Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Eggenberger über „Sing mir vom Tod“ von Ivy Pochoda

An der Kreuzung von Schlimm und Schlimmer

Offiziell hat Florence „Florida“ Baum nur den Fluchtwagen gefahren. Dummerweise weiß ihre ehemalige Zellengenossin Diana Diosmary „Dios“ Sandoval, dass sie ihrem Kumpel die Brandbombe anzündete, mit der er einen Trailer samt zwei Drogenköchen hochgehen ließ. Im Gefängnis in Arizona nervt Dios sie nicht nur damit, dass sie ihr dies ständig unter die Nase reibt und auch sonst rumerzählt. „Drinnen wirst du Florida genannt. Wegen des Tons, in dem deine Haare gefärbt sind – gefängnisblond. Florence ist kein Name, den man hier trägt. Also ruinierst du dir die Haare mit billiger Tönung.“

Florida und Dios sind – neben Detective Lobos in Los Angeles, von der kein Vorname genannt wird – die Hauptfiguren in „Sing mir vom Tod“, dem neuen Roman von Ivy Pochoda („Wonder Valley“). Florida kommt aus einer wohlhabenden Familie aus dem Villenviertel Hancock Park in Los Angeles. Dios hat zwar, wie sie, eine bessere Schule besucht, aber nur dank einem Stipendium für begabte Unterschichtler.

Schon auf der ersten Seite umreißt Kace, eine andere Gefängnisinsassin, kurz und bündig, wovon diese rabenschwarze Geschichte handelt: „Man glaubt nicht, wozu Frauen in der Lage sind.“ Und gleich darauf verrät sie, wo sie endet: an der Kreuzung von Olympic Boulevard und Western Avenue in Los Angeles: „Soweit ich weiß, ist es bloß eine dieser Kreuzungen von Schlimm und Schlimmer – in jeder Richtung droht Ärger.“

Tatsächlich kommen Florida und Dios raus. Und nach Los Angeles. Der Staat muss sparen, im Knast muss Platz geschaffen werden. Darum gibt es vorzeitige Entlassungen. Hinaus in die vermeintliche Freiheit. In die Covid-Quarantäne in einem Motel in der staubigen Einöde. Nachdem da die Essenslieferungen ausbleiben, macht sich Florida – gegen die Bewährungsauflagen – auf in Richtung ihrer Heimatstadt. Doch sogleich heftet sich die von ihr besessene Dios wieder an ihre Fersen. Schon unterwegs fließt Blut. Und L. A. ist im Lockdown, Florida erkennt ihre Stadt kaum wieder: „Acht Spuren ohne Verkehr. Die ist nicht die Stadt, von der sie drei Jahre lang geträumt hat. Aber sie ist auch nicht mehr der Mensch, der diese Träume hatte.“ Anderseits: „Drinnen gab es nichts als Zeit und noch mehr Zeit. Hier draußen rast die Zeit auf der mit schlechten Entscheidungen gepflasterten Überholspur.“

Ivy Pochoda zeichnet, quasi nebenbei, ein beklemmendes Porträt der Millionenstadt in desolatem Zustand. Favela-artige Obdachlosensiedlungen wuchern immer weiter hinaus in die besseren Viertel. „Es ist eine kranke Stadt, die immer kränker wird. Die Straße ist eine eigene Pandemie innerhalb der weltweiten.“ Das ist das Revier von Detective Lobos. Sie hat häusliche Gewalt erlebt, musste ein Kontaktverbot gegen ihren Mann durchsetzen, der sie trotzdem stalkt. Gewalt gegen Frauen kennt sie nicht nur privat, sie gehört auch beruflich zu ihrem Alltag, auch nachdem sie nicht mehr bei der Sitte, sondern beim Morddezernat arbeitet. Nicht nur Gewalt gegen Frauen, auch Gewalt von Frauen. Und sie fragt sich schon mal, ob sie nicht vielleicht auch selbst dazu greifen sollte.

Wie weit ist Gewalt von Frauen eine Reaktion auf die Gewalt von Männern, auf Ungerechtigkeiten? Können Frauen auch einfach so gewalttätig sein? Auch gegen andere Frauen? Solche Fragen sind ein zentrales Thema dieses Romans. Oder, wie Lobos ihrem Kollegen zu erklären versucht: „Wir suchen nach Gründen, damit wir nicht den Verstand verlieren. Wir brauchen die Gründe für uns selbst – um dem, was wir tun einen Sinn zu verleihen. Aber es muss sie nicht unbedingt geben. Manche Leute sehen die Welt einfach gern brennen, andere wollen sie zum Brennen bringen.“

„Sing mir vom Tod“ ist ein Noir-Roman der unter die Haut geht. Eigenwillig geplottet, dramatisch erzählt. Voller Bilder, die sich gnadenlos einbrennen. Ein spektakuläres Stück.

Ivy Pochoda: Sing mir vom Tod (Sing Her Down. New York 2023). Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp, Berlin 2025. 332 Seiten, 17 Euro

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