
While my Guitar gently weeps …
Alf Mayer über den Rock’n’Roll-Thriller »Final Show« von Dirk Schmidt
»Wenn du die Gitarre spielst, erzählst du eine Geschichte.«
(B.B. King)
Von wegen »Final Show«. Dirk Schmidt, der die Rock und Popgeschichte und all die zugehörigen Pappenheimer vor- und rückwärts kennt (bis hin zur Brummschleife, die entsteht, wenn ein Stecker falsch gepolt ist), hat mit seinem neuen Thriller einen echten Hit im Kasten. Hier der Schnelldurchlauf: In der Hardrock- und Metal-Band Crrowl sterben immer wieder Bandmitglieder. Mal wirkt es wie eine Überdosis Drogen, mal wie ein Stromschlag-Unfall. Die junge Social-Media-Managerin Lucy wird engagiert, um die Band während einer Osteuropa-Tour zu begleiten. Je länger die Reise dauert, desto mehr dunkle Band-Geheimnisse kommen ans Licht. Lucy beginnt zu ahnen, dass die Tode kein Zufall sind – und gerät bald selbst in Lebensgefahr.
Man darf sich dieses Buch gerne auch als glückliches, üppiges Hörspiel vorstellen. (Gibt es tatsächlich: als siebenteiligen ARD-Hörspiel mit dem Titel »Crrowl«, jeweils rund 26 bis 32 Minuten, zusammen 208 Minuten. Erstsendung: 05.10.2025, Bremen Zwei.) In der Herausgeberschaft von Thomas Wörtche bei Suhrkamp wurde daraus nun ein 268-Seiten-Thriller, ein Fall eher unüblicher Adapation. Er ist hochgradig geglückt. Zudem ein unschätzbarer Vorteil, bei Dirk Schmidt allerdings gewohnt: dass er unfassbar süffig schreibt und zu grandiosen Intros fähig ist. Der gegen Schreiberlinge gerichtete böse Satz von Karl Kraus, »Manches erledigt sich durch lautes Lesen«, verkehrt sich bei ihm ins Gegenteil. Dirk Schmidts Texte gehen runter wie Öl. Hier der Anfang des Romans:
»Wie viele Tode war Micky eigentlich gestorben? Wenn Katzen sieben Leben haben, müsste er vor Kurzem die dritte Katze angebrochen haben. Micky ist aus großer Höhe von Konzertbühnen gefallen, hat sich von Motorrädern aus Kurven tragen lassen, wurde bei einem Duell angeschossen, von einem Elefanten gerammt und stieg mal bei voller Fahrt aus dem Tourbus. Zusammen mit dem Stromschlag und der Geschichte in
Bergamo, als Rain oder Keith oder beide gemeinsam ihn aus Versehen in Brand steckten, sind das schon mal sieben, und die restlichen acht bis vierzehn Lebensenden kann man unter der Rubrik »Überdosis« zusammenfassen. Bei jemandem, der jeden Tag so lebt, als wäre es sein letzter, ist das Ende abzusehen, aber als es dann so weit war, kam sein Tod trotzdem so unerwartet wie Werner Vogelbergs halbtaktiger Schlagzeugeinsatz auf Someone ever.
Als Schreiner die Nachricht erhält, schleppt er sich in seine Bibliothek, öffnet eine Flasche von Mickys Lieblingswhiskey und prostet in Richtung Wand. Die Wand, an der seine Erinnerungsbilder hängen: Schreiner und Axl Rose, Schreiner mit Angus Young, Schreiner neben Keith Richards, Mick Jagger und Thom Yorke. Und natürlich: Schreiner und Crrowl. Schreiner nimmt einen Schluck und muss husten. Er hustet sich aus und wirft einen Blick auf das Etikett der Whiskyflasche. Tennessee, das kommt doch ungefähr hin. Irgendwo da in den schwarzen Südstaaten der USA wurde der Blues erfunden.
Weil die Bedingungen dafür ideal waren. Und weil Robert Johnson dem Teufel seine Seele verkauft hatte, um der größte Bluesgitarrist aller Zeiten zu werden. Im Laufe der Zeit veränderte sich das Ganze, wurde elektrisch und tanzbar und weiß. Manchmal war es nicht viel mehr als der Brunftschrei von sexuell frustrierten Teenagern, manchmal wurde es sogar zu Kunst. In jedem Fall war es unfassbar gut dazu geeignet, jungen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen – und Jahrzehnte später ist die gitarrengetriebene Unterhaltungsmusik eine wunderbar reiche Landschaft, auf die man, je nach Standpunkt, mit Nostalgie oder Zukunftshoffnung blicken kann.
Außer in Deutschland – das ist die Wüste Gobi. So jedenfalls würde Schreiner es formulieren, wenn ihn jemand fragte. Er muss es schließlich wissen, er hat sein Leben in dieser Wüste verbracht. Aber niemand fragt Schreiner und immerhin gab es ja Crrowl. Crrowl, was für ein schlechter Name für eine Rockband. Niemand kann ihn aussprechen, nur im südlichsten Süden der Republik und vielleicht in einigen Flecken auf dem Balkan gibt es Menschen, die das »R« adäquat rollen können. Crrowl bedeutet nichts und wenn doch, dann nichts wirklich Gutes. Aber vielleicht ist das schon das erste Geheimnis – was nichts bedeutet, kann alles bedeuten, und Crrowl hat weiß Gott noch mehr Geheimnisse zu bieten. Mehr als genug. »Auf dich, Micky. Du Arsch.«
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Also auf in »die gitarrengetriebene Unterhaltungsmusik«, und immer dabei: ihre unwiderstehlichen Anfänge. Es ist eine Branche, die völlig ungeniert von und mit ihren Legenden lebt. Hier sind es Micky und der legendäre Rain, der schwarze Gott des German Rock, und eine Frontfrau namens Ross, die so ziemlich jeden guten Song von Crrowl schrieb und nach deren Tod nichts Vergleichbares mehr nachkam.
Die junge Lucy, durch deren Augen und Sinne wir in die Geschichte einsteigen – ein probates Mittel, gerne auch in allen Fremde-Welten-Filmen von »Training Day« bis »Avatar« genutzt – »war nicht einmal geboren, als Micky zum ersten Mal starb«. Auf dem Weg zu ihrem ersten Einsatz zieht sie sich auf einer Tankstellen-Toilette um. »Sie sieht jetzt aus wie eine Mischung aus Lara Croft und Bikergang, das Leder knirscht beim laufen. Lucy hatte nicht viel Zeit, um sich auf den Job bei Crrowl vorzubereiten und alles, was sie jemals über die Band gehört hat, stammt von ihrem Vater. Aber so wie sie es sieht, gehört der Einsatz des Kajal-Eyliners zu den entscheidendsten Innovationen in der Geschichte der Rockmusik. Bevor sie die Tankstelle verlässt, entdeckt Lucy ihr Spiegelbild im Glas der Snacktheke und ist zufrieden. Sie sieht okay aus, mehr als okay, sie würde sich heiraten.«
Lucy »hat keine Ahnung, was sie erwartet. Sie ahnt noch nicht, dass sie auf der vergleichsweise kurzen Tour über sechstausend Kilometer zurücklegen, sieben Landesgrenzen überqueren und in zehn verschiedenen Orten übernachten wird. Die Orte werden zwischen hundertfünfzig und dreihundertzwanzigtausend Einwohner haben, und Lucy wird keinen von ihnen kennenlernen und mit nicht mehr als fünf Einheimischen in Kontakt kommen. Ihr Leben wird sich in einem Bus abspielen. Dazu im Backstagebereich verschiedener Konzerthallen, auf den die Hallen umgebenden Parkplätzen und in der Zone hinter und rund um die Bühne, die sie während der Konzerte betreten darf. Sie wird in Hotels schlafen, die diese Bezeichnung nicht verdienen, und sich in anderen über einen funktionierenden Fernseher freuen. Die Freude wird daher rühren, dass sie es leid sein wird, in ihr Smartphone zu starren, und sich nach größeren Bildern sehnt. Auf der anderen Seite wird Lucy schon bald beginnen, Orte, Plätze und Gegenden nach der Qualität der Netzabdeckung zu beurteilen und ihre Erinnerungen nach Mbits ordnen. Nach und nach wird der zunächst verhasste Bus, der, wenn er gut riecht, nach Lufterfrischern duftet und dessen plüschiges Velours Lucy nur aus Ämtern, Arthouse-Kinos und alten Fernsehserien kannte, zu ihrem Lieblingsort werden. Der einzige Ort, der sich nicht verändert und an dem sie sich beinahe zwangsläufig aufgehoben fühlen wird.«
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Es gibt ein ganzes Subgenre von Musikband-Romanen, sei es als coming-of-age, fuck-me-tender oder Kriminalroman. Meistens gilt: »The Devil made me do it«. Es braucht dann Dialogsätze wie: »Meine Eltern lieben Musik. Eigentlich sollte ich Sting heißen, das hat aber nicht geklappt.« (Bei Dirk Schmidt, es ist fast egal, welcher Satz darauf folgt.) Dann noch ein wenig Mascara vom »Club 27« (Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse) und der Existentialismus lässt die Gitarren heulen wie heimwehkranke Schlittenhunde im Vollgas.
Der Roman von Dirk Schmidt ist so etwas wie eine goldene Endlos-Schleife. Wie die Tour der Band durch das nördliche Osteuropa selbst ist er ein wildes »road movie« und will und kann am Ende einfach nicht zu Ende sein. Some legends never die…
Wie eine richtig gute Platte möchte man/ muss man es eigentlich gleich sofort noch einmal auflegen/ noch einmal anfangen. Der Tod von Ross ist der Kern. Aber es bleibt ein unerklärlicher Rest. Was Lucy angeht, findet sie halt »ihre« Wahrheit. Die muss nicht die einzige sein. Lucy ist tatsächlich eine Art Ermittlerin, angeheuert von einem alten Rocker. Wie aus dem Nichts taucht auf Seite 257 ein Martin Krog von Europol auf, der im »Todesfall Michael Basenfeld« ermittelt. Und Ross, stellt sich heraus, hat eine jüngere – spätere – Doppelgängerin namens Ella. Ein Tod per Stromkabel spielt eine Rolle. Es wird aber keineswegs alles aufgelöst. Im letzten Satz sind wir wieder beim Teufel an der Kreuzung. – »Final Show«. Von wegen.
Dirk Schmidt. Final Show.Thriller. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. Klappenbroschur, 268 Seiten, 17 Euro.
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Dirk Schmidt, geboren 1964, studierte nach dem Abitur Geschichte, Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Einer frühen Phase als Drehbuchautor folgten Jahrzehnte als Texter und Kreativdirektor in verschiedenen Werbeagenturen. Erste Arbeiten für den Rundfunk bereits während des Studiums, erstes Kriminalhörspiel 1993, Debütroman Letzte Nacht in Queens 2003. Seit 2011 verantwortlich für den WDR Radio-Tatort rund um die »Task Force Hamm«, der Kult geworden ist. Im Suhrkamp Verlag erschien 2025 sein Thriller Die Kurve.
Das ARD-Hörspiel »Crrowl« umfasst sieben Folgen mit einer Länge von jeweils rund 26 bis 32 Minuten:
Folge 1: Tartu
Folge 2: Ljubljana
Folge 3: Delmenhorst
Folge 4: Warna
Folge 5: Skopje
Folge 6: Wilmersdorf
Folge 7: Ilosaari.











