Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Februar 2024

Kurzbesprechungen von Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Sonja Hartl (sh) und Frank Rumpel (rum) von:

Zoë Beck: Memoria
Arne Dahl: Stummer Schrei
Les Edgerton: Primat des Überlebens
Samuel W. Gailey: Die Schuld
Robert Galbraith: Das strömende Grab
Stephen Hunter: Todesschuss
Kevin Major: Two for the Tablelands
Suzie Miller: Prima Facie
Lawrence Osborne: Java Road Hongkong
Dierk Wolters: Dienstag

Sie flüchtet vor Gangstern – und vor sich selbst

(hpe) Alice trinkt. Regelmäßig. Jeden Tag. Und immer zu viel. Sie trinkt um zu vergessen. Sie versucht die Schuld zu verdrängen, die auf ihr lastet. Vor sechs Jahren, sie war fünfzehn, ist ihr vierjähriger Bruder ums Leben gekommen, als sie auf ihn aufpassen sollte. Danach ist Alice von zu Hause weggegangen. Sie lebt auf der Straße und in billigen Absteigen, sie arbeitet illegal. Zurzeit an der Bar in einem schmuddeligen Striptease-Schuppen.

Eines Morgens wacht sie neben einem Mann in einem Zimmer auf, das sie nicht kennt. Sie erinnert sich nicht, wie sie dahin gekommen ist. Als sie sich den Typen im Bett näher anschaut, stellt sie entsetzt fest, dass es er widerlicher Chef ist. Und dass er tot ist.

Alice ist die Hauptfigur in Die Schuld, dem ersten Buch des US-Autors Samuel W. Gailey, das auf Deutsch vorliegt. „Die Probleme folgten ihr wie Hundewelpen der Hundemutter“, heißt es einmal. „Und wenn ausnahmsweise mal die Probleme nicht zu ihr fanden, stolperte garantiert Alice darüber.“

Im Trailer des Nachtclub-Chefs findet Alice eine Tasche mit Drogen und Bündeln von Bargeld. Die Drogen interessieren sie nicht, Alkohol reicht ihr. Bevor sie mit der Tasche voll Geld verschwindet, alarmiert sie anonym die Polizei. Als sie abhauen will, tauchen zwei Typen auf, die offenbar Drogengeschäfte mit ihrem Chef machen. Und kaum haben diese festgestellt, dass ihr Geschäftspartner tot ist, taucht eine Polizeistreife auf. Es kommt zu einer wüsten Schießerei mit mehreren Toten.

Von jetzt an ist Alice auf der Flucht. Verfolgt von einem kleinwüchsigen Drogenboss, der gerne den Intellektuellen raushängen lässt, und dessen Mann fürs Grobe. Gailey macht daraus eine erschütternde Noir-Geschichte mit einer bewegenden Protagonistin, die ihre Schuldgefühle mit Saufen betäubt, aber wenn sie ausnahmsweise mal nicht trinkt, auch über einen Weg aus ihrer Verzweiflung nachzudenken beginnt. Dabei stellt sich auch die Frage, ob denn Alice wirklich schuld ist am Tod ihres kleinen Bruders. Und ob sich von der Schuld, in der sie sich sieht, wirklich das Leben kaputtmachen lassen soll. Und sie scheint zu erkennen, dass sie genauso wie vor den Gangstern vor sich selbst davonläuft.

Samuel W. Gailey: Die Schuld (The Guilt We Carry, 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2024. 308 Seiten, 26 Euro.

Finsteres Meisterstück

(JF) Zweimal hat Jake Bishop gesessen. Eine dritte Verurteilung würde auf lebenslänglich hinauslaufen. Aber nicht nur aus diesem Grund schreckt der talentierte Einbrecher zurück, als ihn sein alter Knastkumpel Walker Joy zu einem angeblich totsicheren Job überreden will. Denn Bishop ist auf dem besten Weg in ein bürgerliches Leben. Doch das kleinfamiliäre Glück – seine Frau Paris ist im achten Monat schwanger – erweist sich als Illusion. Joy verfügt über Druckmittel, gegen die Bishop machtlos ist. Also gibt er sich geschlagen. Außerdem reizt ihn die Sache, auch wenn er es vor sich selbst nicht zugeben mag. Diesen emotionalen Zwiespalt spürbar zu machen, gelingt dem im August des vergangenen Jahres verstorbenen Autor Les Edgerton, indem er Bishop selbst erzählen lässt.

Sein 2014 im Original erschienener Roman Primat des Überlebens ist ein finsteres Meisterstück der Spannungsliteratur. Dass die Handlung, auch wenn es manchmal kurzfristig anders scheint, immer die schlechtestmögliche Wendung nimmt, versteht sich. Das sei „wie bei einem Zugunglück“, resümiert Bishop im Prolog, „ist die Lok erstmal entgleist, folgt auch der Rest des Zuges.“ Hier Zeuge zu sein, ist ebenso beklemmend wie aufregend. Und, auch wenn es angesichts der nicht unbeträchtlichen Zahl gewaltsamer Todesfälle makaber klingen mag, manchmal grotesk komisch.

Les Edgerton wusste, wovon er schrieb. Wie Jake Bishop saß er einige Jahre wegen Einbrüchen und Raubüberfällen im Pendleton Reformatory in Madison County/Indiana ein, bevor er als Autor und Creative-Writing-Dozent seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Ein Glücksfall, auch für die Literatur. Dass er seinem verzweifelten Helden ein anderes Schicksal auferlegt, ist wahrscheinlich die realistischere Option. – Ein Nachruf seines deutschen Verlegers Frank Nowatzki hier: Blue Skies forever, Les Edgerton (1943-2023).

Les Edgerton: Primat des Überlebens (The Bitch. 2014). Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulpmaster. Berlin 2024. 343 Seiten. 16 Euro.

Hongkong als Hauptfigur

(sh) Der Verweis auf Graham Greene auf dem Buchumschlag von Java Road Hongkong ist zutreffend: Auch Lawrence Osborne erzählt eher gemächlich – und man muss sich einlassen auf dieses langsame Erzähltempo. Dann aber fasziniert diese Erzählung voller Verweise auf chinesische Literatur und zeigt sich, dass die eigentliche Hauptfigur dieses Romans sein Handlungsort Hongkong ist. Gelegentlich glaubt man gar, man lese hier die Reiseerinnerungen des Erzählers Adrian Gayle.

Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet und lebt er als freier Journalist in Hongkong, doch nun scheint es an der Zeit zu sein, die Stadt zu verlassen: Die Meinungsfreiheit wird zunehmend eingeschränkt, der Einfluss Chinas immer größer, die Proteste der Studierende und die Gewalt nehmen zu. Fast alle sind nervös – bis auf Jimmy Tang, Gayles Studienfreund aus Cambridge, Sprössling einer einflussreichen Familie. Die langjährige Freundschaft gerät in Gefahr, als Jimmys wesentliche jüngere Geliebte Rebecca To verschwindet. Sie kommt ebenfalls aus einer reichen Familie, aber sie hat demonstriert gegen das neue Regime – und war einigen Menschen ein Dorn im Auge. Möglicherweise auch Jimmy. Und während Jimmy über sein Leben und seine Zukunft nachdenkt, versucht er herauszufinden, was mit Rebecca geschehen hat und ob sein alter Freund ein Mörder ist. „Java Road Hongkong“ ist eine Erkundung Hongkongs, chinesischer Literatur und der Freundschaft zweier Männer mit sehr gemächlichem Thrill.

Lawrence Osborne: Java Road Hongkong. Übersetzt von Gottfried Röckelein. Ars Vivendi, Cadolzburg 2023. 232 Seiten, 22 Euro. 

Mal ganz locker

(rum) Weniger wirkt gelegentlich Wunder. Bei Arne Dahl auf jeden Fall. Sein Roman Stummer Schrei ist aktuell, konzentriert, verlässt sich auf den einen guten Dreh. Das war nicht immer so. Sein A-Team, das er Ende der 1990er als  Sonderermittlungsgruppe der Stockholmer Polizei zehn Mal losschickte, hatte es nach einiger Zeit mit immer noch verwinkelteren Fällen zu tun, die sich stets aus zwei, drei Episoden entwickelten, deren Zusammenhang eben nur echten Profis auffallen konnte. Das wurde mit der Zeit etwas fade und noch schlimmer, als er Teile dieses Teams in der folgenden Opcop-Gruppe weiterbeschäftigte, eine geheime, operative Abteilung von Europol. Hier trieb er das Spiel, seinen Geschichten noch und noch eine abseitige Wendung zu verpassen, auf die Spitze, was zu durchaus komplexen Geschichten, aber auch zu unfreiwilliger Komik führte. Nichtsdestotrotz verkauften sich die Opcop-Romane, wie die folgenden fünf Bücher um das Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom prächtig. 

Nun also noch eine neue Reihe, wieder ein Team. Das liegt ihm. Und diese neue Ermittlergruppe (nun wieder bei der schwedischen Polizei) ist naturgemäß unter Druck. Bei einem Bombenanschlag kommt der Manager eines Stahlkonzerns ums Leben, danach ein PR-Agent der Automobilindustrie und ein Unternehmen, das Plastik herstellt. Verschwirbelt sind die Ankündigungen für weitere Anschläge, die allesamt auf einen radikalisierten Klimaaktivisten deuten. Und das könnte der ehemalige Chef von Eva Nyman sein, die das Team leitet. Der war damals aus dem Dienst ausgeschieden, hatte zunächst einige Zeit an einer Uni unterrichtet, bevor er sich als Prepper in den Wald zurückzog.

Daraus entwickelt Dahl eine spannende Geschichte um schwierige Ermittlungen, die immer wieder ins Leere laufen und neu ansetzen müssen. Das ist routiniert, gekonnt und präzise erzählt, genau getimt, wie gemacht für eine Verfilmung. Und es kommt eben eher unprätentiös, nicht so angespannt frickelig daher und lässt gerade deshalb den Blick auf das eigentliche Thema frei: den Klimawandel und vermeintlichen Ökoterrorismus. Denn ganz so einfach ist es eben doch nicht. Bleibt zu hoffen, dass Arne Dahl diese Form halten kann.

Arne Dahl: Stummer Schrei. Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps. Piper Verlag, München 2023. 458 Seiten, 17 Euro.

Anregende Stimmengewirr

(JF) Nein, ein Krimi ist das Buch nicht. Obwohl es an Spannung mit vielen Genreprodukten aufnehmen kann und jemand eines nicht-natürlichen Todes stirbt. Dienstag heißt der zweite Roman von Dierk Wolters, im Hauptberuf Kulturredakteur bei der Frankfurter Neuen Presse. Ähnlich unspektakulär wie der Titel scheint zunächst der Gegenstand der Handlung: ein Tag im Leben einer Durchschnittsfamilie mit Durchschnittsproblemen. Doch indem der Autor auf eine übergeordnete Erzählinstanz verzichtet und stattdessen auf die seit der literarischen Moderne bewährte Bewusstseinsstrom-Technik setzt, gewinnt der Alltag seiner Figuren dramatisches Potenzial.

Während Vater Edmund bemüht ist, das Familienunternehmen gegen die Fährnisse des globalen Kapitalismus zu wappnen, versucht Mutter Anne gleich mehrere Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Aber es sind nicht ihre eigenen. An der Schule, wo sie als Lehrerin arbeitet, geht es drunter und drüber, der Besuch beim Schwiegervater im Pflegeheim steht auf dem Programm, und die eigenen Kinder wollen ihr Mittagessen. Aber nicht schon wieder Backofenpommes. Denn die mögen weder der siebzehenjährige Florian noch seine jüngere Schwester Amelie. Doch das weiß Anne nicht. Oder sie ignoriert es. Anders lässt sich der Tag offenbar nicht bewältigen. Auch dass Edmund seit längerem eine Affäre mit seiner Sekretärin Eva hat, ahnt sie nicht.

Im Gedankenfluss gibt es keine Hierarchie der Dinge. Alles ist gleich wichtig, von Amelies Pferdebürste bis zu den Brötchen in Edmunds Büro. Auch ein Bewusstseinsstrom will sorgfältig arrangiert sein, soll er realistisch wirken. Zumal, wenn Bruchstücke von Dialogen einfließen wie auf den letzten Seiten des Romans, als die Familie fast die Chance auf ein gemeinsames Abendessen verpasst. Dierk Wolters kann das. Wer die Renaissance auktorialen Erzählens ein bisschen über hat, darf sich auf das anregende Stimmengewirr in diesem fabelhaften Roman freuen.

Dierk Wolters: Dienstag. Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2023. 198 Seiten, 20 Euro.

Von der Bühne zum Buch

(JF) Tessa Enssler arbeitet als Strafverteidigerin in London. Und sie ist brillant in ihrem Job. Zu ihren Mandanten gehören nicht selten Männer, die sexualisierter Gewalttaten beschuldigt werden. Ihre Strategie besteht vor allem darin, die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Zeuginnen, das heißt der Opfer, zu erschüttern. Denn sie weiß, wie das System funktioniert. Dann wird sie selbst in ihrer Wohnung von einem Arbeitskollegen vergewaltigt. Und zwar nach einem gemeinsam verbrachten Abend, an dem es auch zu freiwilligen sexuellen Kontakten gekommen war. Tessa weiß, wie schwierig ihre Situation ist, erstattet aber trotzdem Anzeige. Das System, von dessen Effizienz sie lange überzeugt war, soll zeigen, „dass es für Gerechtigkeit sorgen kann“.

Prima Facie ist ein Ein-Personen-Stück der australischen Juristin und Dramatikerin Suzie Miller, das seit seiner Erstaufführung 2019 international für Diskussionen sorgt. In einem 100-minütigen Monolog erzählt Tessa Enssler ihre Geschichte als Opfer und Widerständlerin gegen eine männlich dominierte Justiz. Nun hat die Autorin das Drama zu einem Roman erweitert und die Handlung nach London verlegt. Wieder ist die Protagonistin auch die Erzählerin. Allerdings eröffnet die Prosafassung weitergehende Möglichkeiten, mittels Rückblenden den Hintergrund der Handlung auszuleuchten. Denn Tessas Herkunft aus der Arbeiterklasse, ihre familiären Probleme und ihr nicht konfliktfreier sozialer Aufstieg spielen eine große Rolle. Nicht umsonst hat die Autorin den Täter als typischen Abkömmling der oberen Mittelschicht mit Privatschulbildung gezeichnet.

Ob Suzie Millers Anliegen einer Justizreform im Sinne der weiblichen Opfer sexueller Gewalt von dieser  klischeeträchtigen Figurenkonstellation profitiert, ließe sich diskutieren. Eine lohnende Lektüre ist dieser engagierte Roman aber allemal.

Suzie Miller: Prima Facie (Prima Facie, 2023) Aus dem Englischen von Katharina Martl. Kjona Verlag, München 2024. 350 S., 25 Euro.

Wer hat Harriet die Erinnerungen gestohlen?

(hpe) Deutschland brennt. Hitze und extreme Trockenheit sind alltäglich geworden. Ein Waldbrand stoppt den Zug, in dem Harriet nach Gießen unterwegs ist, um dort für einen Kunden ein Klavier zu stimmen. Die Reisenden steigen auf offenem Feld aus dem Zug. Verfolgen die Evakuierung der Bewohner einer Seniorenresidenz. Harriet sieht in einem Haus nahe am brennenden Wald eine Frau hinter einem Fenster. Sie kann offensichtlich nicht raus. Zusammen mit zwei Mitreisenden kann Harriet die Frau aus dem Haus retten.

Memoria, der neue Thriller der deutschen Autorin Zoë Beck spielt, wie der Vorgänger „Paradise City“, in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. Harriet, die im Security-Bereich in einem Luxuskaufhaus jobbt und Klaviere und Flügel stimmt und repariert, lebt in Frankfurt in einem verlassenen Bürohochhaus.  Nach der Rettungsaktion am Waldrand ist sie ziemlich von der Rolle. Die gerettete Frau hat, als sie Harriet sah, ihren Namen geflüstert. Harriet ist sich sicher, auch wenn die Frau das später bestreitet. Und um die Frau vom Inferno wegzubringen, hat sich Harriet im nahen Schuppen den Wagen der Frau geholt und hat sie weggefahren. Erst nach der spontanen Aktion fragt sie sich, wie sie das gemacht hat. Sie kann ja gar nicht Auto fahren. Da ihr Rucksack dem Feuer zum Opfer fiel, muss sie sogleich aufs Amt, um sich neue Chipkarten machen zu lassen. Zu den Karten, die sie bekommt, gehört auch ein Führerschein auf ihren Namen. Aber sie hat doch nie einen Führerschein gemacht! Die Beamtin versichert ihr, dass das schon richtig sei.

Harriet hat Alpträume. Erinnerungsfetzen tauchen auf. Sie weiß nicht, was real ist. So macht sie sich auf nach München, wo sie aufgewachsen ist. Nach und nach kehren einzelne Erinnerungen zurück. Doch kann sie denen trauen? Und kaum ist Harriet in ihrer alten Heimat, wird es gefährlich. Alte Geschichten kochen hoch. Mit Gewalt. Dennoch will Harriet ihr altes Leben rekonstruieren. Herausfinden, was mit ihrem Verstand geschehen ist. Und wer dafür verantwortlich ist.

Der Thriller dreht sich, ohne ins Wissenschaftliche zu kippen, im Grunde um neurologische Forschungen zum menschlichen Gedächtnis. Zoë Beck ist es gelungen, ein so komplexes und eigentlich recht theoretisches Thema in einen spannenden Zukunftsthriller zu packen. Einzig am Ende kippt die Geschichte für einen Moment etwas ins wissenschaftliche Erklären in Form eines Gesprächs zwischen Harriet und einer alten Forscherin, die mit Harriets Mutter zusammengearbeitet hatte. Doch die zupackende Erzählweise mit vielen knackigen Dialogen, der raffinierte Plot, die Action und nicht zuletzt die Blicke auf unsere zukünftige Lebenswelt machen „Memoria“ zu einem intelligenten Lesevergnügen.

Zoë Beck: Memoria. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. 281 Seiten, 16,95 Euro.

Fernkurs für Schnüffler

(JF) Fiktive Privatdetektive mit Diplom sind rar. Eine Ausnahme ist Joe Sixsmith, ein arbeitsloser Metallarbeiter aus Luton, der sich in einem Fernkurs zum professionellen Schnüffler hat ausbilden lassen. Dass er tatsächlich erfolgreich Fälle löst, ist allerdings mehr seinen persönlichen Qualitäten, nämlich Menschenfreundlichkeit und einem durch das Lösen von Kreuzworträtseln geschärften Verstand, geschuldet.  In fünf, ebenso amüsanten wie spannenden Kriminalromanen des großen englischen Autors Reginald Hill (1936-2012), erschienen zwischen 1993 und 2008 und bislang unübersetzt, durfte Sixsmith ermitteln. Dann war leider Schluss. Und ob der kanadische Ex-Lehrer Sebastian Synard, der sich nach mehreren Online-Kursen als Privatdetektiv selbstständig gemacht hat, die Lücke füllen kann, scheint nach der Lektüre seines zweiten Abenteuers Two for the Tablelands nicht ganz sicher.

An seinen ersten Fall als Profi gerät Synard, um die fünfzig, übergewichtig und geschiedener Vater eines Dreizehnjährigen, durch Zufall.  Während einer gemeinsamen Wanderung in den neufundländischen Tablelands nämlich stoßen er und sein Sohn Nicholas auf die Leiche eines mexikanischen Geologie-Studenten. Das ist Motivation genug für Synard, sich in die Ermittlungen einzumischen. Besonders erfolgreich ist er allerdings nicht. Wer hinter dem Mord steckt, klärt sich wie von selbst. Zu diesem Zeitpunkt hat der frischgebackene Detektiv auch begriffen, dass er Opfer einer perfiden Manipulation geworden ist. Immerhin retten ihm  seine durch Lernvideos erworbenen Selbstverteidigungstechniken gleich zweimal das Leben. Das will uns zumindest Synards  Erfinder, der kanadische Schriftsteller Kevin Major, weismachen. Aber solche Kleinigkeiten lassen sich bei der Lektüre dieses kuriosen Kriminalromans, in dem das Verbrechen und seine Aufklärung eher eine Nebenrolle spielen, getrost vernachlässigen. Man sollte sich allerdings schon für die Probleme geschiedener Väter pubertierender Söhne interessieren. Und für die tatsächlich atemberaubende Landschaft Neufundlands.

Kevin Major: Two for the Tablelands. Neufundland-Krimi. (Two for the Tablelands. 2020). Übersetzt von Norbert Jakober. Pendragon Verlag, Bielefeld 2024. 263 Seiten. 18 Euro.

Scharfschützen(romane) sind ein Auslaufmodell

(hpe) Scharfschützenromane lasse ich in der Regel links – oder eher rechts  – liegen. Zentrale Aspekte solcher Geschichten wie die Begeisterung für Hightech-Schusswaffen, für ihre Technik, aber auch für ihre Anwendung, die Faszination für die Komplexität des Tötens auf Distanz, dazu Machotum und oft das Feiern soldatischen Heldentums, interessieren mich nicht so. Bei Stephen Hunter mache ich gerne mal eine Ausnahme. Denn der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete frühere Filmkritiker der „Washington Post“ ist ein guter Erzähler, er schreibt mit Humor und oft auch mit Ironie, entwickelt ziemlich raffinierte Plots und liefert natürlich reichlich Action und Spannung.

Jetzt liegt mit „Dead Zero“ aus dem Jahr 2010 unter dem deutschen Titel Todesschuss der siebte Band seiner im Original schon zwölf Romane umfassende Serie um den Scharfschützen Bob Lee Swagger vor. Mit dem brillanten und witzigen Vorgänger „Im Visier des Snipers“ kann „Todesschuss“ nicht mithalten, doch der Grundplot ist reizvoll.

Ray Cruz, der beste Scharfschütze der US-Marines, ist unterwegs, um einen als „Enthaupter“ berüchtigten afghanischen Warlord auszuknipsen. Unterwegs versuchen offenbar amerikanische Söldner ihn auszuschalten. Und das Hotel, von dem aus er den Enthaupter erledigen sollte, wird durch eine Explosion zum Krater. Ein paar Monate später ist der Enthaupter der neue Verbündete der Amerikaner und soll gar zum Präsidenten von Afghanistan aufgebaut werden. Zunächst wird er die USA besuchen und mit allen Ehren auch im Weissen Haus empfangen werden. Da schreckt ein Anruf des vermeintlich getöteten Ray Cruz bei seiner Einheit die Militärs und Geheimdienste auf: Er sei ihm Land, und er werde den Auftrag, den Warlord zu töten, nun vollenden, meldet der Schütze.

FBI und CIA tun sich zusammen, um das zu verhindern. Sie ziehen den legendären, längst in Rente gegangenen Scharfschützen Bob Lee Swagger bei. Mit seinem Wissen und seiner Erfahrungen, seinem Denken als Scharfschütze, soll er helfen, Cruz rechtzeitig zu finden. Doch Swagger beginnt schon bald, die Beweggründe und das Vorgehen von Cruz, in dem er eine junge Version von sich selbst sieht, zu verstehen.

Im letzten Drittel nimmt die Geschichte die eine und andere eher abstruse Wendung zu viel. Besonders interessant sind vorher aber die Einblicke in die neuen Technologien des Tötens. In der Creech Air Force Base in Nevada, die Swagger im Rahmen seiner Ermittlungen besucht, sitzen junge Frauen und Männer vor Monitoren und steuern per Joystick Drohnen und Raketen irgendwo auf der Welt präzise zu ihren Zielen. Das hat Stephen Hunter nicht erfunden, das ist Realität. Die neuen Scharfschützen sitzen in Bermuda-Shorts und Flipflops in klimatisierten Hallen in der Wüste von Nevada. Das macht, zumindest im militärischen beziehungsweise geheimdienstlichen Bereich – für den „normal“ kriminellen Bereich ist die Technologie wohl noch zu teuer und zu komplex –, Scharfschützen zum Auslaufmodell. Und damit auch die Scharfschützenromane, die bald nur noch historisch funktionieren werden.

Stephen Hunter: Todesschuss (Dead Zero, 2010). Aus dem Englischen von Patrick Baumann. Festa Verlag, Leipzig 2023. 551 Seiten, 16,99 Euro.

In den Fängen einer Sekte 

(TG) Inzwischen müsste es sich herumgesprochen haben, dass Joanne K. Rowling, die Erfinderin der Harry-Potter-Romane, unter dem Pseudonym Robert Galbraith Kriminalromane veröf- fentlicht. Der erste – „Der Ruf des Kuckucks“ von 2013 – war noch altmodisch und öde. Seitdem hat Galbraith alle ein bis zwei Jahre einen immer dickeren, immer besseren Band mit dem ewig nicht zueinander kommenden Detektivpaar Cormoran Strike/Robin Ellacott veröffentlicht. Der jüngste, siebte Schmöker heißt Das strömende Grab, ist ein Klopper von 1300 Dünndruckseiten geworden, fast so schwer wie eine Hausbibel – und macht alles in allem richtig Spaß. 

Galbraith entfaltet eine ausgeklügelte Horrordramaturgie. Um einen jungen Mann zu befreien, begibt sich Robin als Adeptin in die Fänge einer Psycho-Sekte, gegen die bekannte Exemplare wirken wie eine kinderfreundliche Vorschule. Bereits erste Vorabinformationen lassen um Robins Leben und psychische Integrität fürchten. Wer die Sekte verlässt, überlebt nicht lange. Ein wichtiger Augenzeuge begeht Selbstmord – oder wurde er umgebracht? 

Die Sektenmitglieder schuften und chanten wie Sklaven, gefangen in einem Netz von Erlö- sungs- und Unterwerfungssehnsucht. In jeder Gefühlsregung überwacht, sind sie Teil eines obskuren Totenkults um die als Göttin verehrte Tochter des charismatischen Sektenführers und seiner hexenhaft dämonischen Gefährtin. Ob dieses Kind vor Jahren bei einem winterli- chen Bad im Meer verunglückt ist, so die Legende, oder auf andere Art umgekommen ist o- der vielleicht sogar lebt, ist eines der Rätsel, das Robin lösen muss. 

Immer unter der Androhung, zur Abtötung ihres materialistischen „Falschen Ichs“ vergewal- tigt zu werden, versucht Robin, Beweise für das gesetzwidrige Tun der Sekte beizubringen. Sogar sie, die kühle Rationalistin, läuft Gefahr, wie die anderen Gläubigen als Zombie oder sogar auf dem Gräberfeld zu enden, das sie in einem unzugänglichen Dickicht auf dem Landsitz vermutet. 

Galbraith konzentriert sich weitgehend auf die furchterregende Ausgestaltung dieser Psychohölle. Das gewohnte verkrampfte Gefühlsleben der beiden Protagonisten und andere Nebenkonflikte reduziert Galbraith erfreulich auf das Minimum, das das Serienschema ver- langt. 900 Seiten unerbittlich gesteigerter Psychoterror, Demütigung und Lebensgefahr – das muss man ihr erstmal nachmachen. Auf den letzten vierhundert Seiten wagt die begnadete Plotterin noch einen detektorischen Twist, der die ach so antikapitalistische Sektenheiligkeit als widerliches Drecksgeschäft entlarvt. Nach einem Anlauf von sechs Büchern scheint Rowling an ihr Ziel gelangt: „Das strömende Grab“ von Robert Galbraith ist ein mitreißender Whodunnit. – Zum Blog von Tobias Gohlis geht es hier, d. Red.

Robert Galbraith: Das strömende Grab (The Running Grave, 2023). Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz. Blanvalet Verlag, München 2023. 1292 Seiten 29,90 Euro. Zum Krimiblog Recoil von Tobias Gohlis geht es hier, diese Besprechung gab es zuerst bei Deutschlandfunk Kultur.

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