Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Alf Mayer: Yves Ravey »Nichts als heiße Luft«

Die unbarmherzige Maschine des Schicksals

Das Leben ist eine Falle. Besonders der Kriminalroman – nun ja, eine bestimmte Form davon – singt uns davon ein Lied. Postboten, Automechaniker, Apotheker oder Bankräuber, Tankstellenbesitzer oder entflohene Sträflinge, untreue Ehemänner und Ehefrauen, Streunerinnen, Rächerinnen, Drifter, Gauner, bad girls, die üblichen Verdächtigen, bevölkern solche Romane und solche Filme. Und solche Finsternis.

»Wie Sand zwischen den Fingern« (Originaltitel: Les Chasseurs de sable), so stellvertretend ein Romantitel von Francis Ryck aus dem Jahr 1971, zerrinnt solchem Personal Glück und Beute, scheitern Pläne, klopft das schwarze Nichts an die Tür. Im Roman von Francis Ryck (den wiederzuentdecken sich lohnen würde) wird für ein amerikanisches Ehepaar die anonyme Ankündigung, dass sie ausgeraubt werden sollen, zum Abgrund. Sie sind mit ergaunerten Diamanten auf der Flucht. Die unsichtbare Bedrohung, das zermürbende, paranoide Warten auf den angekündigten Überfall reicht, damit diese Geschichte nicht gut ausgeht.

Hammetts »Bluternte« mitgerechnet sind es rund 100 Jahre her, seit das Genre solche Schatten werfen kann. Jean-Patrick Manchette verortet den Wendepunkt – der den klassischen Detektivroman ablöste und den harten, amoralischen Action-Thriller begründete – in das Jahr 1939, nämlich zum Romandebüt des damals 32-jährigen James Hadley Chase. Mit »Keine Orchideen für Miss Blandish«, so proklamiert Manchette in seinen »Chroniques«, »hat James Hadley Chase den Kriminalroman von der bloßen Detektivarbeit befreit und ihn in eine unbarmherzige Maschine des Schicksals verwandelt«.

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Der Brite René Lodge Brabazon Raymond, der als James Hadley Chase dann viele seiner rund 100 Romane in einem provinziellen Amerika verortete, war für Manchette »ein Meister des radikalen, illusionslosen Verhaltensromans« (roman de comportement). Seine Figuren beschreibt er als Mistkerle, die um ihren kleinen Anteil an Macht und Geld kämpfen (»des salauds luttant pour sa petite part de pouvoir et d’argent«) und er schätzt den distanzierten, rein behavioristischen Schreibstil von Chase – das bloße Beschreiben von visuellem Verhalten ohne tiefere psychologische Innenschau. Adaptiert das für seine eigenen Romane.

Die Entführungsgeschichte der Miss Blandish erschien 1946 als dritter Band der von Verleger Gaston Gallimard und Herausgeber Marcel Duhamel gegründeten Reihe »Série noire“« Den Namen hatte der Dichter Jacques Prévert vorgeschlagen. Die Reihe prägte den Begriff des Roman noir. Und schon gleich auch den Film noir: schwarze Filme, benannt nach schwarzen Büchern. Antihelden, Einzelgänger, Femme Fatales, falsche Hoffnungen, zerstobene Träume. »Palmetto – Dumme sterben nicht aus« heißt eine wenig bekannte Chase-Verfilmung von Volker Schlöndorff von 1988, die deutsche Filmkritik wusste nichts damit anzufangen (Romantitel der Vorlage: Just Another Sucker). »With my brains and your looks, we could go places«, heißt es in »The Postman Always Rings Twice« (1946).

Yves Ravey kennt sie, kennt all diese Pappenheimer. 1953 in Besançon geboren, ist er ein angesehener und bekannter französischer Romancier, Theaterautor und Dramaturg, arbeitet als Professor für bildende Kunst und Französisch in seiner Geburtsstadt. Sein erster Roman »La Table des singes« wurde 1989 veröffentlicht. Er kennt die »romans durs« Simenons, James Hadley Chase, Nicholas Blake, die Filme von Claude Chabrol, die Romane von Francis Ryck, die Galerie all der Verlierer zwischen 1929 und 1989 – zwischen Hammetts »Bluternte« und Simenons Tod.

Es ist deshalb ganz sicher keine Luftnummer, wenn Yves Ravey uns in seinem neuen Roman »Nichts als heiße Luft« mit auf die Verliererstraße nimmt. Sein Buch hat schlanke 111 Seiten, ist ein geschliffenes Meisterwerk der Reduktion und des Minimalismus. Wie bei Simenon entwickelt sich die Erzählung aus der Perspektive der Charaktere, ohne im Vorfeld die Handlung zu kennen. Drei Paare in einer amerikanischen Vorortsiedlung beäugen, belauern und betrügen sich, erliegen dem Reiz schillernder Täuschung, haben keine Ahnung, wen sie sich jeweils ins Boot holen. Das alles wird ohne Dialoge erzählt, nur in indirekter Rede. Jede Introspektion oder Aufrichtigkeit unterbunden. Ein Ballett im Spiegelkabinett, bei gleißender Sommersonne, trotzdem düster wie die Nacht.

Barnett Trapp, der Erzähler, hat schon bessere Tage gesehen. Seine Firma für Krankentransporte befindet sich in Liquidation, die neue Geschäftsidee mit billig importierten Reinigungsmitteln zündet noch nicht. Seine Frau hat ihn für einen Geschichtsprofessor verlassen, der aufdringlich bei ihm nach materiell Verwertbarem aus dem Hausstand schnüffelt. Da lernt er seine neuen Nachbarn kennen: Miko und Sally. Er, Besitzer einer Wäscherei, die wohl nicht nur Textilien wäscht, und Sally, oft nackt am Pool und gelangweilt. Sie kennt die Kombination für den Safe im Büro, erzählt sie Barett. – Film ab. (Aber natürlich geht es anders aus.)

Einmal nennt Sally den Erzähler Barnett einen Abenteurer – »als läge darin ein Hauch von Bewunderung. Was sie fortan und jeden Tag mehr ermutigte, sich ein neues Leben auszudenken. Damals bedankte ich mich bei Sally für ihr Kompliment und gab zurück, sie habe zu viele Filme gesehen und verwechsle Kinohelden, Schurken, Verführer, Abenteurer, Goldsucher, Auftragsmörder mit der Wirklichkeit.«

Von Yves Raveys vielen Romanen sind bisher  »Taorimina« und »Die Abfindung« im Verlag Liebeskind auf Deutsch erschienen. Dort nahm man im letzten Jahr ein Sabbatical, dass der Verlag zurück ist und mit solch einem Buch, das verdient mehr als Orchideen.

Alf Mayer

Yves Ravey: Nichts als heiße Luft (Que du vent, 2024). Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind, München 2026. 112 Seiten. Hardcover, 22 Euro. – Der Autor im Verlag Liebeskind. Seine Bibliografie hier.

Yves Ravey auf Deutsch:
Nichts als heiße Luft (2026, Liebeskind – Que du vent, 2024)
Taormina (2023, Liebeskind – Taormine, 2022)
Die Abfindung (2022, Liebeskind – Adultère, 2021) – mit 128 Seiten einen Bogen länger als die anderen.
Ein Freund des Hauses (2014, bei Antje Kunstmann – Un notaire peu ordinaire, 2013)
Bruderliebe (2012, bei Antje Kunstmann – Enlèvement avec rançon, 2010)

Die bei Flammarion erscheinende »Revue décapage« n.63 vom März 2021 war Yves Ravey gewidmet. Der zurückhaltende Autor, der rund zwanzig Bücher bei den Éditions de Minuit veröffentlicht hat, lässt sich darin auf das Spiel des Selbstporträts ein: Er erkundet sein Archiv und seine Bibliothek, schildert sein Verhältnis zum Schreiben und spricht über sein Handwerk.

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