von 1953 bis 1956 ihr erster Rektor. (Zu den Studierenden dort gehörten übrigen auch Alexander Kluge und Edgar Reitz, aber das ist eine andere Geschichte.) Scheidegger wurde Dozent für das neue Fach Visuelle Gestaltung – es umfasste Fotografie, Grafik, Plakat, Ausstellungen und Film. (Auch das ist eine andere Geschichte. Siehe dazu das Buch zur Ausstellung 1992 mit all seinen Professionen im Titel: »Ernst Scheidegger: Photograph, Cinéast, Gestalter, Redaktor, Maler, Verleger, Galerist«, Bentelli, 1992.)

Der Rückblick auf sein Frühwerk schließt mit Farbaufnahmen aus Chandigarh, Indien, wo Scheidegger 1956 die Entstehung der von Le Corbusier entworfenen Stadt fotografisch festhielt. Kundige Texte von Tobia Bezzola, Direktor des Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI) in Lugano, manchen sicher auch noch als Direktor des Museums Folkwang in Essen bekannt, von Philippe Büttner, Sammlungskonservator am Kunsthaus Zürich, und von der Fotohistorikerin, Alessa Widmer, künstlerische Leiterin der Kunstmesse photo basel, zeichnen Werdegang und fotografisches Selbstverständnis von Ernst Scheidegger nach. Die Psychotherapeutin Helen Grob erinnert in einem persönlichen, poetischen Text an ihren Lebenspartnerin von 33 Jahren. Und das ist dann das letzte Foto im Buch, 2003 von Leonardo Bezzola aufgenommen. Es zeigt Ernst Scheidegger draußen, an einem Wintertag, Zigarillo im Mund, wie er einen erfrorenen Marder in Händen hält und betrachtet.

Scheideggers meisterlich zurückhaltende, bis heute lebendig und wirksame fotografische Kunst findet sich wohl am besten in einer Äußerung von Alberto Giacometti charakterisiert, am 11. Mai 1957 in einem Brief an Pierre Matisse, formuliert, in dem er ihm von einem jungen Schweizer Fotografen berichtet, der ihn porträtiert und dabei beeindruckt hat: »C’est comme un reportage.«

Alf Mayer

Ernst Scheidegger: Fotograf. Herausgegeben von der Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv. Verlag Scheidegger + Spiess, Zürich 2033. Format 23 x 30 cm, gebunden. 248 Seiten, 12 farbige und 168 s/w-Abbildungen, 58 Euro/ 59 CHF. – Die zugehörende Ausstellung »Auge in Auge. Hommage an Ernst Scheidegger« gibt es noch bis 21. Juli 2024 im MASI Lugano.

Bibliographie von Ernst Scheidegger, zur Scheidegger-Stiftung.

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