
Kakanische Abgründe
Das Leben könnte so schön sein, so klar und sauber wie das Wasser des kleinen Badesees im Burgenland, wenn es keine Grundbesitzer gäbe, die es auf das Geld anderer abgesehen hätten. Denn für die zweihundert Ferienhäuschen rund um den künstlichen See – für die einen ein Paradies, für andere nur eine Ansammlung hässlicher Schuhschachteln – steht eine enorme Erhöhung der Pacht an. Kurz: Das Freizeitidyll der Eisenstädter ist bedroht. Aber nicht allein dadurch, auch ein Gasfeld, das unter dem See entdeckt wird, stört die vermeintliche Harmonie.
Dieser Antikrimi, wie ihn Autor Christian Klinger liebevoll nennt, beginnt mit einem verdächtigem Badeunfall, der seinen Antihelden, Abteilungsinspektor Giovanni Sinovats, auf den Plan ruft.
Der Tote wird dort gefunden, wo er nie im Leben hingeschwommen wäre. Der Pathologe stellt außerdem fest, dass er gleich mehrere Tode gestorben ist. Immerhin ist er das Pachtproblem jetzt los, aber nicht die Frage, ob sein Tod etwas mit dem Ärger über die Erhöhung der Pacht zu tun hat.
Irgendwie ahnt man schon nach den ersten Seiten, dass die Ermittlungen nicht einfach wereden und irgendwo ganz anders hinführen. Freilich nicht weit weg von dem See und dem engen Horizont der burgenländischen Mini-Hauptstadt Eisenstadt.
Autor Klinger nutzt den Fall zum Anlass einer ethnologischen Reise in einen Teil der Republik jenseits der Alpen, weit weg von Wien oder Salzburg.
Dorthin, wo der Mensch angeblich schon vor dem Tod seine Ruhe haben mag.
Seite um Seite breitet er die tief verborgene Absurdität des Seins im K.-u.-K.-Restland aus, das man dort Normalität nennt. Ein Krimi hinter dem Krimi oder, wie er es nennt: Antikrimi. Da heißt es: „Wir machen jetzt das, was manche Staaten als tägliche Routine im Umgang mit ihren Untertanen anstellen, pfeifen auf die Privatsphäre und schauen uns diese ein wenig genauer an. Beginnen wir mit …“
Am besten mit dem Kriminaler Giovanni, der sich von seiner Mutter immer wieder sagen lassen muss, dass er stinkt. Was manchmal tatsächlich stimmt.
Giovanni wirkt wie eine lebendig gewordene, zu fette Mehlspeise. Das hilft ihm bei der Abstinenz von Frauen. Fremde Damen, das Begehren und dazwischen auch noch die italienisch-narrische Mutter könnten ihn ja mit dem Strafgesetzbuch in Kontakt bringen.
Die Leiche, das Gas, machen es Gianni zudem nicht leicht. Doch er stellt sich der Sache, obwohl gerade seine Mutter gestorben ist. Mit ihrem Liebeswahn für Italien hat sie jeden, besonders ihn, verrückt gemacht. An ihrem Ableben ist er nicht ganz unschuldig, aber warum nicht die Befreiung genießen? Nie mehr „mio tesoro“ genannt zu werden statt Schatzi. Auch den Giovanni will er endlich ablegen, auf Hans, Hannes, wenn es sein muss auch auf Hansi hören. Aber nie mehr auf diesen welschen Namen. Der hat ihm eine kurze Liebesnacht der Mutter mit einem italienischen Erzeuger eingebracht, den sie nie wieder sah. War auch nicht nötig, sie erzog Gianni zu ihrem persönlichen Italiener.
Doch zurück zu den Bewohnern des kakanischen Grenzlandes, das zwar nach Ende von k.u.k kräftig geschrumpft ist, aber auch heute noch wie ein Vielvölkerstaat wirkt, in dem in manchem Bundesland, wie die Wiener behaupten, die Uhren anders gehen. Und selbst wenn sie gar nicht gingen, heißt es, ließe sich der Lauf der Zeit nicht aufhalten. Zumindest nicht ganz. Aber ist das nicht der Reiz, diese leicht morbid-nostalgische. Irgendwie lebendig untot?
Und könnte es dieses Buch sonst geben, in dem Christian Klinger so ein wunderbares Panoptikum von Zeitgenossen entwirft, das wirkt, als würde Qualtingers Herr Karl durch diese hinter der Wirklichkeit existierende Welt wandeln. Sich über nichts wundern, worüber wir uns wundern. Die einen sagen halt Leben zu dem, was sich wie Wahn und Chaos liest.
Bleibt die Frage, ob das ein Antikrimi ist. Oder das gefährlich Normale der eigentliche Krimi ist? Natürlich wird der Tod des Schwimmers zum Schluss aufgeklärt. Aber so viel sei verraten: Die Bestrafung dafür ist schwierig. Das eigentlich Spannende und zugleich Unterhaltende ist der Blick hinter die vielen Schicksale, die sich von so vielem gebeutelt fühlen, am meisten aber vom eigenen Hirn und den Vorstellungen, wie das Leben sein sollte oder nicht.
Also final: Wer einen Ösi-Krimi mit vielen Beilagen und Mehrwert lesen möchte, wer Wolf Haas’ Brenner liebt, ist hier genau richtig. Absurd, lebendig, mit der richtigen Prise Morbidität serviert.
Hoffentlich darf Giovanni weiter ermitteln. Vielleicht versetzt ihn Klinger in ein anderes Bundesland, um die untergründige Absurdität und Subversion der Menschen dort an die Oberfläche zu holen. Das kann viel spannender sein, als Massenmörder zu jagen.
Roland Keller
Christian Klinger: Giovanni, du stinkst – Sinovats ermittelt. Antikrimi. Kremayr & Scheriau, Wien 2026. Klappenbroschur, 200 Seiten, 17 Euro.












