Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Anton Thuswaldners Gegenkanon – und andere Sichtweisen

Auf der Strecke

Eigentlich macht Klassikerbeschimpfung Spaß, meint Joachim Feldmann. Doch die Beiträge in Anton Thuswaldners Buch „Ein Gegenkanon“ tun sich seltsam schwer damit.

Als neulich jemand bei Facebook nach den meistgehassten Unterrichtslektüren fragte, fielen die Namen der üblichen Verdächtigen: Goethe, Schiller, Lessing, Fontane und Thomas Mann, seltener Brecht. Soweit keine Überraschungen. Bemerkenswert war allerdings, dass es mitnichten literarische Banausen waren, die sich hier verächtlich über den klassischen deutschen Schulkanon äußerten. Kritische Vorbehalte gegenüber traditionellen Bildungsgütern versprechen offenbar noch immer Distinktionsgewinn. Deshalb wundert es ein wenig, dass der österreichische Literaturkritiker Anton Thuswaldner nur 18 „prominente Vielleserinnen und Büchernarren“ (Umschlagtext) dazu bewegen konnte, sich öffentlich Gedanken über ihren „Gegenkanon“ zu machen.

Besonders schwer tun sich die meisten Befragten damit, Bücher zu nennen, die „auf der Strecke bleiben sollten“, wie es im Untertitel heißt. Der Lyriker Oswald Egger bekennt, dass er grundsätzlich nicht gerne „über Kolleginnen und Kollegen“ schreibe, auch wenn sie „schon gestorben sind“, während die Schriftstellerin Karin Peschka sich schlicht weigert, „ein Buch aus dem Kanon hinauszureklamieren“. Schließlich könne es sein, dass die Bücher, die sie nicht mag, vielleicht von anderen gemocht würden. Auch der Publizist Franz Schuh beschränkt sich auf die Empfehlung eines seiner Meinung nach zu Unrecht vergessenen Buches, nämlich Walter E. Richartz‘ „Büroroman“ (1976), übrigens in einer Taschenbuchausgabe noch immer beim Diogenes Verlag vorrätig. Auch „Die Sonnensucher“ (Search Sweet Country, 1986), ein Roman des ghanaischen Autors Kojo Laing (1946-2017), dessen Lektüre Ilja Trojanow uns ans Herz legt, ist lieferbar. Nämlich bei der Büchergilde Gutenberg, herausgegeben von, ja genau, Ilja Trojanow.

Weitere Beiträge fordern mehr Beachtung für Literatur von Autorinnen (Sabine Scholl), beklagen die Vermarkung der Werke Jane Austens im deutschsprachigen Raum als Wohlfühllektüre (Brigitte Schwens-Harrant) oder plädieren für „Zu-Wenig-Gelesene“ wie Hans Henny Jahnn (Sebastian Guggolz), Reinhard Priessnitz (Ferdinand Schmatz), Klaus Hoffer (Raphaela Edelbauer) und Ramiro Pinilla (Franzobel). „Auf der Strecke“ bleiben sehr wenige Autoren (und keine einzige Autorin). Als da wären: Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“), Robert Seethaler („Der Trafikant“), Robert Schindel („Der Riss“), T. C. Boyle (die meisten Romane) und Thomas Bernhard („Heldenplatz“).

Übrigens sind all die von Thuswaldner versammelten Essays lesenswert, auch sein eigener Aufsatz über die „finsteren Kerle“ der Literatur: Ezra Pound, Louis-Ferdinand Céline und Knut Hamsun. „Texte sind klüger als ihre Verfasser“, heißt es da. Und das möchte man nicht bestreiten. Ob es allerdings eine kluge Idee war, sich zunächst drei ausgewiesenen Nazi-Sympathisanten und Antisemiten, zu widmen, um dann auf den „Fall“ des Schriftstellers Uwe Tellkamp zu sprechen zu kommen, scheint mir fraglich. Und mit einem „Gegenkanon“, wie ihn der Titel werbewirksam verspricht, hat das nur bedingt zu tun.

Dem kommt vielleicht ausgerechnet der schrägste Beitrag des Büchleins am nächsten. Der Romancier, Lyriker und ehemalige Verleger Michael Krüger steuert eine alphabetisch geordnete Liste von Autorinnen und Autoren bei, die er mit unterschiedlichen Attributen versieht. Mal steht da „überschätzt“, mal „unterschätzt“, mal „geliebt“, mal „geachtet“. Die Kriterien der Bewertung bleiben im Dunkeln. Und zwangsläufig fragt man sich, in welchem literaturkritischen Paralleluniversum die vergessene ostpreußische Lyrikerin Johanna Ambrosius (1854-1939) „überschätzt“ und die hochgeachtete Rose Ausländer (1901-1988) „unterschätzt“ wird. Dass auch ein Heinz Erhardt auftaucht, wird Freunde der komischen Dichtung freuen. Krügers Kommentar („nie gelesen“) wohl weniger. Es liegt nahe, dass sich hier der für ein Unternehmen wie den „Gegenkanon“ notwendige Unernst artikuliert. Übrigens endet  die Aufzählung mit dem Buchstaben „K“, der letzte Eintrag ist Krüger selbst („Muss ich wieder lesen.) 

Anton Thuswaldner (Hrsg.): Ein Gegenkanon. Bücher, die auf der Strecke bleiben, und solche, die auf der Strecke bleiben sollten. Salzburg-Wien, Verlag Müry-Salzmann 2022. 172 S. 24 Euro.

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