Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Mai 2024

Joachim Feldmann (JF), Tobias Goglis (TG), Alf Mayer (AM), Frank Rumpel (rum), Thomas Wörtche (TW) und dieses Mal auch: Andreas Pflüger (AP), Autor von »Wie Sterben geht«, über:

Maria Borrély: Das letzte Feuer
Eleanor Catton: Der Wald
Eli Cranor: Bis aufs Blut
Ulrike Damm: Kulp – und warum er zum Fall wurde
Pascal Garnier: An der A26
Val McDermid: Die Gabe der Lüge: Ein Fall für Kate Pirie
Maria Peteani: Der Page vom Dalmasse Hotel
Stephan Schmidt: Die Spiele
Martin Suter: Allmen und Herr Weynfeldt
Martin Walker: Im Chateau. Der sechzehnte Fall für Bruno, Chef de Police
Hank Zerbolesch: Gorbach

** **

Und wer bei euch ist Macbeth?

(AM) Im englischsprachigen Originaltitel »Birnam Wood« dräuen Konflikt und Verhängnis bereits mit, dem deutschen Titel Der Wald (schönes Cover übrigens) fehlt solche mythische Kraft, ist doch im Shakespeare-Drama »Macbeth« die Macht des Tyrannen nur solange gesichert, bis der Wald von Birnam sich nicht auf sein Schloss zubewegt:

Macbeth wird nie besiegt, bis einst hinan
Der große Birnams-Wald zum Dunsinan
Feindlich emporsteigt

Es war auch ein hoher, furchteinflößender Wald, den die heute in England lebende neuseeländische Autorin Eleanor Catton zu durchqueren hatte, um dieses Buch zu schreiben, ihren Anschlussroman an den Booker-Preis von 2013 für ihre »Gestirne« (The Luminaries). Mit 28 Jahren war sie damals die jemals jüngste Preisträgerin. Was macht man danach? Wie hält man solch eine Höhe?

Es hat dann zehn Jahre bis zum nächsten Roman gedauert. Und er ist ein Triumph. Ein Öko-Thriller weit weg von den gängigen Versatzstücken, womit Arne Dahl & Co. ihre Strickmaschen aktualisieren. Mit scharfem Auge und spitzer Zunge für soziale Interaktion, entsorgte Gegenstände und alle Facetten des Diskurses im Zeitalter von ökologischer Untergangsstimmung, political correctness und corporate speech. Eine der handelnden Personen hat ihren »Master mit einer Kritik der Unmenschlichkeit poststrukturalistischen Denkens« gemacht. Green washing erhält im byzantinisch-imaginativen Plot, den Eleanor Catton sich keineswegs fern der Wirklichkeit ausgedacht hat, eine neue Bedeutung. Amerikanische Milliardäre, die sich in Neuseeland ganze Täler kaufen und sich von Star-Architekten in die Landschaft geschmiegte doomsday bunker entwerfen lassen, gibt es wirklich. Bei Eleanor Catton wird daraus über weite Strecken des Buchs eine seltsame Allianz mit einer Gartenguerilla-Truppe – wird oder kann der Kapitalismus vielleicht doch die Welt retten? –, ehe der Vorhang nach einem donnernden Finale schließt. – Diese Besprechung ist nur ein Teaser, ausführlicher dann bei uns in der Juni-Ausgabe. Kurz ein Witz aus dem Buch: »Immer wenn ich mit der Truppe von Birnham Wood zu tun habe, fragt mein Vater: Und wer ist bei euch Macbeth?«

Eleanor Catton: Der Wald (Birnam Wood, 2023). Aus dem Englischen von Melanie Walz, Meredith Barth. Btb Verlag, München 2024. 512 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

Ein Erbe von Sherwood Anderson

(JF) In Gorbach sterben Menschen. Sie verbrennen, werden erschossen, setzen sich eine Überdosis. Einer wird tot in seiner Wohnung gefunden, einfach so. Das sagen jene, die ihn gekannt haben. Denn in Gorbach leben auch Menschen. Wenn man das so nennen kann. Der irre Ele zum Beispiel. Eine Legende. Nur einmal ist er der Polizei nicht entkommen, hat sich in seinem Sportwagen zerlegt. Nun sitzt er im Rollstuhl und wird regelmäßig von einer Beamtin besucht, die bei der Verfolgungsjagd dabei war und von ihrem Gewissen gequält wird. Sie geht ihm auf die Nerven, aber er kann es ihr nicht sagen.

Gorbach ist ein Ort wie Winesburg, Ohio, die fiktive kleine Stadt, in der Sherwood Andersons gleichnamiger Episodenroman spielt. 1919 erschienen und bis heute eines der einflussreichsten Werke der nordamerikanischen Literatur. Ein jüngeres Beispiel ist Donald Ray Pollocks „Knockemstiff“ (2008, dt. 2013). Lose verbundene Geschichten aus dem Leben einsamer Menschen. Orte, denen man am besten den Rücken kehrt, die einen aber nicht in Ruhe lassen.

Gorbach liegt am Rande einer großen Stadt im Westen Deutschlands und hat bessere Tage gesehen. Hoffnung ist nicht einmal in Sicht. Daran verzweifelt auch der Schriftsteller, eine der Figuren des Romans. Wie soll er einen Wettbewerbsbeitrag zu diesem Thema verfassen. In Gorbach?

Vielleicht hat sich Hank Zerbolesch, 1981 in Düsseldorf geboren, seit 2004 in Wuppertal, hier selbst porträtiert. Als einen Mann, der „des Schreibens wegen“ schreibt und dem es ziemlich egal ist, ob er veröffentlicht wird oder nicht. Der an seinem Anspruch auf Authentizität verzweifelt. Das lässt Zerbolesch ihn zumindest denken. Er selbst, um einiges jünger als sein Protagonist, dürfte es besser wissen. „Gorbach“, sein Debüt bei Steidl, ist, wie man es von den Büchern dieses Verlages kennt, ausgesprochen hübsch gestaltet. Der Kiosk auf dem Titelbild strahlt hell erleuchtet, ein Kontrast zum finsteren Inhalt des Romans, dem zu wünschen ist, dass die Strategie aufgeht. Denn Zerbolesch erzählt filmisch, bilderstark, traditionsbewusst. Und jemand, der neben Charles Bukowski und William S. Burroughs auch Heinz Erhardt („Wenn ich einmal traurig bin, dann trink ich einen Korn“) zu seinem Recht kommen lässt, kann nicht viel falsch machen.

Hank Zerbolesch: Gorbach. Steidl Verlag, Göttingen 2024. 190 Seiten, 22 Euro.

Vom Glück des Blindseins

(AP) Schon der erste Satz ist wunderbar: »Einem glücklichen Umstand zufolge war er jetzt blind.« Die Autorin hatte sich das Schwerste vorgenommen: einen Roman aus der Perspektive eines blinden Menschen zu schreiben. Ich kann das beurteilen. Einmal fragte mich eine Leserin meiner Jenny-Aaron-Trilogie, ob es nicht wahnsinnig herausfordernd gewesen sei, fast ausschließlich aus der Perspektive einer blinden Frau zu erzählen. Ich antwortete, es sei so, als würde jemand, der von Geburt an blind ist, einen Roman aus der Sicht eines Sehenden verfassen.

Der Verlust des Augenlichts bedeutet einen ebenso großen Verlust wie der Tod eines geliebten Menschen. Um sich als Blinder dem Leben zu stellen, braucht es unfassbaren Mut, angefangen mit dem Eingeständnis, dass man blind ist. Das Leugnen dessen prägt häufig die ersten Wochen, währt manchmal sogar Monate und Jahre. Man muss ein ganz neues Leben erfinden, um nicht zu zerbrechen. Und auch als Autor muss man eine völlig neue Art zu schreiben erfinden, denn mangels einer visuellen Beschreibung der Welt ist einem ein Großteil des vertrauten Instrumentariums genommen. Ulrike Damm ist das in herausragender Weise gelungen.

Das Glück des Blindseins – kann es das geben? Absolut, nachzulesen zum Beispiel in Das verlorene Licht, der Autobiografie von Jaques Lusseyran, der im Alter von acht Jahren erblindete und später einer der führenden Köpfe der französischen Résistance wurde. Er sagte, dass der Blinde aufhören müsse, seinem früheren Leben nachzutrauern. Nur wer sein Schicksal nicht beklage, könne sich für die neue, fremde, erstaunliche Welt öffnen, in der er nun lebe.

Diesen Kampf schildert die Autorin in allen Facetten, über alle Abgründe hinweg, in einer ebenso schönen und klaren wie schonungslosen Sprache, die fast fragmentarisch wirkt und damit das Innenleben, die Ängste und Sehnsüchte ihres Protagonisten perfekt spiegelt.

»Mittwochs habe ich Zorn. Seit vielen Jahren. Er lebt in Wächtersbach, und ich muss den Bus nehmen.«

Was hat die Frau für einen staubtrockenen Humor! Dafür, dass er in Ulrike Damms Roman zu seinem Recht kommt, gibt es gute Gründe. Nicht zuletzt den, dass es ohne Humor vollkommen unmöglich wäre, das Schicksal einer Schwerstbehinderung zu meistern. Ihr Held Kulp macht wahrlich eine Heldenreise, an deren Ende er den ersten Satz des Romans einlöst. Zu schade, dass diesem fulminanten Text nicht auch ein bisschen Glück vergönnt war – erschienen im März 2021 fiel er Corona zum Opfer, wie so viele andere gute Bücher.

Ulrike Damm: Kulp – und warum er zum Fall wurde. Drava, Klagenfurt 2021. 360 Seiten, 21 Euro.

Auch das Genre selbst ist Thema

(JF) Jamie Cobain hat eine geniale Idee. So meint er zumindest. Der einst erfolgreiche Krimiautor, dessen Popularität seit einigen unschönen Vorfällen rapide nachgelassen hat, plant den perfekten Mord. Und zwar als Teil eines detailliert ausgetüftelten Racheplans. Ob sein Vorhaben gelingen wird, bleibt allerdings im Dunkeln. Denn Cobain ist eine Figur in einem unvollendet gebliebenen Manuskript, das sich im Nachlass eines verstorbenen Schriftstellers findet und überraschende Parallelen zu einem unaufgeklärten Fall aufweist. Hat Jake Stein, so der Name des Autors, dessen Biografie der seines fiktiven Protagonisten nicht unähnlich ist, etwas mit dem Verschwinden der Studentin Lara Hardie zu tun? Das herauszufinden ist zunächst vor allem eine Denksportaufgabe für Detective Chief Inspector Kate Pirie von der Abteilung für historische Kriminalfälle bei der Polizei in Edinburgh. Denn es ist das erste Jahr der Corona-Pandemie und die erfahrene Kriminalistin befindet sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Daisy Mortimer in staatlich verordneter Isolation. Die Ermittlungen finden also unter erheblich erschwerten Bedingungen statt.

Die Gabe der Lüge, der siebte Roman, den Val McDermid ihrer Serienheldin gewidmet hat, ist eine Art Heimspiel für die schottische Autorin. Schließlich finden die Ermittlungen in einem Milieu statt, das sie seit vielen Jahren sehr gut kennt. Das eröffnet den Raum für allerhand metafiktionale Spielereien von großem Unterhaltungswert. Dabei versteht sich, dass die Lösung des Falles in keinem Verhältnis zu seiner aufwendigen Inszenierung steht. Aber das ist ja ein bekanntes strukturelles Genrephänomen. Und passt zu der Beobachtung, dass sich das Buch auch als literarischer Kommentar zu der Debatte um die voyeuristische Darstellung von Gewalt gegen Frauen in Kriminalromanen vor einigen Jahren lesen lässt.

Val McDermid: Die Gabe der Lüge: Ein Fall für Kate Pirie (Past Lying, 2023). Aus dem Englischen von Katrin Diemerling. Droemer, München 2024. 481 Seiten, 17,99 Euro.

Tiefschwarz

(TW) Die Autoroute A 26 verläuft in Nordfrankreich von Calais nach Troyes, entlang vieler blutgetränkter Schlachtfelder der französischen Geschichte. Pascal Garnier schildert uns hier diese Gegend als grau, trist, verzweifelt und beklemmend. Beklemmend ist auch das Leben der Geschwister Yolande und Bernard Bonnet. Die beiden leben in einem verrammelten Haus, in das kaum ein Lichtstrahl fällt, irgendwo am Rande einer heruntergekommenen Kleinstadt. Der Müll türmt sich seit Jahrzehnten, ein Paradies für Ratten, die überall herumlaufen und sich an allem Fressbaren gütlich tun. Yolande hat das Haus seit der Befreiung Frankreichs von den Deutschen nicht mehr verlassen. Denn damals hatte man sie kahlgeschoren, weil sie eine sexuelle Beziehung zu mindestens einem Deutschen gehabt hatte, aber eben nicht zu denjenigen „tapferen Patrioten“, die ihr die Haare vom Kopf geschoren haben. Die waren nämlich auch zumindest Schwarzhändler und Kollaborateure. Jetzt siedelt Yolande hart am Wahnsinn, eingesponnen in eine schmutzige, eklige eigene Welt. Ihr Bruder Bernard, mit dem sie eine schmuddelige fast-inzestuöse Beziehung verbindet, ist dazu verdammt, sich um sie zu kümmern, was ihn sein eigenes Lebensglück kostet. Er arbeitet für die Eisenbahn – und nachdem er eine tödliche Diagnose bekommt, fährt er mit seinem R5 die Autobahntrasse entlang auf und ab und bringt Menschen um.  Als er stirbt, bricht Yolande aus ihrem selbstgewählten Kerker aus, noch mehr Gewalt explodiert.

Pascal Garnier (1949 – 2010), einer der erst jetzt allmählich bei uns bekanntwerdenden Meistern des Roman Noir, schließt mit diesem Roman an die Beschreibungen des „ce marais de province“, dieses Sumpfs der Provinz, wie Flaubert es nannte, an, wie wir sie etwa von Georges Simenons romans durs kennen. Eine grundsätzlich mörderische Veranstaltung in enger, öder Umgebung, und hier bei Garnier besonders deutlich mit der Geschichte verbunden. Die Kollaboration und die eher sehr eklektizistische, misogyne „Rache des Volkszorns“ an Frauen sind immer noch unbeliebte Themen, und erst recht waren sie das im Jahr 1999, als der Roman entstand. Garniers Auseinandersetzung mit der Bourgeoisie laufen meistens auf Noir hinaus. In „Der Beifahrer“ zum Beispiel, benutzte er eher ein Chabrol´sches Verfahren der zynisch ausgefeilten Bösartigkeit, in An der A 26 komprimiert er gesellschaftliche Befindlichkeiten und Dispositionen auf komplexen 117 Seiten – er presst sozusagen die bitteren, blutigen Substanzen zu einem tiefschwarzen Konzentrat. Das ist grotesk (die Leiber aller handelnden Personen sind irgendwie deformiert), psychisch grausam, physisch brutal. Naturalistisch, veristisch gar auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch als symbolische Zustandsdiagnose einer Gesellschaft zu lesen, die sich jetzt, fünfunddreißig Jahre später, wieder auf einem unbehaglichen Weg befindet, der in der unbearbeiteten Schuld wurzelt, die nicht nur entlang der A26 sehr ungenügend verbuddelt ist.

Pascal Garnier: An der A26 (L‘ A26, 1999). Deutsch von Felix Mayer. Septime Verlag, Wien 2024.  117 Seiten, 19 Euro.

Weitreichende Turbulenzen

(rum)  Vier Länder, vierzig Jahre, kein klein-klein – zwischen China, Mosambik, Deutschland und der DDR spannt Stephan Schmidt seine souverän und verwinkelt angelegte Geschichte auf, die bis in die 1980er zurückreicht. Ab 1979 schufteten etwa 15.000 Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR und wurden später von der Regierung daheim um einen Gutteil ihres Lohns geprellt. Dagegen begehrten sie, in die Heimat zurückgekehrt, auf, organisierten anhaltende Proteste. Die Madgermanes wurden sie dort genannt. Schmidt rückt einen Anführer der Proteste in den Fokus, der erst an der falschen Person Rache nahm, um dann die Seiten zu wechseln und in die Politik einzusteigen. Um ihn herum kristallisiert sich diese Geschichte. 

Das Internationale Olympische Komitee tagt in Shanghai. Es geht um die nächsten Sommerspiele. Ruhig und geordnet hätte China das gerne über die Bühne gebracht. Als jedoch der IOC-Funktionär aus Mosambik tot in seinem Hotelzimmer liegt, kommt  einiges ins Rutschen. Als Verdächtigen verhaften die Behörden einen deutschen Spiegel-Journalisten, der ohne Akkreditierung ins Land gereist zu sein scheint. Die deutsche Botschaft ist involviert, eine Mitarbeiterin kennt den Verhafteten, weiß um dessen Beziehung zum Mordopfer. Ein weiterer Journalist wittert seine Chance auf eine gute Geschichte, die Staatssicherheit freilich hat eine eigene Agenda. 

Mit Rückblenden, Zeitsprüngen und Perspektivwechseln legt Schmidt in Die Spiele Schicht um Schicht und damit immer neue Zusammenhänge frei. Der Überwachungsstaat China, das Verhältnis zwischen Deutschland und China, Leben und Arbeiten im diplomatischen Dienst, die Geschichte der Madgermanes, der Journalistenjob. Es sind etliche Themen, die Schmidt hier elegant über ein kompliziertes Beziehungsgeflecht seiner Figuren miteinander verknüpft und daraus eine fein austarierte, intelligente, weitläufige Erzählung macht.

Der 1972 geborene Schmidt ist auch kein Anfänger. Als Stephan Thome hat er bereits fünf Romane veröffentlicht (mit dreien schaffte er es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis), verbrachte während seines Studiums einige Zeit in China und Taiwan, hat über „Interkulturelle Hermeneutik und konfuzianisches Denken“ promoviert, ist  mit einer Taiwanerin verheiratet und lebt aktuell in Taipeh. Das muss freilich gar nichts heißen, steht hier aber für kenntnisreich zugespitzte Verhältnisse in einem vielschichtigen Kriminalroman. Seinem ersten.

Stephan Schmidt: Die Spiele. Dumont, Köln. 415 Seiten, 24 Euro.

Wiederentdeckt: Pfiffig und vergnüglich

(JF) Berlin in den späten zwanziger Jahren. Arbeit für junge Frauen gibt es kaum, auch wenn diese fließend Englisch und Französisch sprechen. Aber Friederike Bornemann ist nicht auf den Kopf gefallen. Als Junge verkleidet, bewirbt sie sich als Liftboy in einem vornehmen Hotel. Und schon beginnt das Abenteuer.

Der Page vom Dalmasse Hotel, ein pfiffiger Unterhaltungsroman der österreichischen Autorin Maria Peteani (1888 – 1960), erschien erstmals 1933 und wurde gleich zweimal verfilmt. Der Grund liegt nahe. Schließlich ist das komische Potenzial von Travestiegeschichten unwiderstehlich. Ein weiteres Plus ist das sympathische Wesen der Heldin, die reichlich Gelegenheit bekommt, sich als detektivisches Naturtalent zu beweisen. Denn sie ist nicht die einzige Figur in diesem Roman, die eine geborgte Identität vortäuscht. Das ist ebenso wie die einhergehende Liebesgeschichte wenig überraschend, aber sehr kurzweilig. Denn Maria Peteani ist eine versierte Erzählerin, die souverän über ein reiches Repertoire an stilistischen Kniffen verfügt.

Ihre schriftstellerische Karriere aber nahm 1938, nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland, ein jähes Ende. Da eine ihrer Großmütter jüdisch war, konnte sie den „Ariernachweis“ nicht erbringen und erhielt Schreibverbot. Nach 1945 schrieb sie nur noch zwei nicht sehr erfolgreiche Romane. Ihre Werke aus der Vorkriegszeit, auch „Der Page vom Dalmasse Hotel“, wurden allerdings immer wieder aufgelegt. So ziert das Retro-Cover der schmucken Neuedition im Milena Verlag eine Zeichnung, die bereits 1962 auf dem Einband einer Buchclubausgabe zu sehen war. Ganz frisch und sehr lesenswert ist hingegen die literaturhistorische Einordnung des Romans im Nachwort des Kulturjournalisten Peter Zimmermann.

Maria Peteani: Der Page vom Dalmasse Hotel. Milena Verlag, Wien 2024. 226 Seiten, 24 Euro.

Leuchtfackel aus einer anderen Welt

(AM) Deutsche Erstausgabe für ein Buch von 1931, nach „Mistral« (Sous Le Vent, 1930) das zweite wiedererrettete Werk der französischen Erzählerin Maria Borrély (1890-1963). Literaturübersetzerin Amelie Thoma entdeckte die vergessene Autorin per Zufall: In der Vitrine einer Dorfkneipe des kleinen Lavendel-Dorfs Puimoisson im Département Alpes-de-Haute-Provence, wo sie immer Urlaub macht, war eines der alten Bücher ausgestellt, das machte sie neugierig – und dann überzeugte die Übersetzerin den Kanon Verlag, der die Autorin nun erstmals auf Deutsch herausbringt.

Jean Giono fand »Sous Le Vent« damals »wie ein praller Sack voll Minze«. Für Das letzte Feuer müsste man als Bild wohl einen üppigen Strauß Stechdisteln bemühen, so sperrig, stachlig, karg und schön ist dieser Abgesang auf ein kleines Bergdorf namens Orpierre-d’Asse, das mehr und mehr verfällt und Einwohner verliert. Nur die alte Pélagie Arnaud will ihr altes Heim nicht verlassen, obwohl ihre Enkelin und alle anderen längst ins fruchtbare Tal gezogen sind. In ihrem Haus brennt das letzte Feuer des Titels. Was Pélagie bewahrt ist mehr als nur eine Flamme. Es ist der widerspenstige Geist der Bergbauern, es ist ein Wissen um Natur, von dem wir Stadtkinder schon lange keine Ahnung und Empfindung mehr haben.

Das Buch hat weder richtigen Plot noch Handlung – „es ist“. Existentialismus pur, mit großem Wortgefühl, ganz ohne Brimborium. Rau, archaisch, kräftig und bäuerlich. Wunderbar übersetzt. 134 Seiten, von denen man nicht will, dass sie zu Ende sind. Eine Leuchtfackel aus einer anderen Welt.

Maria Borrély: Das letzte Feuer (Le dernier feu,1931). Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Kanon Verlag, Berlin 2024. 128 Seiten, Hardcover, 20 Euro.

Klischeefrei

(TG) Eli Cranor, Jahrgang 1988, versteht viel vom American Football und von Arkansas. Er war selbst als Quarterback Profi und Footballtrainer, bis er zu unterrichten und schreiben begann. Er ist in Arkansas aufgewachsen. Kein Wunder also dass sein viel gelobter Roman Bis aufs Blut (2023 „Edgar“ für das beste Debüt) in diesem Milieu spielt. Das fiktive Denton wird beherrscht von Football, also sind der Trainer und der Direktor der High-School, deren Team, die Pirates, zum ersten mal seit Jahren eine Chance auf das Playoff haben, die wichtigsten Leute am Ort. Noch wichtiger ist nur Billy Lowe, ein 18jähriger Runningback, dessen Unbeherrschtheit, Robustheit und Entschlossenheit zu Gewalt unverzichtbar sind für den Sieg.
Problem eins: Billy kommt aus einem Trailercamp und wird als Asi verachtet und gehänselt. Weshalb er einem der tonangebenden Spießerknaben seiner Crew eine verpasst und von den Vorrundenspielen ausgeschlossen wird. Problem zwei: Der neue Trainer. Der stammt aus Kalifornien, kommt also mit den Rednecks von Arkansas gar nicht klar, und will zudem Billy zu Gott bekehren. Problem drei: Der Trainer hat eine abenteuerlustige Tochter. Als Billys sadistischer und verhasster Stiefvater getötet wird, drohen alle Kräfte der Zerstörung über Billy zusammenzukrachen. Voller überraschender Wendungen, klischeefrei dank intimer Kenntnis der Verhältnisse und ihrer literarischen Durchdringung.

Eli Cranor: Bis aufs Blut (Don’t Know Tough, 2023). Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz. Atrium Verlag, Hamburg-Zürich 2024. 304 Seiten, 24 Euro. – Tobias Gohlis ist Begründer und Sprecher der Krimibestenliste. Zu seinem Krimiblog Recoil, von dem dieser Text stammt, geht es hier.

Wohlfühlkrimi, mit Estragonhühnchen

(JF) Wer Martin Walkers Kriminalromane um Bruno Courrèges, Polizeichef des fiktiven Ortes St. Denis im Perigord vor allem wegen der Rezepte liest, muss im just erschienenen 16. Band der populären Reihe bis Seite 300 vorblättern, um im Detail zu erfahren, wie der Kriminalist und Hobbykoch das auf der Umschlagrückseite angekündigt Estragonhühnchen zubereitet. Ähnlich auf die Probe gestellt wird die Geduld derer, die Im Chateau in Erwartung eines spannenden Plots erworben haben. Zwar gilt es, einen Mordanschlag auf den IT-Pionier Brice Kerquelin aufzuklären, was sich aufgrund von dessen Geheimdienstverbindungen als ziemlich schwierig erweist, doch allemal wichtiger scheint das Privatleben des sympathischen Ermittlers und seines großen Freundes- und Bekanntenkreises.

Dabei ist der zeitgeschichtliche Hintergrund der kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine spielenden Wohlfühlkrimis von Martin Walker durchaus brisant und böte genügend Stoff für einen ausgewachsenen Polit-Thriller. Doch den würden die Fans der Reihe wahrscheinlich nur ungern lesen. Also bleibt die brisante Weltlage in diesem dialogsatten Roman, „angesiedelt in einer idyllischen, friedlichen Provinz Frankreichs“ (Nachwort des Autors), vor allem Gesprächsgegenstand. Nur im actionreichen Finale geht es unerwartet blutig zu. Aber keine Sorge. Pünktlich zum 17. Fall dürfte Bruno wieder am Herd stehen können.

Martin Walker: Im Chateau. Der sechzehnte Fall für Bruno, Chef de Police (A Chateau under Siege, 2023) Aus dem Englischen von Michael Windgassen. Diogenes Verlag, Zürich 2024. 377 Seiten, 26 Euro.

Begegnung zweier feiner Helden

(JF) Zuerst ein dreister Kunstdiebstahl. Dann ein mysteriöser Todesfall. Und jede Menge Verdächtige. Daraus ließe sich etwas machen. Ein zünftiger Detektivroman alter Schule zum Beispiel. Doch gerade das ist Martin Suters neues Buch „Allmen und Herr Weynfeldt“ nicht, möchte es vielleicht auch nicht einmal sein. Allen Ermittlungsversuchen zum Trotz. Dazu passt, dass die Auflösung in beiden Fällen so banal wie naheliegend ist.

Dieses Manko wird allerdings durch die prächtige Ausstattung des schmalen Romans wunderbar kompensiert. Wer seine Figuren am liebsten gut gekleidet in feinen Restaurants erlebt, darf sich freuen, dass der notorisch klamme Kunstdetektiv John Allmen und der wohlhabende Privatier Adrian Weynfeldt, beide aus früheren Büchern des Autors wohlbekannt, endlich aufeinandertreffen. Das  Ergebnis ist Genießerprosa par excellence, zur besseren Verträglichkeit mit einer leichten Prise Ironie serviert. Und auf jeden Fall Geschmacksache.

Martin Suter: Allmen und Herr Weynfeldt. Diogenes Verlag, Zürich 2024. 216 Seiten, 26 Euro.

Tags : , , , , , , , , ,