Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Alf Mayer reist mit Alice ins Wunderland: Die Kryptokunst NFTs

Robert Alice (Hg.): On NFTs. Nummerierte Collector’s Edition (Nr. 1–2.500). Hardcover im Schuber, 36 x 50 cm, 11,2 kg. 604 Seiten, mit einem Booklet, 21 x 29,7 cm, 24 Seiten. Preis: 750 Euro.

Ebenfalls erhältlich in einer zweiten limitierten Collector’s Edition mit einem Edelstahlschuber und in vier limitierten Art Editions mit je einem NFT, einem signierten Print des NFTs und dem Buch On NFTs im Edelstahlschuber.Verlagsinformationen zum Buch und zu den Ausgaben: Taschen.com

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Kunst mit Algorithmen

Über das Neuland-Buch »On NFTs“ von Robert Alice – Eine Annäherung von Alf Mayer

Alice im Wunderland lässt grüßen. Dieses Thema ist wirklich ein Fall ins Kaninchenloch. Eine ganze neue Wunderwelt tut sich auf. »There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy«, ließ Shakespeare seinen Hamlet sagen. Tatsächlich lernt unsere Schulweisheit beständig zu. Im März 2024 hat Bitcoin das gute alte Silber als die achtwertvollste Geldanlage überholt (die nächstwichtige Kryptowährung Etherum auf Platz 25). Es gibt das Web 3.0, es gibt einen neuen digitalen Markt für Kryptokunst. Das Auktionshaus Christies hat dafür mit C3.0 eine eigene Auktionsplattform entwickelt.  Beim Konkurrenten gibt es das „Sotheby’s Metaverse“. Bei solchen Adressen kann man seine digitalen Geldbörsen („Wallets“) direkt registrieren und anschließend online auf NFTs bieten.-Buch

Das ist die Abkürzung für „Non-Fungible Token“ (nicht-ersetzbares Token). Es handelt sich dabei um eine digitale Besitzurkunde: die digitalisierte Form eines Werkes oder Wertgegenstandes, mit dem Besitz und Authentizität des Wertgegenstandes bestätigt und gesichert werden. Digitalkunst, kryptografisch und fälschungssicher verwahrt. Die Einmaligkeit des Kunstwerks im Zeitalter seiner eigentlichen Reproduzierbarkeit, Walter Benjamin lässt grüßen. NFTs können für alle möglichen digitalen Gegenstände ausgestellt werden. In der Kunst etwa für ein Musikstück, ein digitales Gemälde oder ein Foto. NFTs können auch Videos oder Memes sein.

Populäre non-fungible tokens gibt es zum Beispiel als NBA Top Shot. Die National Basketball Association (NBA) lizensiert dafür individuelle Videoclips von den dunks berühmter Spieler, macht sie mit » digital artwork« einzigartig. Jede Kopie ist sofort als Fälschung erkennbar. Ein LeBron dunk vom 15. November 2019, in 49 »mints« aufgelegt, wird pro Exemplar mit 1 Mio Dollar gehandelt. Ein anderer dunk von LeBron gegen die Houston Rockets brachte 387.000 US-Dollar.

Bezahlt wird in dieser Welt nicht mit richtigem Geld, sondern mit Kryptowährung. NFTs basieren auf Blockchains. Das sind internet-weit verteilte Datenbanken, auf denen die Kryptowährungen hinterlegt sind. Hier können NFTs eindeutig gespeichert und nachgewiesen werden. 2021 erlebten NFTs einen unfassbaren Boom – auch ein Corona-Effekt, ebenso aber dem Hunger der Finanzwelt nach immer neuen und spektakulären Renditen- und Investment-Hypes geschuldet. Selbst ein solch spektakulärer Betrugsfall wie der von Krypto-Superstar Sam Bankman-Fried, gerade zu vergleichsweise milden 25 Jahren Haft verurteilt, macht da nur eine temporäre Delle in die Börsenkurse. Bankman-Frieds damals weltweit zweitgrößte Kryptobörse FTX war im November 2022 pleitegegangen, was ein Erdbeben in der Kryptowelt auslöste. Im Prozess gestand der Jung-Spekulant, acht Milliarden Dollar an Kundengeldern aus reiner Gier veruntreut habe, um zu spekulieren und seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. (Von wegen, „crime doesn’t pay“, siehe dazu auch Thomas Wörtche hier nebenan in dieser Ausgabe.)

Mittlerweile gibt es kaum Sportler, Prominente oder große Unternehmen, die nicht an einer eigenen NFT-Kollektion arbeiten. Das geht von Nike über Adidas bis zu Produkten der US-Investmentgesellschaft Blackrock, von NFT-basierten Spielen bis hin zu virtuellem Immobilienbesitz. Die Blockchain-Technologie zur Verifizierung von Eigentum und Echtheit von digitalen Assets hat sich heftigen Markteinbrüchen und Finanzskandalen zum Trotz global durchgesetzt. Erwartet wird weiteres kräftiges Wachstum.

Jetzt im April, vom 8.-12., findet im Carrousel du Louvre die bereits fünfte Paris Blockchain Week statt, die größte europäische Messe für das Web3. Erwartet werden über 8.500 Aussteller aus über 75 Ländern, es gibt mehr als 500 Veranstaltungen und 300 Sponsoren.

Eine der größten Handelsplattformen für NFTs ist OpenSea – mit über 1 Mio verifizierten Nutzern und über 80 Millionen NFTs im Angebot. Der globale Wert des Unternehmens mit knapp 100 Mitarbeitern und zwei Büros in San Francisco und New York wird auf 13,3 Milliarden US-Dollar geschätzt, andere Analysten gehen auf bis zu 50 Milliarden.

Auf dem Kunstmarkt gelten NFTs als digitale Weiterentwicklung des Sammelns. Eine neue Generation von Künstler erlebt gerade, wie sich ihr Leben ändert – dank massiver Verkäufe an ein neues Krypto-Publikum. Web3, da bist du. Und das Wilde ist: Bei NFTs sind erst einmal alle Künstler gleich. Keiner wird »crypto-native« geboren. Es ist etwas, das man wird.

Einer der ersten Ureinwohner dieses Neuland-Kontinents ist Robert Alice, ein wahrer Pionier. (Seine Website hier.) Ein Gemälde dieses britischen Künstlers und Autors – sein Name ein Pseudonym, als Dritter in diesem Text lässt Lewis Carroll hier grüßen – war im Oktober 2020 das weltweit erste, von einem großen Auktionshaus (Christie’s) verkaufte Werk, für das ein NFT als Authentizitäts-Zertifikat bürgte. Seitdem hat Robert Alice mit Hilfe von KI eine Reihe weithin bewunderter »conceptual art«-Installationen geschaffen, unter anderem auf Sealand, einer Mikronation auf einer Bohrinsel in der Nordsee und im Monnaie de Paris. Vor allem aber war der Pionier die letzten zwei Jahre mit einem halbverrückten, aber nun tatsächlich als »hard copy« vorliegenden Werk beschäftigt: nämlich mit dem tatsächlich ersten Buch über die Kryptokunst NFT.

Und sinnigerweise – nein, in dieser Bit-Welt ist alles logisch – ist es wieder Christie’s, wo sich die Arbeit an diesem Buchprojekt als erste „On-Chain-Kunstsammlung“ des Hauses abgebildet hat: als Versteigerung digitaler Kunst mit 400 Werken des Pioniers Robert Alice. Das Centre du Pompidou hat die Sammlung erworben.

Uns anderen bleibt das vom Insider Robert Alice kuratierte Buch. »On NFTs“ ist eine Möglichkeit, NFTs zu Hause auszustellen, ohne dass man 10.000 Bildschirme an der Wand braucht. Das Buch ist in einer nummerierten »Hard Code«-Ausgabe (750 Euro), einer »Collector’s Edition« und 100 »Arts Edition« erhältlich, die vier limitierte Werke – einen signierten Druck und ein dazugehöriges NFT – von verschiedenen Künstlern enthalten (1500 bis 4000 Euro). Die Exemplare Nr. 1-600 werden in einem handgefertigten Edelstahlschuber geliefert, der von den Designern der Zak Group in London entworfen wurde.

Der Begriff disruptiv, wenn im Technologiebereich verwendet, benennt eine Erfindung oder ein Produkt, dass das Potential hat, einen Markt aufzubrechen und sinnbildlich auf den Kopf zu stellen. »On NFTs« von Robert Alice bietet die erste umfassende kunsthistorische Übersicht zu diesem spannenden Feld der zeitgenössischen Kunst. Wie die Blockchain-Technik auch funktioniert, entstand das Buch dezentral, quasi im Schneeballsystem und als »multi source«. Robert Alice:

»We basically selected a group of 20 to 30 artists that we felt had a strong basis and we asked them to suggest three artists that they liked and three artists that they thought were overlooked. That could be on any level, whether it’s from a critical, political, or socio-economic point of view. Armed with that, we then generated about 180 names. And then we went and did the same process with those names. We generated a list of about 300 or so names. From there, the artists that kept coming up, we immediately put into the top 100…

Most importantly, we wanted to create a book that looks like any other traditional art book. The only thing that we’re going to insert is the NFT art history, and it’s going to stack up against traditional art. We wanted to have something that just felt like a very traditional art history book. But of course, the actual images are fundamentally new. «

© Erick Calderon (aka Snowfro), Chromie Squiggles, 2020

»On NFTs« gibt einen fundierten Einblick in die Szene und stellt 101 der weltweit wichtigsten NFT-Künstler und Künstlergruppen vor. Jedes Porträt wurde sorgfältig von handverlesenen Kunsthistorikern, Kuratoren, Kritikern, Künstlern und/oder künstlicher Intelligenz verfasst, so dass daraus ein Wegweiser mit vielfältigen, internationalen Stimmen für diese globale Kunstbewegung geworden ist. Zusätzlich zeigen zehn Essays von weltweit führenden Experten wie Hans Ulrich Obrist die unkonventionellen Querverbindungen aus der der gesamten Kunstgeschichte zu den NFTs auf. Die Themen reichen von algorithmischer Kunst bis zu Avataren. Gemälde von Rembrandt finden sich in Gegenüberstellung zu CryptoPunks und auch Persönlichkeiten aus der klassischen Kunstwelt wie zum Beispiel der Schweizer Urs Fischer, die ihre Arbeit ins Digitale erweitert haben, kommen zu Wort. Das Buch stellt die Perspektive der Künstler in den Vordergrund und hilft die Pixel-Welt der NFTs besser zu verstehen. Ein umfassendes Glossars zu den wichtigsten Begriffen, eine reichhaltigen Ausstellungsübersicht und eine Timeline lassen nicht nur Digital Natives, sondern auch Neulinge von diesem monumentalen Werk profitieren.

Es waren Marlene Taschen und ihr Vater Benedikt, die dem ambitionierten und in der Verlagswelt bisher weltweit einmaligen Projekt das »Go« gaben. Und es war der Künstler und Autor Robert Alice, der für dieses Projekt die Brücke zwischen dem Physischen und dem Digitalen geschlagen hat. »On NFTs« ist kunst- wie buchpolitisch ein Meilenstein. Jeder kann nun sehen: NFTs ist reale Kunst, mit einer realen Geschichte, man kann (und sollte) sie ernstnehmen. Noch einmal Robert Alice:

‍»Ultimately, through this book, the traditional art world and the general public are encountering NFTs in a form and format that they will readily understand, and seeing that work published by a prestigious publisher like TASCHEN elevates it for people. Now there’s this huge, 600-page art history, richly illustrated and academically rigorous for people to read and understand its depth. There’s a real culture here, there’s a real history here, and that’s what allows people to start taking things seriously.«

Alf Mayer

P.S. Vom (empfehlenswerten Online-Magazine nft now) gefragt, was er denn Überraschendes bei seiner Recherche für das Buch gelernt habe, antwortete Robert Alice: »Wenn man NFTs richtig anschaut, ist es einfach Text. Wie Programmierungscode werden sie geschrieben, nicht gezeichnet. In der Blockchain existiert kein Bild ohne Text, ob es nun eine code-basierte „on chain“-Arbeit ist oder ein Hyperlink zu einem dezentralisierten File-Server. Text ist der Fluss und die Währung, die NFTs kreiert und sichert. Jedes Kunstwerk im Algorithmus besteht rein aus Text, bis hin in jedes Farbpigment, ist es eine Zelebrierung von digitalem Graffiti.«

Robert Alice (Hg.): On NFTs. The Hard Code Edition (Nr. 1-600). Verlag Taschen, Köln 2024. Format 36 x 50 cm. 604 Seiten mit 24seitigem Booklet, 21 x 29,5 cm, Limitierte Auflage (600 Exemplare), Edelstahlschuber, 14,6 kg. 1.500 Euro. – Verlagsinformationen: Taschen.com

Buchpremiere bei der Paris Blockchain Week am 22. März 24
links: Pussy Riot, VIRGIN MARY, PLEASE BECOME A FEMINIST, 2021
links: Kevin McCoy, Quantum, 2014. Widely regarded as the first NFT ever created

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