Geschrieben am 3. März 2025 von für Crimemag, CrimeMag März 2025

Eggenberger über das Romandebüt von Alexis Soloski

Zwischen Realität und Inszenierung

Ihr fehle eigentlich nichts, findet Vivian Parry. „Abgesehen von einem Gefühlsleben, einem ausgeglichenen Selbst und der Fähigkeit, ohne Pillen durchschlafen zu können.“ Parry, 32, ist Theaterkritikerin in New York, geschätzt und gefürchtet für ihre gnadenlosen Verrisse. Ihr Leben findet im Dunkeln statt. In den Theatersälen der Stadt, wo sie sich Tag für Tag beziehungsweise Nacht für Nacht Inszenierungen anschaut, überkommen sie Gefühle. „Wenn ich im Dunkeln bin, in sicherem Abstand zum Alltag, spüre ich alles – alle Wut, die Freude, Überraschungen. Bis die Saallichter des Theaters wieder aufleuchten und alles zerstören, bin ich lebendig.“

„Hier im Dunkeln“ heißt der Debütroman der New Yorker Kulturjournalistin Alexis Soloski. Wie ihre Protagonistin spielte sie am College Theater, wandte sich dann aber der Theaterkritik zu, schrieb viele Jahr für renommierte Medien („Village Voice“, „New York Times“, „The Guardian“), verbrachte unzählige Nächte im Dunkel von Zuschauerräumen. Das spürt man in den ebenso scharfsinnigen wie atmosphärischen Schilderungen der Welt, in der Vivian Parry arbeitet.

Aus dieser Art Parallelwelt herausgerissen wird die Kritikerin nach einem Gespräch mit einem Doktoranden. Wirklich Lust darauf, interviewt zu werden, hat sie nicht. Doch die Aussicht auf die Teilnahme an einer Podiumsdiskussion und auf eine Veröffentlichung in einer Fachpublikation lässt sie dem Interview über die Kunst der Theaterkritik zustimmen. Irgendwie kommt ihr dieser David Adler beim Gespräch in einem Café etwas seltsam vor. Vor allem auch, weil er Dinge aus ihrer Vergangenheit weiß, die man nicht einfach durch kurzes Googeln herausfinden kann.

Danach denkt sie nicht mehr an David Adler, bis sich eine junge Frau, Irina, bei ihr meldet. David, mit dem sie verlobt sei, werde vermisst. Er sei nach dem Interview mit Parry verschwunden. Da die Polizei ihre Vermißtenanzeige nicht annehme, da sie keine Verwandte ist, habe sie sich an einen Privatdetektiv gewandt. Parry trifft sich mit diesem, um ihm vom Treffen mit David zu erzählen. Und vielleicht auch etwas über ihn herauszufinden. Denn all ihre entsprechenden Versuche laufen ins Leere. Weder der Podiumsveranstalter noch der Herausgeber der Fachpublikation kennen ihn.

Das rätselhafte Wesen und das angebliche Verschwinden des Mannes, dem sie eine Stunde gegenüber saß, beginnt Vivian immer mehr zu beschäftigen. Sie beginnt der Sache ernsthaft nachzugehen, obwohl sie es eigentlich besser weiß: „Auch wenn ich meinen Lebensunterhalt durch bewusste Distanzierung verdiene – indem ich abseits der Handlung sitze und werte –, hat mich der Wunsch, selbst zu handeln und teilzunehmen, nie ganz verlassen. Und ich weiß, was passiert, wenn ich mich einmische, wenn ich mir unkontrollierte Gefühle erlaube. Schlimme Dinge. Gefährliche Dinge. Dinge, für die es vielleicht stärkere Pillen oder etwas viel Schlimmeres als Pillen braucht, um sie zu unterdrücken.“

Tatsächlich gerät sie bei ihren Versuchen, den Geheimnissen des David Adler auf die Spur zu kommen, in immer bedrohlichere Situationen. Sie fühlt sich beobachtet. Sie erhält Drohungen. Immer mehr scheinen die Grenzen von Wirklichkeit und Vorstellung zu verschwimmen. Was ist Realität, was Inszenierung? Die ohnehin schon selbstzerstörerisch veranlagte Vivian verzweifelt zusehends und findet sich in ihrem Leben immer weniger zurecht. Und die düstere Geschichte nimmt Wendungen, die ihr immer näher gehen.

Nicht alles in diesem etwas überdrehten Vexierspiel ist bis ins letzte Detail schlüssig. Dennoch ist „Hier im Dunkeln“ eine streckenweise spannende und oft echt witzige Lektüre. Dies vor allem, weil Alexis Soloski mit Ironie und mithilfe origineller Nebenfiguren den Kulturbetrieb kundig karikiert. Und das Psychogramm der Frau, deren Leben zwischen Schauspiel und Realität zum Drama wird, vermag zu faszinieren.

Alexis Soloski: Hier im Dunkeln (Here In the Dark, 2023). Aus dem Englischen von Christian Lux. Eichborn Verlag, Köln 2025. 383 Seiten, 24 Euro

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