„Wir alle heiraten einen Fremden“

Immer wieder erinnert sich Jacy auf dieser Reise an die Worte ihrer Mutter: „Wir alle heiraten einen Fremden.“ Und immer mehr versteht sie sie. Die Lehrerein aus New York ist schwanger. Mit ihrem Mann Jed, der Neonschilder herstellt, ist sie auf einem 1000-Meilen-Trip in die einsamen Wälder der abgelegenen Upper Peninsula in Michigan, um Jeds Vater, ihren Schwiegervater, kennenzulernen. In der Wildnis Michigans lernt sie auch unbekannte Seiten ihres Mannes kennen.
Jacy ist die Icherzählerin in „Hüte dich vor der Frau“, dem neuen Roman der amerikanischen Noir-Meisterin Megan Abbott. Ihr Schwiegervater, Dr. Ash, ein ehemaliger Arzt, erweist sich als charmanter älterer Mann, braungebrannt, grauhaarig, mit einem warmen Lächeln für seine schwangere Schwiegertochter. Am Anfang jedenfalls. Doch schon bald zeigen sich in der vermeintlichen Familienidylle im romantischen Sommerhaus Risse. Die Traumfamilie wird für Jacy mehr und mehr zum Alptraum.
Warum eigentlich hat Jed ihr nie erzählt, dass seine Mutter bei seiner Geburt in diesem Haus, schwimmend in ihrem eigenen Blut, gestorben ist? Und welche Rolle spielt die mysteriöse Mrs. Brandt, seit Jahrzehnten als Haushälterin der Familie tätig, wirklich? So richtig schlimm wird es, als Jacy Blutungen bekommt. Dr. Ash und Jed fahren sie zu einem Arzt in der Gegend, der ein Freund ihres Schwiegervaters ist. Als sie die drei Männer beim Diskutieren ihres „Falls“ ertappt wird ihr definitiv mulmig in der Abgeschiedenheit, wo es weder Mobilempfang noch Internet gibt und selbst das Festnetz zuweilen streikt. Der scheinbare Charmeur Dr. Ash erweist sich immer mehr als eiskalter Manipulator, der auch auf seinen Sohn großen Einfluss hat.
Steigert sich Jacy in etwas hinein, oder ist die vorgebliche Besorgnis der Männer um sie wirklich übergriffig? Ist sie einfach eine übersensible Schwangere, die auf gut gemeinte Fürsorge misstrauisch reagiert? Jacy bekommt echte Angst. Sie hat offenbar wirklich einen Fremden geheiratet. Sie will nur noch weg. Doch sie fühlt sich zunehmend überwacht von Ehemann und Schwiegervater. „Geh auf Nummer sicher. Verbirg deine Gefühle“, sagt sie sich. „Setz ein Lächeln auf und spiel schön mit. Warte auf den richtigen Augenblick – und dann lauf!“
„Hüte dich vor der Frau“ ist ein fiebrig flirrender Psychothriller mit Gothic-Elementen. Die US-amerikanische Noir-Meisterin Megan Abbott baut raffiniert eine zunehmend bedrohliche, klaustrophobe Atmosphäre auf. Dabei geht es um prekäre Familienverhältnisse, toxische Männlichkeit und tradierte Rollenbilder. Und darum, wie Männer immer unverhohlener die Kontrolle über eine Frau erlangen wollen, wobei es ihnen eigentlich nur um den Körper der Frau geht, beziehungsweise das Ungeborene darin, um „mein Enkelkind“ (Dr. Ash), um „mein Kind“ (Jed). Das ist ganz schön gruselig. Ein brillanter Roman.
Dass Abbott endlich wieder auf Deutsch zu lesen ist, verdanken wir dem Berliner Verleger Frank Nowatzki und seinem auf Kriminalliteratur der düsteren und harten Art spezialisierten Verlag Pulp Master. Megan Abbott ist die erste Frau in diesem Noir-Programm. Und sie versteht es nicht nur, sich in die Psyche und in Befindlichkeiten von Frauen einzufühlen, sondern diese auch zu dramatischen Geschichten zu kondensieren. Im Ballettmilieu spielte der erste Titel bei Pulp Master, „Aus der Balance“ (2023; „The Turnout“, 2021). In „Wage es nur!“ (2024; „Dare Me“, 2012) geht es unter Cheerleadern um Leben und Tod. Nach dem aktuellen Titel „Hüte dich vor der Frau“ ist ein viertes Buch beim Verlag in der Pipeline: der Hardboiled-Thriller „Queenpin“ (2007), der mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet worden ist.
Megan Abbott: Hüte dich vor der Frau (Beware The Woman. New York 2023). Aus dem Englischen von Peter Hammans. Pulp Master, Berlin 2025. 373 Seiten, 16 Euro.











