
Die Kostbarkeit des menschlichen Blicks
Burkhardt Gorissen über Stefan Meetschens neuen Roman „Das Mädchen in Blau“ – das Ende der 80er Jahre als mysteriöse Coming-of-Age-Geschichte
Mit seinem neuen Roman gelingt Stefan Meetschen eine sensible Zeitreise in die Welt der deutschen Wiedervereinigung. Die Handlung ist exakt durchkomponiert, die Charaktere glaubwürdig und lebendig. In Mattes, der Hauptfigur des Romans, offenbaren sich autobiografische Bezüge, doch „Das Mädchen in Blau“ entbehrt provokativer Selbstdarstellung. Erfreulicherweise appelliert der Roman auch nicht an postmoderne Reflexe, noch spritzt Gefühlsmatsch auf, wie es bei einem „melancholischen Roman über Liebe“ (Klappentext) zu befürchten sein könnte.
Meetschen beschreibt die Initiation des Protagonisten Mattes Steenkamp auch nicht als kultischen Vorgang, sondern als Adoleszenzkrise und zieht dabei kunstvoll einen Spannungsbogen von der provinziellen Enge im niederrheinischen Wesel zu einem erotischen Erweckungserlebnis an der Côte d’Azur bis hin zum politischen Aufbruch der Weltstadt Berlin zu Zeiten des Mauerfalls.
Im kathartischen Reifeprozess verändert sich das Leben des individualistisch geprägten Suchenden rasant. Doch Mattes, besessen vom Berufswunsch Schriftsteller, ist kein Einzelgänger im elfenbeinernen Hölderlinturm, sondern ein „Novize des Lebens und der Welt“, jemand, der etwas erleben will, um „daraus eines Tages Literatur zu machen“. Zugleich wird er hineingestellt in den epochalen Aufbruch Ende der achtziger Jahre, ist somit Projektions- und Imaginationsfläche, in dem sich Aufbruch und Leidenschaft jener Zeit spiegeln. Das verführt dazu, mit Schlagworten zu hantieren. Meetschen entgeht der Gefahr dieser Banalisierung, weniger, weil er ein routinierter Autor und Journalist ist und neben Romanen auch Biografien von Mystikern, Komponisten und Märtyrern verfasste, sondern weil er sich die Kostbarkeit des menschlichen Blicks bewahrt hat. Darin gleicht ihm Protagonist Mattes. In einer Art Vision sieht er mit hellsichtiger Klarheit durch den niederrheinischen Nebel das Bild von zwei jungen Holländerinnen in Badeanzügen am Strand. Eine der beiden trägt als besonderes Merkmal ein Pflaster auf der Schulter, „das den Blick fast stärker fesselte als ihr Gesicht“.
Nach bestandenem Abitur und einem unerträglichen Ferienjob, macht sich Mattes zusammen mit dem Kiffer Axel auf den Weg nach Südfrankreich, genau gesagt, ins maralpine Antibes: „Wo die Künstler der Lost Generation den Sommer verbracht haben. Hemingway, Fitzgerald, Dos Passos. Picasso, Coco Chanel.“ Während Axel in seinem süßlichen Haschischqualm vor sich hindämmert, hat Mattes am Strand ein Déjà-vu: Die Holländerin seiner Vision. „Er bemerkte das kleine Pflaster auf ihrer Schulter, das durch das Hemd hindurchschimmerte“. Da ist es also! Was ist darunter verborgen? Schützt es oder verschweigt es etwas? Ist es Siegel? Womöglich ein Menetekel oder nur Zeichen besonderer Verwundbarkeit, wie Siegfrieds Lindenblatt auf der Schulter? In einer späteren Sequenz, sieht Mattes die über ihm schwimmende Holländerin Novelle, deren Pflaster nicht mehr auf ihrer Schulter klebt, „als habe das Wasser eine unsichtbare Last genommen. Dabei war auf dieser Welt doch nichts so, wie es schien.“
Mattes zweite Sommerreise führt ihn nach England. Auf der beunruhigenden Überfahrt lernt er einen „belgischen Dominikaner aus Jerusalem auf dem Weg nach Schottland“ kennen, der ihm einen dunkelblauen Rosenkranz schenkt. In dieser und anderen schicksalsträchtigen Begegnungen wird ein weiteres Thema gespiegelt, die Religion, die vornehmlich in katholischer, später in evangelistisch-freikirchlicher Ausfaltung als innerseelisches Tunnelsystem die zweite Ebene des Romans bildet. Als sich bei Mattes Weihnachtsbesuch die Liebe zu Novelle vertieft, stellt sich heraus, dass beide am 24. Dezember Geburtstag haben. Ein Omen? Obwohl „der ganze winterliche Weihnachtskitsch auf dünnem Eis stand“. Fast könnte man meinen, Meetschen wertet das Christentum nicht als Metapher, sondern als Krisensymptom. Auch später, nachdem ihm die Angebetete das Ende der Beziehung lapidar am Telefon mitteilt. Der für einen Moment erwogene Liebeszauber wird verworfen, denn: „Der magische Kreis, mit dem die Abenteuer des Faust begannen – gab es ihn wirklich?“ Mattes wird nicht zum Adepten, sondern lässt das Pactum Daemonicum Literatur bleiben.
Und doch öffnet sich eine metaphysische Komponente, deren Enträtselung so okkult bleiben muss, wie der Befehl zur Öffnung der Berliner Mauer, die den Schlussakkord des Romans bildet. Novelle kommt nicht zufällig aus Maastricht. Bekanntlich wurde hier die Gründung der EU besiegelt und der Grundstein für den Euro gelegt. So ist es nicht nur der aristotelischen Dramentheorie geschuldet, dass Mattes Liebe zu Novelle am Banalen zerbricht: „Jacques Delors, Präsident der EG-Kommission, blickte zielstrebig in die Zukunft. Daneben der Schriftzug: Vertrag von Maastricht 1992. Mattes las die Jahreszahl – und dachte nur an leere Flaschen“.
Die politischen Ereignisse dieser Zeit lesen sich wie der Silbenfall auf einem Steno-Block: Das Flugzeug-Unglück von Ramstein, das Geiseldrama von Gladbeck, der Lockerbie-Anschlag. Die Wiedervereinigung kontrastiert von der Vereinigung zweier Menschen. Hier zeigt sich die dritte, die politische, Ebene des Romans: Abbild und Nachbild.
Zu den eindringlichsten Passagen des Romans gehört das Sterben der Mutter. So sehr Mattes die Gebete um Heilung anzweifelt: schließlich ist „die größte Beleidigung des Menschseins: Der Tod“, waren sie nicht „auch eine Art von Magie?“ Im Krankenhaus trifft er seinen Reisegefährten Axel wieder. Der einstige Kiffer hat Drogen gegen Nächstenliebe vertauscht und absolviert seinen Zivildienst auf der Palliativstation. In Mattes vollzieht sich eine innere Glättung. „Etwas war anders. (…) Mit einem Mal verstand Mattes: Seine Mutter hatte aufgehört zu atmen (…) und der Rosenkranz lag immer noch in ihren gefalteten Händen.“
Es ist der dunkelblaue Rosenkranz, den ihm der Dominikaner auf der Überfahrt nach England schenkte. Auch hier ist auf das Detail zu achten: Blau, die Farbe auf Einkehr und Streben nach höheren Dimensionen – frei nach Yves Klein („Monochrome Bleu“).
Gemessen an der lieblos zusammengerührten Buchstabensuppe mancher aktuellen Bestseller ist „Das Mädchen in Blau“ Literatur. Es finden sich tiefsinnige Reflexionen darin ebenso wie geschickt formulierte Impressionen. Wer so virtuos schreibt, schreibt nicht für den Augenblick, sondern über den Tag hinaus.
Stefan Meetschen: Das Mädchen in Blau. Roman einer Initiation. Ruhland Verlag, Frankfurt a. M. 2026. 218 Seiten, 26 Euro.
Burkhardt Gorissen arbeitet seit 1990 als Journalist und Autor. Bekannt wurde er insbesondere durch sein autobiografisches Buch „Ich war Freimaurer“ (2009). Neben Sachbüchern veröffentlichte er auch historische Romane, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Kinderbücher.
Anm. d. Red.: Siehe auch von Stefan Meetschen: Die Alchemie des Schreibens – Das Unsichtbare in der Literatur, CulturMag Mai 2026.












