
Wissbegierig und unerschrocken – Eine Reise durch Portugals vergangenes Weltreich
Rezension von Constanze Matthes
Sie hat die Himalaya-Region bereist und eine Handvoll einstiger südlicher Sowjetrepubliken. Sie hat die unendlich lange Grenze Russlands erkundet. Und immer hat sie auch darüber geschrieben: Erika Fatlands Bücher verbinden auf einzigartige Weise Geschichte mit Gegenwart, erzählen von nahen wie fernen Ländern, ihrer Kultur und ihren Menschen. Zwischen Januar 2022 und Januar 2024 reiste die norwegische Sozialanthropologin und mehrfach preisgekrönte Autorin auf den Spuren des einstigen portugiesischen Imperiums – und nahezu um die ganze Welt.
Wer ihr neues Buch in den Händen hält, wird womöglich zu Beginn etwas erschrecken. Mehr als 750 Seiten müssen erst einmal gelesen werden. Aber allen Skeptikern und Dicke-Bücher-Vermeidern sei an dieser Stelle schon einmal gesagt: Es liest sich weg wie nichts. Einmal in ihrem Bericht drin, schon will man diesen mächtigen Backstein nicht mehr weglegen. Und wer vielleicht doch etwas lesemüde wird, kann die vielen Fotografien der Reise oder auch die Karten betrachten, die der Band enthält.
Fatlands Reise beginnt indes nicht in Portugal, sondern in der spanischen Hafenstadt Santander, wo sie an Bord eines Autofrachters der Reederei Höegh Autoliners, die von dem norwegischen Reeder Leif Høegh gegründet wurde, geht. Das Schiff ist auf dem Weg nach Südafrika, später wird sie einen weiteren Frachter besteigen. Der südliche Kontinent war der erste Landstrich, den die Portugiesen ab dem 15. Jahrhundert erkundet und kolonialisiert haben. Grundlage dafür waren die Entdeckungsfahrten unter anderem von Heinrich dem Seefahrer, Bartolomeu Dias, der 1488 erstmals das Kap der Guten Hoffnung umsegelte, sowie später Vasca da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckte. Ihre Entdeckungsfahrten setzten den Anfang für die heutige Globalisierung, die vor allem auch durch den weltumspannenden Schiffsverkehr getragen wird.
Die portugiesische Expansion war eng mit dem Streben nach neuen Handelsrouten, insbesondere nach Asien, und der Suche nach Ressourcen verbunden, wobei später noch andere Länder wie die Niederlande, Spanien oder auch Großbritannien ein Stück vom großen Kuchen abbekommen wollten. Die Einnahme des Landes und seiner Schätze war indes jeweils immer von Gewalt, Ausbeutung und Raubbau aufgrund wertvoller Bodenschätze wie Gold oder Diamanten verbunden – mit Folgen für die einstigen Kolonien bis in die Gegenwart. Der Weg zur Unabhängigkeit war für viele Länder, die vom Sklavenhandel gezeichnet wurden und in denen oft Bürgerkriege wüteten, ein blutiger wie beschwerlicher. Ob in Angola oder Mosambik.
Fatland hat nicht nur ausgiebig zur Historie in Büchern und Dokumenten recherchiert, sie kommt vor allem den Menschen sehr nah, mit denen sie mal kurze mal ausführlichere Interviews führt. Ihr umfangreiches Werk ist deshalb nicht nur ein lehrreiches Geschichtsbuch, sondern auch eine faszinierende weil lebendige Reportage, in der sie Menschen, Orte und Landschaften, ihre Erlebnisse und Begegnungen sehr detailreich beschreibt. Sie besucht indigene Völker im Amazonas, im Meer vor St. Helena, wo Napoleon einst sein Exil verbrachte, schwimmt sie an der Seite gigantischer Walhaie. Wir erfahren auch vom Leben und der Arbeit auf einem Autofrachter. Die Norwegerin erweist sich als wissbegierig und unerschrocken, für die unverzichtbare Hilfe von Einheimischen als Scouts, Übersetzer und Vermittler zeigt sie sich dankbar.
in Jahr war Fatland fern ihrer Heimat, verteilt auf zwei Jahre. Sie reiste per Frachter, per Flugzeug, auf kleinen Booten und dem Rücksitz von Mopeds. Die Idee für diese Mammuttour gab ihr der norwegische Weltenbummler Jens A. Riisnæs, den sie in Malakka schließlich wieder traf. 29 Länder bereiste Fatland, wovon 20 in ihrem Buch erwähnt werden. Alle sind verschieden, allerdings verbunden durch die Spuren der Portugieser, die noch immer zu entdecken sind: seien es die ähnlichen Sprachen, historische Bauwerke, Traditionen und Bräuche. Manche Menschen, denen die Norwegerin begegnete, sind Nachfahren der Portugiesen. Es überrascht, wenn viele wehmütig sich die einstige „portugiesische Zeit“ zurücksehnen. Und es schockiert, dass bis heute kein einziges Denkmal an den unmenschlichen Sklavenhandel und ihre Opfer erinnert.
Fatland, 1983 in Haugesund geboren, studierte an den Universitäten in Kopenhagen und Oslo und beherrscht acht Sprachen. Sie debütierte 2009 mit dem Kinderbuch „Foreldrekrigen“. Hierzulande bekannt geworden ist sie mit ihrem Band „Die Tage danach“, mit dem sie die Auswirkungen des unfassbaren Massakers auf der kleinen norwegischen Insel Utøya am 22. Juli 2011 beschreibt und für den sie für den renommierten Brage-Literaturpreis in der Kategorie „Sachbuch“ nominiert war. Für „Seefahrer“ erhielt sie den Bokhandlerprisen, den Preis der norwegischen Buchhändler, mit dem sie bereits 2015 für „Sowjetistan“ geehrt wurde. Obwohl erst im Herbst 2024 im Original erschienen, wurde „Seefahrer“ in jenem Jahr das meist verkaufte Buch in Norwegen.
„Seefahrer“ versammelt einen riesigen Schatz an Lebensgeschichten und Wissen – aus den unterschiedlichsten Bereichen: von der Seefahrt und Wirtschaft bis hin zur Natur und Kultur. Die Sprache ist eingängig und bildhaft und verleiht diesem Buch eben jenen eingangs erwähnten Sog. Fatlands großartiges Werk ist nicht nur ein Buch für Weltenbummler und Vielreisende, sondern auch für all jene, die eher vom Sofa lesend die Welt erkunden. Und diese literarische Reise ist fulminant und unvergesslich.
Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.
Erika Fatland: Seefahrer. Eine Reise durch Portugals vergangenes Weltreich (Sjøfareren – en reise gjennom Portugals tapte imperium, 2024). Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach. Suhrkamp( Insel, Berlin 2025. 752 Seiten, Hardcover, 30 Euro.






















