Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Eggenberger: »Das Riga-Komplott« von Michael Idov

Michael Idov Riga

Die Spione sind zurück

Nach dem – wenigstens „offiziellen“ – Ende des Kalten Krieges ist der klassische Agentenroman mehr und mehr aus der Mode gekommen. Ob es an der – entgegen den Folgen des Klimawandels – sich zunehmend abkühlenden politischen Grosswetterlage liegt, dass die Spione zwischen Buchdeckeln wieder Konjunktur haben? Der Niederländer Charles ten Tex macht mit seinen ausgezeichneten „Repair Club“-Romanen mit dem Ex-Agenten John Antink Freude, der Brite Nick Harkaway erweckte den von seinem Vater John Le Carré geschaffenen George Smiley zu neuem Leben, und der in Ungnade gefallene ehemalige dänische Geheimdienstler Lars Findsen hat sich mit dem Bestsellerautor Jacob Weinreich für einen Thriller über die Machtkämpfe um Grönland zusammengetan, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Und dann ist da Michael Idov, ein aus Lettland stammender Amerikaner, der unter sowjetischer Herrschaft in Riga aufgewachsen ist, nach der Flucht der Familie in den USA studiert hat, dort Journalist wurde und Autor von Romanen und Drehbüchern. Seine frühen Bücher hat er auf Englisch und auf Russisch veröffentlicht, seit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine schreibt er nicht mehr auf Russisch – dies so lange Putin an der Macht ist, wie er vor vier Jahren öffentlich erklärte.

Um das unheilvolle Wirken der russischen Geheimdienste geht in seinem ersten Agententhriller „Das Riga-Komplott“ (Original: „The Collaborators“). Ari Falk arbeitet als CIA-Agent in Riga; gegen aussen leitet er ein kleines Medienbüro. Dieses verbreitet Russland-kritische Informationen und Desinformationen. Im August 2021 erwartet Falk auf dem Flughafen den „vom Kreml meistgehassten Blogger“, mit dem er zusammenarbeitet. Doch der ist nicht mehr im Flugzeug aus Istanbul, das unter dem Vorwand einer Bombendrohung im belarussischen Minsk zu einer Zwischenlandung gezwungen worden ist. Nur die Russen nahmen die Drohung einer unbekannten kurdischen Separatistengruppe „für bare Münze, was für sich genommen ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl war und im Prinzip einem Schuldeingeständnis gleichkam. So wurde das Spiel heutzutage gespielt: Jede Seite log so schamlos wie möglich, um den anderen zu demonstrieren, dass sie damit durchkamen.“

Wenig später wird Falks Büro überfallen. Seine Mitarbeiterin und sein Mitarbeiter werden erschossen. Er entkommt knapp. Er flieht nach Berlin, wird dann nach London beordert. Dort entzieht er sich der Bewachung durch britische Kollegen, um die Hintermänner des brutalen Überfalls zu suchen. Die Recherchen führen ihn zunächst nach Tanger. Dort begegnet er Maya Chou, die auf der Suche nach ihrem verschwundenen Vater ist. Der amerikanisch-russische Milliardär ist von einem Schiff vor Portugal verschwunden. Offenbar Suizid: Seiner Familie hat er eine Abschiedsnachricht hinterlassen. Und leere Bankkonten.

Auf dem Flug von Istanbul nach Riga ist beim erzwungenen Zwischenstopp in Minsk auch ein älteres Paar verschwunden, das auf keiner Passagierliste steht, hat Ari herausgefunden. Auf Aufnahmen vom Flughafen Istanbul sind sie zu sehen. Der Mann ist der – angeblich tote – Vater von Maya. Gemeinsam machen sich Ari und Maya auf die Suche nach ihm und den verschwundenen Milliarden. Da geht die abenteuerliche Geschichte um Lug und Trug und Doppelagenten hüben wie drüben erst richtig los.

„Das Riga-Komplott“ ist ein brillanter Thriller. Es geht um Macht und um Geld, um geheime Geldflüsse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, um geheimdienstliche Machenschaften aus der Zeit vom Beginn des Kalten Krieges bis heute. Aber auch um Liebe, sowohl neue wie über lange Zeit dauernde. Und die Entscheidungen beeinflussen kann. Das alles ist bei aller Komplexität höchst unterhaltsam erzählt und gewürzt mit allerlei Seitenhieben und witzigen Sprachbildern. Etwa wenn sich heutige russische Agenten immer noch mit „Genosse“ ansprechen, auch wenn es darum geht, dass die Russen zwar durchaus „böse und grausam“ sind, aber „ihre sagenhafte Engstirnigkeit“ viel entscheidender sei, oder wenn der protzige Privatkundenbereich der russischen Bank in Riga aussieht, als ob ein Swarowski-Laster in ein Roche-Bobois-Lager gekracht wäre. Und als Falk unter falschem Namen nach Moskau reist, liest sich seine Sorge so: „Jede genaue Überprüfung würde damit enden, dass eine Falk-förmige Leere zurückbliebe, die grösser war als jede zwölfstöckige Schachtelpuppe.“

In den USA ist inzwischen eine Fortsetzung von „Das Riga-Komplott“ erschienen, Originaltitel: „The Cormorant Hunt“. Cormorant (deutsch: Kormoran) ist der Deckname eines Hintermannes von Vorgängen im ersten Ari-Falk-Roman. Wir freuen uns schon darauf.

Michael Idov: Das Riga-Komplott (The Collaborators, 2024). Aus dem Englischen von Stefan Lux, herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. Klappenbroschur, 329 Seiten, 17 Euro.

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Hanspeter Eggenberger veröffentlicht als einziger Kritiker im deutschsprachigen Raum so gut wie je Woche die Besprechung eines aktuellen Kriminalromans. Seine Internetseite krimikritik.com sei hiermit ausdrücklich empfohlen., d. Red.
Seine Texte bei uns hier.

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