Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Die nackte Göttin – Lawrence Schiller »Marilyn & Me«

Die nackte Göttin

Alf Mayer über den Fotoband »Marilyn & Me« von Lawrence Schiller

Norman Mailer, so brummelte er etliche Male, haben die Fotos vom Mai 1962 vermutlich den Literatur-Nobelpreis gekostet. Den Fotografen Lawrence Schiller machten sie weltberühmt. Er war damals 25 Jahre alt, als er 1962 vom  Magazin »Paris Match« den Auftrag erhielt, die Schauspielerin Marilyn Monroe bei den Dreharbeiten von »Something’s Got to Give« zu fotografieren. Die beiden waren einander zwei Jahre zuvor bereits bei den Dreharbeiten zu »Machen wir’s in Liebe« begegnet. »Sie sind schon berühmt. Jetzt werden Sie mich berühmt machen«, scherzte der Fotograf, als sie über die Fotos redeten, die er von ihr machen sollte. „»Seien Sie nicht so eingebildet«, neckte ihn Marilyn, »Fotografen sind leicht zu ersetzen.«

Die Dreharbeiten im und am eigens gebauten Pool auf der Soundstage 14 der Fox Studios dauerten von um elf Uhr morgens bis nachmittags um vier. »Ich war wie ein Boxer«, erinnert Schiller sich, »ich versuchte vorauszuahnen, was als Nächstes passieren würde und reagierte.« Auch in den Drehpausen posierte Marilyn weiter. Sie wusste, dass die Fotos für sie wichtiger waren als die Filmszenen. Sie wollte zurück auf die Titelseiten der Magazine. Sie wollte Elizabeth Taylor aus den Schlagzeilen verdrängen.

Vor laufender Kamera entschied sie sich, ihr hautfarbenes Badekostüm abzunehmen und die Szene – als erster Hollywoodstar ihres Kalibers – splitternackt zu spielen. Bis da hin war das nur ein Gedankenspiel gewesen. Einige Tage vor dem Shooting am Pool hatte Lawrence Schiller »die Monroe« in ihrem Haus am Ende des Fifth Helena Drive in Los Angeles besucht. »Larry«, soll sie dort zu ihm gesagt haben, »sollte ich vollkommen nackt aus dem Pool steigen, will ich eine Garantie, dass, wenn diese Bilder auf dem Cover von Magazinen erscheinen, nirgendwo in der Ausgabe Liz Taylor erwähnt wird.«

Wir wissen solche Details, weil Lawrence Schiller selbst dem Interview-König Lawrence Grobel (»The Art oft he Interview«) ausführlich davon erzählt hat. Grobel hatte sich schon mit zahlreichen Oral-History-Aktionen bei Hollywoodstars nützlich gemacht. Statt selbst ihre Biografie zu schreiben, gaben sie ihm Interviews. So etwa Marlo Brando, später Al Pacino. Auch Schiller heuerte ihn an, seine Erinnerungen herauszukitzeln. »You owe it to history«, sagte er sich. – Und so kommen wir zu diesem Buch. Mit einem Preis von 60 Euro ist es die (immerhin beinahe zwei Kilo schwere, exzellent gedruckte) Volksausgabe eines Luxusbandes, pardon einer limitierten Collectors Edition im XXL-Format, die 1.000 Euro kostete. Sie erschien 2012 im Verlag Benedikt Taschen in einer signierten, limitierten Auflage von 1962 Exemplaren, zur Erinnerung an das Jahr, in dem Marilyn Monroe viel zu früh starb.

Lawrence Schiller erzählt darin diese Geschichte zum ersten Mal, und er erzählt sie mit Takt, Humor und Einfühlungsvermögen. Das Ergebnis ist ein überraschendes Porträt, das den Star mitten in den letzten Tagen zeigt. Drei Monate später war Marilyn Monroe tot. Mehr als zwei Drittel der in dem Band veröffentlichten Fotos wurden noch nie anderswo produziert. Andere wurden ikonisch. »Die bloße Göttin«, kalauerte 2012 »Der Spiegel« über das Buch.»Marilyn war schon, wenn sie Kleider anhatte, das Traummotiv jedes Fotografen und sogar noch umwerfender ohne. Ihre nasse Haut glänzte. Ihre Augen funkelten. Ihr Lächeln war aufreizen«“, erinnerte sich Schiller an den Moment, der für ihn zum Karrierebooster wurde und Marilyn die erhofften Schlagzeilen und Titelseiten der Magazine einbrachten. »Niemand musste sie fragen, ob sie sich nach links oder rechts drehen könne; sie wusste genau, was zu tun war.«.“

Die Welt war nicht vorbereitet, die ersten Nacktaufnahmen von Marylin zu sehen, die Schiller damals in Farbe und in Schwarz/Weiß schoss. Die Sexgöttin posierte für die Ewigkeit.

Fotos © Lawrence Schiller/ Verlag Taschen

»Something’s Got to Give« blieb der letzte, unvollendete Spielfilm Marilyn Monroes. Er sollte eine Neuverfilmung der Screwball-Komödie »Meine Lieblingsfrau« von 1940 werden. Im Original hatten Irene Dunne und Cary Grant die Hauptrollen gespielt. Die Dreharbeiten waren schwierig, die Monroe war neben der Spur, meldete sich immer wieder krank. Vom Produzenten Henry T. Weinstein erhielt sie die Erlaubnis, die Dreharbeiten für den 29. Mai – kurz nach der Poolszene – zu unterbrechen, um auf der Geburtstagsfeier des US-Präsidenten John F. Kennedy im Madison Square Garden das wohl berühmteste Geburtstags-Ständchen der Filmgeschichte zu singen: »Happy Birthday, Mister President…« (Und was immer dann in der Nacht noch passierte …) Am 1. Juni wurde ihr eigener Geburtstag mit einem kleinen Tischfeuerwerk am Set gefeiert, Lawrence Schiller fotografierte. In den nächsten Tagen meldete sie sich erneut krank. Nachdem sie an 17 von 30 Drehtagen gefehlt hatte und die Produktionskosten in die Höhe schossen, wurde sie am 8. Juni entlassen. Lee Remick sollte sie ersetzen, aber Hauptdarsteller Dean Martin machte von seiner Vertragsklausel Gebrauch und lehnte eine Neubesetzung ab: »Keine Marilyn, kein Film.«

Zur Wiedereinstellung forderte Monroe einen neuen Regisseur und eine höhere Gage. George Cukor sollte durch Jean Negulesco ersetzt werden, der schon beim Kassenschlager »Wie angelt man sich einen Millionär?« Regie geführt hatte. hatte. Die Filmarbeiten sollten im Oktober 1962 wieder aufgenommen werden. Aber es kam nicht mehr dazu. Am 5. August 1962 fand Marilyns Haushälterin die Hollywood-Göttin tot auf ihrem Bett.

Mehr als dreißig Jahre blieben die Aufnahmen von »Something’s Got to Give«, insgesamt gut sechs Stunden Filmmaterial, in den Archiven von 20th Century Fox, ehe sie restauriert und zu einem Torso von 40 Minuten Film zusammengeschnitten wurden, deutscher Titel »Marilyn – Ihr letzter Film«. Ausschnitte in einer Länge von 37 Minuten wurden in die Fernsehdokumentation »Marilyn Monroe: The Final Days« (2001) eingebaut. George Cukor übrigens drehte nach dem Fiasko 1964 »My Fair Lady«.

Und Norman Mailer, um den Bogen zum Anfang zu schlagen, verfiel Schillers damals nie veröffentlichten Aufnahmen der Monroe. Der Fotograf legte die Abzüge und Kontakbögen beim ersten Treffen der beiden in Mailers Haus in Stockbridge, Massachusetts, aus. Mailer hatte 50.000 Dollar Vorschuss für einen 15.000-Worte-Essay über die Monroe erhalten, er war auf das Angebot eingegangen – fünf Ehefrauen und sieben Kinder verlangten ihren Tribut. Schiller erhielt eben so viel, der Vertrag machte ihn zum Boss des Projekts. Zu seinem Horror lieferte Mailer einen Text mit 105.000 Worten ab. Das Layout des Buch – dann 1973 erschienen – war in Gefahr.

Schiller hatte Mailer und anderen versprochen, dass das Monroe-Buch auf der Titelseite des »Time Magazine« landen würde, tatsächlich durfte er sogar das Cover selbst gestalten. Es war eine Collage: Marilyn in Farbe, fotografiert von Bert Stern, über einem Norman Mailer thronend (in Schwarzweiß und von Schiller fotografiert). Mailer hasste es. Mailer hasste es sehr. Konnte aber nichts dagegen tun. – Außer später lamentieren, dass ihn die Verbindung mit der nackten Marilyn den Literatur-Nobelpreis gekostet hatte.

Wir aber haben Marilyn bekommen.

Lawrence Schiller. Marilyn & Me. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2026. Hardcover, Format 23.2 x 31.6 cm, Gewicht 1.95 kg. 200 Seiten, 60 Euro. – Als limitierte Collectors Edition im XXL-Format 1.000 Euro.Verlagsinformationen: www.taschen.com

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