
Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW) über:
Pedro Badrán: Verbrechen in der Provinz. Auch ein Kriminalroman
Katherine Black: May Morrigans mysteriöse Morde
Meinrad Braun: Tausend Meilen weites Land. Ein früher Western.
Grän & Waldenfels: Das Fräulein muss sterben
Robert Harris: Abgrund
Rob Hart: Assassins Anonymous
Tim O’Brien: America Fantastica
Gaea Schroeters: Trophäe
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Die Sünden der Väter
(AM) Schmuck und gediegen, gar mit einem Lesebändchen ausgestattet, das Umschlagbild ein Ölgemälde eines kolumbianischen Malers, kommt uns Verbrechen in der Provinz. Auch ein Kriminalroman von Pedro Badrán auf die Hand. Die Zürcher edition 8 – in dieser Ausgabe auch mit den Romanen von Peter Weingartner besprochen (hier nebenan) – beweist mit inzwischen 52 Programmen in 26 Verlagsjahren Geschmack und Stilwillen. Fein und klein. Pedro Badrán, als Nachkomme palästinensisch-syrischer Einwanderer 1960 im Hinterland Kolumbiens geboren, gilt zuhause als einer der herausragenden Vertreter der Post-post-García-Márquez-Generation. Drei seiner fünf Romane und Erzählungsbände gibt es sorgsam und geschliffen übersetzt bei der edition 8. Sein erster auf Deutsch erschienener Roman „Der Mann mit der magischen Kamera“, ein Porträt der Hafenstadt Cartagena, schaffte es auf die Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen. ”Die Faustregel“ versammelte 13 Kriminalfälle eines Inspektors Ulises Lopera, der später auf den Beruf des Privatdetektivs umsattelt. Der Regel des Titels zufolge funktioniert die kolumbianische Gesellschaft so: „Wann immer in Kolumbien ein Verbrechen verübt wird, kannst du mit 25 Prozent Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Guerilla dahintersteckt, und mit 25 Prozent, dass es die Paramilitärs waren; auf die normalen Verbrecher und die Narcos entfallen noch einmal 25 Prozent, und die letzten 25 teilen sich die Armee, die Polizei und die Geheimagenten der Regierung untereinander auf.“
Keine Kriminalisten oder Strafverfolger, keine Obrigkeit und keine Gerechtigkeit gibt es in „Verbrechen in der Provinz“, in dem der Ich-Erzähler Rodolfo, ein Provinzarzt, schlicht den Tod eines Freundes aufklären will, der jenseits des Flusses in der Guerillagegend Kranke behandelt hat. Es wird eine Reise in die Schatten der Kindheitstage, in die Vergangenheit der Väter und Großväter, in die Dunkelheit der Nation. Violencia nennt man die Zeit der Gewalt zwischen 1948 und 1953, der systematischen Verfolgung der Anhänger der Liberalen Partei mit 200.000 bis 300.000 Todesopfern. Elegant und poetisch, reduziert, gelassen und genau wird hier geschürft und erzählt. ”Innige Freunde unserer selbst, wollen wir nicht im Leben der anderen wühlen, obwohl wir wissen, dass ihre Miseren den unseren gleichen …“ Ein schmales, schönes Buch, kongenial von Richard Gross ins Deutsche gebracht. Ein Diamant.
Pedro Badrán: Verbrechen in der Provinz. Auch ein Kriminalroman (Crimenes de provincia, 2022). Aus dem kolumbianischen Spanisch von Richard Gross. Edition 8, Zürich 2024. Gebunden, Lesebändchen, 180 Seiten, 25 Euro.
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Spitzenkraft mit Selbsthilfegruppe
(JF) Wer glaubt, dass es Privatunternehmen gibt, die sich dem geschäftsmäßigen Töten widmen, wird sich auch nicht wundern, wenn ehemalige Angestellte solcher Firmen, nachdem sie ihr verbrecherisches Treiben eingestellt haben, einer Selbsthilfegruppe, analog zu den Anonymen Alkoholikern, beitreten, um tätig Reue zu üben. „Assassins Anonymous“ heißt die Vereinigung und der amerikanische Autor Rob Hart hat ihr einen aktionsreichen, manchmal ins Philosophische driftenden, Thriller gewidmet.
Sein Protagonist Mark, früher unter dem biblischen Decknamen „Fahles Pferd“ in mörderischer Mission unterwegs, ist fest entschlossen, endgültig Schluss mit seiner Vergangenheit machen, doch das will ihm nicht so recht gelingen. Denn noch bevor er sein erstes Jahr als reformierter Ex-Killer absolviert hat, möchte ihm ein russischer Muskelmann ans Leben. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Mark kommt mit schweren Verletzungen davon. Nun steht er vor der Aufgabe, herauszufinden, wer ihn tot sehen möchte. Und das, ohne in schlechte Gewohnheiten zurückzufallen. Schließlich war er eine Spitzenkraft in seinem alten Metier, wie anhand von Rückblenden sehr eindrücklich demonstriert wird. Aber auch in der Gegenwart weiß er, sich seiner Haut zu wehren, ohne seinen Vorsätzen untreu zu werden. Da schauen wir natürlich gerne zu, immer in dem Bewusstsein, dass in dieser Fantasiewelt für ein zufriedenstellendes Ende gesorgt wird.
Assassins Anonymous ist ein rasanter Spannungsroman, mal von finsterster Komik, mal ziemlich sentimental, und somit perfekter Schund mit großem Unterhaltungswert.
Rob Hart: Assassins Anonymous. Ein Ex-Killer-Thriller (Assassins Anonymous, 2023). Aus dem Amerikanischen von Barbara Röhl. Lübbe Verlag, Köln 2024. 333 Seiten, 12,90 Euro.
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Wenn Lug und Trug die Welt regieren
(hpe) Rechtzeitig bevor Donald Trump zur zweiten Runde ins Weiße Haus einzieht – wenn er denn nicht gleich von Mar-a-Lago aus regieren wird –, ist America Fantastica von Tim O’Brien auf Deutsch erschienen. Der 78-jährige vielfach preisgekrönte Kriegsliterat wirft in seinem nach eigenen Aussagen wohl letzten Roman einen beißend satirischen Blick auf die USA im Jahr 2019. Trump regiert. Die Covid-Pandemie beginnt. Lügen und Betrug, Fake News und Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur.
Der ehemals erfolgreiche Journalist Boyd Halverson, nach einem tiefen Fall nun Kleiderverkäufer in einer Kaufhausfiliale in der nordkalifornischen Provinz, raubt die lokale Bank aus. Die als Geisel mitgenommene Bankangestellte wird zur ständigen Begleiterin auf der Suche nach seinem Ex-Schwiegervater – der milliardenschwere Unternehmer habe sein Leben zerstört, sagt Boyd. Bald wird das ungleiche Paar selbst von allerlei Bösewichten gejagt. Das Ganze wird zu einem Roadtrip durch ein Amerika, in dem die Mythomanie, „die Lügenkrankheit“, grassiert und wo Lug und Trug Teil des ganz normalen Alltags geworden sind.
„America Fantastica“ ist eine raffinierte, höchst unterhaltsam erzählte Mischung aus fröhlich-zynischer Kriminalgeschichte und Politsatire, düsterem Noir und Wirtschaftsthriller. Wenn man derzeit dem notorischen Lügner aus Mar-a-Lago zuhört, beschleicht einen das Gefühl, dass auch O’Briens schrägste Fantasien gar nicht mehr weit von der Realität entfernt sind: „Wer einen amerikanischen Pass beantragen wollte, musste ab heute eine Geisteskrankheit nachweisen.“
Tim O’Brien: America Fantastica (America Fantastica, 2023). Aus dem Englischen von Gregor Hens. HarperCollins, Hamburg 2024. 527 Seiten, 24 Euro. – –Auf seiner Website krimikritik.com bespricht Hanspeter Eggenberger regelmäßig Kriminalromane.
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Auf nach Westen
(TW) Deutsche Western sind ja nicht gerade alltäglich (was macht eigentlich Thomas Jeier?), zumindest außerhalb des Heftchen-Formats. Meinrad Braun nennt seinen Roman Tausend Meilen weites Land einen „frühen Western“, vermutlich weil das Buch im frühen 19. Jahrhundert ansetzt und der Protagonist, Gregor Schoenheit, ein Jude aus dem Schwarzwald, schon vor der großen Emigrationswelle der 48er in die „neue Welt“ aufbricht. Dort schlägt er sich mit allerlei schrägen Jobs durch, geht nach Westen, arbeitet als Treck-Führer, gerät in den amerikanisch-mexikanische Konflikt, heiratet eine Cheyenne, verliert sie wieder, wird im amerikanischen Bürgerkrieg verwundet und kann am Ende das tun, was er schon immer tun wollte: Uhren bauen.
Der amerikanische Traum endet im Angestelltenverhältnis – Siegfried Kracauer wäre erstaunt gewesen. Ein Epos, ein Entwicklungsroman, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob man ihn wirklich als „Western“ bezeichnen sollte. Natürlich spielen die üblichen Mythen über „How the West was won“ eine Rolle, Banditen, Massaker an den Indigenen, das Glücks- und Freiheitsversprechen der Natur und gleichzeitig deren rigorose Ausbeutung, die ganze gewaltbasierte Entwicklung der USA. Braun vermeidet glücklicherweise den zuckrig-fromm-patriotischen Karl May Kitsch, kommt aber auch dem eher modernen Brutalismus eines James Carlos Blake, Daniel Woodrell oder Tom Lin nicht zu nahe. Das Buch entwickelt nach und nach einen ziemlichen Sog – allerdings erst nachdem man sich im ersten Drittel durch merkwürdige und seltsame Sprachmanierismen gequält hat, die vermutlich so etwas wie die Sprache des 19. Jahrhunderts nachbilden sollen, was aber absolut daneben geht. Vor allem der prätentiöse Tick, die Relativpronomen „der, die, das“ permanent durch „welcher, welches, welche“ zu ersetzen nervt wie Hölle – weil das, man kann das Phänomen immer wieder bei unbedarften Amateurschreibern beobachten, Kultiviertheit. Niveau und Bildung ausstrahlen soll. Glücklicherweise legt sich das im Laufe der Handlung, was natürlich anzeigen soll, dass aus dem Schwarzwaldbuben dann ein tüchtiger Amerikaner geworden ist, ein Yankee gar.
Unentschieden bleibt am Ende, ob die neue Welt eine bessere Welt ist, denn Sklaverei und Genozid bleiben permanente Größen. Auch wenn Gregor sich eher ins Private zurückzieht.
Meinrad Braun: Tausend Meilen weites Land. Ein früher Western. Emons Verlag, Köln 2024. 446 Seiten, 19 Euro.
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Man folgt atemlos
(TG) Die Autorin Gaea Schoeters (*1976 in Belgien) schreibt auf Niederländisch Opernlibretti, Artikel, Drehbücher und – Thriller. Sie ist Mitglied des Autorinnen-Netzwerks fixdit, das sich für Gender-Gerechtigkeit im Literaturbetrieb engagiert. Ihr Roman Trophäe ist im Original 2020 erschienen. Wie sie dem Standard erzählte, war sie nie in Afrika. Trotzdem kann ich mich an kein Buch erinnern, das die Hitze der Jagd, die kreatürliche Erregung in Steppe und Dschungel so intensiv erleben lässt wie dieses.
Die Geschichte, die sie inspiriert von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ erzählt, ist so eindringlich wie konsequent. Sie handelt von Hunter White, einem Wertpapierhändler, der glaubt, als Großwildjäger die im Beruf verloren gegangene Realität einholen zu können. Wilderer schießen ihm die teuer bezahlte Trophäe, ein Spitzmaulnashorn, vor der Nase weg – keine Chance, legal die „Big Five“ (Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard, Wasserbüffel) vollzumachen. Da bietet ihm sein Jagdführer die noch viel exklusivere Jagd auf eine andere Trophäe an: Er kann einem Dorf in der Nähe Reichtum verschaffen, wenn es ihm gelingt, einen ausgewählten Jungen zu jagen und zu töten. In ihm ringen Reste von Gewissen mit kolonialistischem Stolz, verpackt in der Jagdideologie, auch der Jäger setze sein Leben im Kampf mit der Beute aufs Spiel. Daran gemessen ist sein Ende peinlich.
Menschenjagd als Ultra-Hobby durchgeknallter Psychopathen und Superreicher ist ein gängiges Thrillermotiv. Aber erst im postkolonialen Kontext, den Schoeters unterlegt, wird es in seiner wahrhaft weltumspannenden Dimension klar: als Menetekel für die destruktive Lebensform einer Gesellschaft. White erlebt das Grauen auch am eigenen Verstand und Leib. Immerhin zahlt er den Geldpreis: Ein Dorfjunge kann in den Staaten studieren; die Trophäe wird seiner trophäensüchtigen Gattin angeliefert.
Man folgt Schoeters‘ Erzählung atemlos.
Erst später erinnert man sich daran, dass Joseph Conrads berühmtem Text und ihrem die Auseinandersetzung mit dem selben Menschheitsverbrechen zugrunde liegt: Die Ausplünderung und der Massenmord an den Bewohnern des Kongo unter dem belgischen König Lepold II.
„Trophäe“ ist seit März 2024 auf dem deutschen Buchmarkt. Irgendwie ist dieses Meisterwerk der Krimibestenlisten-Jury damals durch den Rechen gegangen. Erst mit der Erstellung der Krimibestenliste 2024 wurde noch einmal nach übersehenen Preziosen geforscht; das schuf die Gelegenheit, dieses Buch auf die Liste für Dezember zu wählen.
Gaea Schroeters: Trophäe (Trofee, 2020). Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay Verlag, Wien 2024. Hardcover, 255 Seiten, 24 Euro. – Tobias Gohlis ist Begründer und Sprecher der Krimibestenliste. Zu seinem Blog recoil, von dem dieser Text stammt, geht es hier.
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Die langen Siebziger
(JF) Bonn, 1972. Gefangen in einer freudlosen Ehe, am Arbeitsplatz diskriminiert und in ihrem beruflichen Eifer ausgebremst: Kommissarin Clara Frings hat, um ein damals beliebtes Adjektiv zu zitieren, allen Grund frustriert zu sein. Drei Jahre regiert eine sozialliberale Koalition die Bundesrepublik Deutschland, doch deren Reformbestrebungen haben noch keinen großen gesellschaftlichen Wandel bewirkt. Männer bestimmen, was geschieht, und Frauen müssen sich fügen. Wehren sie sich, werden sie als „Emanzen“ beschimpft. Gewalt in der Ehe gilt als Kavaliersdelikt. In Politik, Justiz und Verwaltung sitzen noch immer alte Nazis an Schaltstellen. Und Bundeskanzler Willi Brand ist nur für einen Teil der Bevölkerung ein Hoffnungsträger, von rechts wird er als Deserteur und Vaterlandsverräter beschimpft.
Keine gute Zeit für Ermittlungen, die mitten ins Herz des politischen Bonns führen. Denn Nelie Hendriks, eine niederländische Journalistin, die während einer ihrer berüchtigten Partys unter mysteriösen Umständen zu Tode kam, unterhielt Verbindungen zu einflussreichen Herren. Doch Carla Frings, unterstützt von ihrer Freundin, der Journalistin Elfi Mayer, lässt sich nicht einschüchtern und kommt gleich mehreren ausgewachsenen Skandalen auf die Spur. Und dass es nicht bei einer Toten bleibt, versteht sich. Denn erfahrene Autorinnen wie Christine Grän und Marianne von Waldenfels wissen, wie man einen zünftigen Zeitgeschichtskrimi mit hohem Identifikationspotential schreibt. Deshalb liest sich Das Fräulein muss sterben gelegentlich auch wie eine Episode der legendären Schulfunkreihe „Lebendige Vergangenheit“ in Prosaform. Kommissarin Frings und ihre Mitstreiterin sind Zeitzeuginnen par excellence. Selbst das erste Konzert der Band Queen auf dem Kontinent am 13. Oktober 1973 in dem bei Bonn gelegenen Nest Muffendorf bleibt nicht unerwähnt. Was dazu führt, dass man ständig über Details stolpert und sich zum Beispiel fragt, ob es 1973 in der Bundesrepublik tatsächlich schon Mozzarella zu kaufen gab.
Doch die beiden Autorinnen können sich weitgehend auf ihre Recherchen und die eigene Erinnerung verlassen. Schließlich hat Christine Grän selbst in den 70er Jahren als Journalistin in Bonn gearbeitet. Nur dass sie einen 3er BMW, dessen erstes Exemplar erst 1975 zu kaufen war, durch die ansonsten sorgfältig aufgebaute historische Kulisse fahren lassen, fällt als lässlicher Lapsus auf. „Das Fräulein muss sterben“ sei trotzdem zur unterhaltsamen und lehrreichen Lektüre empfohlen.
Grän & Waldenfels: Das Fräulein muss sterben. Verlag Droemer, München 2024. 348 Seiten, 17,99 Euro.
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Schulfunk

(TW) Robert Harris ist ein Phänomen. Beinahe jedes Buch ein Bestseller, Verfilmungen schon fast obligatorisch. Dabei hatte er nur eine wirklich gute Idee – „Vaterland“, aus dem Jahr 1992, eine alternative history-Geschichte, in der die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen haben.
Seitdem heißt seine Formel oft „struktureller Anachronismus“, er erzählt Geschichten von heute im Gewande eines je variablen Damals. In seinen Romanen um Cicero ist das römische Rechtssystem so formatiert wie die großen, amerikanischen Lawfirms, die Snowden-Affaire wird bei ihm zur Dreyfus-Affaire, sein Appeasement-Roman über das Münchner Abkommen 1938 wird zur Warnung vor Appeasement gegenüber Putin (oder anderen Autokraten). So weit, so gut, oder nicht so gut – das ist alles furchtbar durchschaubar, simpel, hölzern, witz- und ironiefrei.
Abgrund, sein aktueller Roman bleibt bei durchschaubar, simpel, hölzern, witz- und ironiefrei, weicht allerdings ein wenig von der Grund-Formel ab. Es geht um Herbert Henry Asquith, den britischen Premierminister, und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Asquith hat nämlich eigentlich keine Zeit für dergleichen, ist er doch manisch verliebt in Venetia Stanley (wie fast alle anderen Figuren eine historisch reale Person). Er ist doppelt so alt wie sie und verheiratet, aber das ficht ihn nicht an, genau so wenig wie die Upper Class, Hauptsache, man ist diskret. Er überschüttet sie mit Liebesbriefen, ein paar Mal am Tag, auf offiziellem Briefpapier, und legt auch immer streng geheime Dokumente oder Depeschen bei. Venetia weiß mehr über die politische Großwetterlage als sein gesamtes Kabinett (auch das ist historisch). Sie findet das erstmal super und ist geschmeichelt. Aber bald nervt der Alte – und wohin mit den Briefen und dem ganzen Geheimkrams? Zumal jetzt ein junger, ehrgeiziger Geheimdienstmann auf der eifrigen Jagd nach deutschen Spionen Wind von der Lage bekommt und die Korrespondenz mitliest.
Auch wenn wir uns bis hierhin durch schmalzige Liebesbriefe, Seufzen und Schmachten gearbeitet haben, auf Schlössern und Herrensitzen der Reichen und Mächtigen an langweiligen Diners teilgenommen und Kabinettssitzungen beigewohnt haben, in denen Churchill das kriegslüsterne Rumpelstilz gibt, wir aber sonst nichts erfahren, was nicht in jedem Geschichtsbuch über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs steht (resp. noch nicht mal das lernen wir bei Harris), nach dem wir all das ertragen haben, kommt immer noch keine Spannung auf. Sondern Weltgeschichte für Dummies: Weil Asquith in der entscheidenden Sitzung lieber über sein Verhältnis zu Venetia (die ihn gerade zum Teufel haut, natürlich auf die feine englische Art) grübelt und ihren aktuellen Brief liest, passt er nicht auf, ist mente absente – und schwupps ist die Gallipoli-Operation (der desaströse Versuch, die Dardanellen einzunehmen – ein Paradebeispiel für military plunder) beschlossen, die ihn in letzter Konsequenz sein Amt kostet. Mon dieu …
Also mal wieder, wie bei Kutscher & Co, der historische Kriminalroman oder historische Polit-Thriller als Geschichte ultralight. Wenn man es sich nur fest genug einbildet, dann weiß man jetzt, wie das so war, mit dem Ersten Weltkrieg. History Romance. Wird vermutlich verfilmt.
Robert Harris: Abgrund (Precipice, 2024). Deutsch von Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München 2024. 510 Seiten, 25 Euro.
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Der Schein trügt, es wird drastisch
(JF) „Beschwingten Schritts und warm eingepackt ging May Morrigan nach Blackheath Village.“ Ein Kriminalroman, der so beginnt, verspricht behagliche Lektüre. Kultivierte ältere Damen lösen komplizierte Mordfälle in dörflichem Ambiente. „Mysteriös, humorvoll und atmosphärisch“, so preist der Lübbe Verlag, der auch vom aktuellen „Cosy Crime“-Boom profitieren möchte, seine „Landhauskrimis“ an.
Doch May Morrigans mysteriöse Morde, das literarische Debüt einer Absolventin des Studiengangs „Crime Fiction“ an der University of East Anglia in Norwich, transportiert das leicht angestaubte Modell des Rätselkrimis auf eine Weise in die Gegenwart, dass es mancher Leserin auf dem Sofa ungemütlich werden könnte. May Morrigan, pensionierte Bibliothekarin und Betreiberin der örtlichen Buchhandlung, räumt, und das seit vielen Jahren, ihr unangenehme Zeitgenossen auf gelegentlich recht brachiale Art aus dem Wege. Da verliert ein örtlicher Metzger, der sich in homophoben Hasstiraden ergeht, auch schon mal den Kopf. Dass ihr mörderisches Treiben bislang unbemerkt geblieben ist, verdankt sie nicht nur ihrer Geschicklichkeit. Wer würde schon vermuten, dass die hochgebildete (und wohlhabende) Buchliebhaberin kaltblütig und ohne Reue Mitmenschen um die Ecke bringt? Und sie ist nicht allein. Ein anderer Serienkiller, der es auf junge Mädchen abgesehen hat, treibt in Blackheath Village sein Unwesen und zwingt May Morrigan zu detektivischem Handeln.
Der Humor dieses Kriminalromans ist also eher von der drastischen Art, während die Jagd nach dem Mädchenmörder auf bewährte Handlungsmuster, eine groß angelegte falsche Fährte inklusive, setzt. Dass Autorin Katherine Black das dritte Kapitel mit einer turbulenten Masturbationsszene eröffnet, dürfte hingegen neu für das Genre sein. Wer sich also von dem rechtschaffen dämlichen deutschen Titel und der Gestaltung des Einbands nicht abschrecken lässt, darf sich auf eine abwechslungsreiche Lektüre gefasst machen. Dazu gehört allerdings auch ein irritierender Anachronismus. Denn dass May Morrigan und ihr gleichaltriger Mitbewohner Fletcher ein Konzert der Beatles 1964 im Londoner Palladium besucht haben, mag glauben, wer will.
Katherine Black: May Morrigans mysteriöse Morde. Eine Buchhändlerin greift durch (A Most Unusual Demis,. 2023). Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt. Köln. Lübbe, Köln 2024. 333 Seiten, 18 Euro.












