
Hör auf den Fisch!
Frank Schorneck über Charlotte Brandi »Fischtage«
Ein zu Tobsuchtsanfällen neigender Außenseiter-Teenager begibt sich auf die Suche nach dem verschwundenen jüngeren Bruder: Dass diese Exposition nicht zwangsläufig zur tausendsten Roadtrip-Story auf den Spuren von „Tschick“ führen muss, stellt die Musikerin Charlotte Brandi in ihrem literarischen Debüt eindrucksvoll unter Beweis. Die 16-jährige Ich-Erzählerin Ella verfügt über einen sehr eigenen, rotzig-frechen Tonfall voller Sarkasmus und unterdrückter Aggressivität, hinter der sie ihre Verletzlichkeit versteckt. Für ihre Eltern – den Schauspieler, der vom Bochumer Schauspielhaus-Ensemble über den „Tatort“ bis zum Stadtteil-Kindertheater „Firlefanz“ durchgereicht wurde, und die äußerst klischeehafte Galeristin – hat Ella lediglich Verachtung übrig. Mit einem großen Maß an Fremdscham erzählt sie etwa von elterlichen Gartenfesten, auf denen Gras und Pilze gereicht werden. Zu ihrem zwei Jahre jüngerer Bruder hat Ella eigentlich kein besonders enges Verhältnis. Man „sitzt gemeinsam seine Zeit mit den Bekloppten ab“, mehr nicht. Doch als Ella eines Tages feststellt, dass der Bruder offenbar abgehauen und spurlos verschwunden ist, macht sie sich eigenmächtig auf die Suche. Die Eltern dagegen, gerade viel zu sehr mit eine handfesten Ehekrise beschäftigt, nehmen Luis‘ Verschwinden zunächst nicht ernst. Da sie auf deren Unterstützung also eh nicht zählen kann, beschließt Ella, ihr Basislager für die Suche in einer Gartenlaube in einer Schrebergartenanlage aufzuschlagen.
Bei ihrer Suche geht Ella so unkonventionell wie unkoordiniert vor. Eingebungen erhält sie von einem Plastikfisch, der an der Laubenwand hängt und der auf Knopfdruck „Don‘ worry be happy“ singt. Plötzlich allerdings beginnt der Fisch zu sprechen und behauptet zudem, mit diesem Song vor drohenden Gefahren warnen zu können. Ella schleppt also dieses Ungetüm fortan in einer Einkaufstüte mit sich, während sie nach Spuren ihres Bruders sucht. Diese Spurensuche zeigt ihr, wie fremd ihr der eigene Bruder in den letzten Monaten geworden ist. Kann es sein, dass er sich in kriminelle Machenschaften hat verwickeln lassen?
Bisweilen ergötzt sich Charlotte Brandi allzu sehr am rauen Charme des Ruhrgebiets. Ihr in Dortmund angesiedelter Roman kokettiert mit Klischees wie der Dortmunder „Tatort“ in seinen schlechtesten Momenten. Aber bevor dies manieriert wirken kann, bricht sie allzu pottromantische Momente durch die distanzierte Erzählperspektive Ellas. Der Roman überzeugt erzählerisch mit Wortwitz und detailverliebten Personenbeschreibungen, vor allem aber auf der Handlungsebene mit einer Menge unvorhergesehener Wendungen. Ella wird zusammengeschlagen, beinahe vergewaltigt, es kommt sogar zu einem SEK-Einsatz – und dennoch ist der Roman alles andere als ein Krimi. Die Suche nach Luis führt Ella letztlich dazu, sich selbst zu finden und zu akzeptieren. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman in einer äußerst ungewöhnlichen Konstellation.
Frank Schorneck
Charlotte Brandi: Fischtage. park x ullstein, Berlin 2025. 300 Seiten, gebunden, 23 Euro.











