Geschrieben am 1. Oktober 2024 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2024

Eric Pfeil – Song 55 »Il mio canto libero« (1972) aus »Ciao Amore, ciao«

Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus:

Eric Pfeil: Ciao Amore, ciao. Mit 100 neuen und alten Songs durch Italien, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024. Taschenbuch, 368 Seiten, 14 Euro.

55. Il mio canto libero (1972) – Lucio Battisti

In diesem Lied des Größten der Großen liegt ein beträchtlicher Teil von Italiens Herz begraben. Wie bedeutsam das Werk Lucio Battistis für die educazione sentimentale seines Heimatlandes war, zeigt einmal mehr die folgende Anekdote.

Am 1. Oktober 1978 lassen carabinieri ein Versteck der Terrororganisation brigate rosse in der Via Monte Nevoso in Mailand auffliegen. In dem Unterschlupf entdecken die Beamten nicht nur Hinweise auf die Hintergründe der Entführung und Ermordung des christdemokratischen Politikers Aldo Moro durch die Linksterroristen im selben Jahr, sie stoßen ebenfalls auf eine Sammlung aller Schallplatten Lucio Battistis. Die irritierende Erkenntnis: Die Herzensbildung, die die italienische Kulturnation durch den Sänger aus Poggio Bustone erfuhr, machte auch vor politisch motivierten Mördern nicht Halt.

Es ist eine Anekdote, die auch deshalb relevant ist, weil sich Lucio Battisti stets mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, in seiner Musik oder in Interviews auch nur andeutungsweise politisch Stellung zu beziehen. Nein, er habe keine Botschaft und stehe auf niemandes Seite, so die gebetsmühlenartig vorgetragene Antwort des scheuen Genies. Zumal er ja auch keine Texte schrieb – das besorgte während der Glanzphase schließlich sein Songschreiberpartner Mogol. Doch Presse und Publikum mochten in den polarisierten 70ern keine Ruhe geben, immer wieder traktierte man den Musiker. So lange, bis aus trotziger Verneinung blankes Schweigen wurde. Man habe sich nicht an Lucio gewandt, weil bei ihm ein Kurs in analytischer Kommunikation zu erwarten gewesen sei, sagte sein Kollege Antonello Venditti einmal, im Gegenteil. Battisti sei im Direktkontakt praktisch stumm gewesen. Man sei vielmehr zu ihm gegangen, um einem musikalischen Genie zu lauschen. Wenn man aber aus Battistis Sich-nicht-Einlassen auf die Lagerbildung jener Epoche ableite, er sei ein Rechter gewesen, so Venditti, müsse er laut lachen.

»Il mio canto libero« (Mein freier Gesang) ist so etwas wie die Nationalhymne des Musiklandes Italien. Das Stück, das am Anfang einer Phase steht, in der Lucio immer experimenteller werden sollte, atmet die geballte Vergangenheit der musica leggera, reißt aber gleichzeitig auch die Himmel des Zukünftigen auf. Es ist simpel und clever zugleich, es hat Schmelz und Draufgängertum, es ist ein Song wie ein Zuhause, ein Lied wie ein Ort, an dem Frieden herrscht.

Battistis Stimme ist wie immer die Krönung der Laube: unerhört, expressiv, dünnhäutig, übergeschnappt, manchmal kippelig und schief, vor allem aber herzzerquetschend. Es ist, als würde die italienische Seele selbst singen. Er wisse, er habe keine große Stimme, sagte Battisti einmal, aber er wisse auch, dass er der Einzige sei, der seinen Songs Seele verleihen könne. Der weiche Mann aus Latium schneidet direkt durch den Käse. Da, wo Battisti hinrührt, kommt sonst keiner hin. Es ist der Klang der Schönheit.

Und dann ist da der Text von Mogol: »Nasce il sentimento / Nasce in mezzo al pianto / E s’innalza altissimo e va / E vola sulle accuse della gente / A tutti i suoi retaggi indifferente / Sorretto da un anelito d’amore« (Geboren wird das Gefühl / Geboren inmitten von Tränen / Es erhebt sich und fliegt ganz hoch / Und fliegt auf den Anschuldigungen der Menschen / Denen egal ist, was sie sagen / Getragen von einem Verlangen nach Liebe). Es ist das Manifest eines jungen Paares, das den fremd auferlegten Begrenzungen entfliehen will und einer erstarrten Gesellschaft den Rücken kehrt. Also doch ein kleines bisschen Politik! Mogol schreibt den Text nach der Trennung von seiner ersten Frau und der Begegnung mit seiner neuen Partnerin, der Dichterin Gabriella Marazzi. Gemeinsam mit ihr erwirbt er eine alte Mühle inmitten der grünen Landschaft bei Anzano del Parco, in die er mit Battisti ein Studio einbaut: Il Mulino. »Il mio canto libero« ist das erste von etlichen Battisti-Alben, die hier entstehen. Als Produzent firmiert der Sänger selbst – und schöpft aus dem Vollen: Der Chorgesang stammt von Nora Orlandis Gesangsgruppe 4 + 4, insgesamt spielen drei Schlagzeuger.

Lucio Battisti © Wiki Commons

Beinahe wäre das Lied, das im Erscheinungsjahr wochenlang auf Platz eins der Charts stand, gar nicht als Single erschienen. Erst im letzten Moment tauschte man den Song gegen das ursprünglich präferierte »Io vorrei … non vorrei … ma se vuoi« (Ich möchte … ich möchte nicht … aber wenn du willst) aus. Und beinahe hätte Battisti es selbst gar nicht gesungen. Mogol enthüllte nach Battistis Tod, dass dieser das Lied ursprünglich für Italiens Pop-Primadonna Mina geschrieben habe, die jedoch den Hit nicht so recht hören mochte. Fast jeder italienische Künstler und jede Band hat den Song gecovert. Es gibt eine draufgängerische Version der Rampensau Morgan, eine zarte Pop-Adaption der Hipster von Coma_Cose, dazu Fassungen von Fiorello, Raffaella Carrà, Laura Pausini und, und, und. Battisti selbst sang es zudem auf Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch – letzteres in einer recht ordentlich übersetzten Fassung von Udo Lindenberg, der freilich die Magie und das Spiel des italienischen Originals abgeht.

Auf dem Cover der Single ist lediglich ein Auge vor weißem Hintergrund zu sehen – Battistis Auge. Der Fotograf Cesare Montalbetti bezeichnete es als sein liebstes Foto des geheimnisvollen Sängers. Es zeige für ihn die Schüchternheit und Tiefe von Battistis Seele.

Eric Pfeil

Tags : ,