Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Alf Mayer: Gordon Parks und sein »Born Black«

Kunst ist es, die uns etwas zeigt

What I want
What I am
What you force me to be
Is what you are

(Das Motto von »Born Black«, 1971)

Das nenne ich mal eine »erweiterte Ausgabe«. 24 Fotos und neun Essays enthielt das 1971 bei Lippincott in Philadelphia erschienene schmale Buch »Born Black, A Personal Report on the Decade of Black Revolt 1960-1970« von Gordon Parks. Die jetzt vom Steidl Verlag, Göttingen, und der Gordon Parks Foundation besorgte Neuausgabe wurde auf 179 Fotos erweitert, zudem gibt es Faksimiles der ursprünglichen Buchseiten und – wichtiger noch und großartig – all die Life-Reportagen von Gordon Parks, und zwar im Originalformat reproduziert, die er fotografiert und selbst geschrieben hat und die seinem Buch damals zugrunde gelegen sind. Die Neuausgabe hat insgesamt 202 Abbildungen und lässt Gordon Parks nicht nur als epochalen Fotografen sondern auch als Schreiber sichtbar werden.

Von 1948 bis 1972 war er »staff photographer« beim Magazin Life und dort der erste afroamerikanische Fotograf. Nicht selten wurde er von der Redaktion auch um Texte gebeten. Immerhin hatte er mit »The Learning Tree» (1963) bereits einen Roman und mit »A Choice of Weapons« (1966, dt. Trotz ungleicher Chancen, Econ, 1967) eine Biografie veröffentlicht. In der beschreibt er, 1912 geboren, seine Kindheit im ländlichen Kansas. Sie war von Armut und Rassentrennung geprägt. Er war das 15. und jüngste Kind, sein Vater ein armer Kleinbauer und Tagelöhner. Seine Mutter, eine tief religiöse Methodistin, starb, als er 15 war. Sie gab ihm den starken Willen zum Erfolg mit auf den Weg: »If a white boy can do it, then you can do it too and do it better, or don’t come home.«

Zunächst aber war da Armut, große sogar. Gordon Parks jobbte als Kellner, Zugbegleiter, Sänger in einer Big Band, Barpianist in einem Bordell. (Der 1909 geborene Chester Himes schlug sich ähnlich durch, landete im Gefängnis.)

Das Fotografieren eignete Parks sich autodidaktisch an, die erste Kamera besorgte er sich aus dem Leihhaus. Dann wurde er Teil des bis heute weltgrößten Fotoprojekts. Im depressions-geplagten Amerika ließ die Farm Security Administration (FSA), organisiert von Roy E. Stryker, die Lebensumstände von Hilfsempfängern, vornehmlich im ländlichen Raum, fotografisch dokumentieren. Die Sammlung umfasst 80.000 Aufnahmen. Gordon Parks arbeitete neben Kollegen und Kolleginnen wie Walker Evans, Dorothea Lange, Russell Lee, Arthur Rothstein, Ben Shahn, Jack Delano, Marion Post Wolcott, John Vachon, and Carl Mydans. Sie alle waren damals jung und sich für keine Reise und Recherche zu schade. Unter Stryker wurde die Fotoabteilung der FSA im Zuge des Zweiten Weltkriegs ins Office of War Information (1941 – 1945) transformiert. Gordon Parks fotografierte dort etwa die schwarzen Tuskegee Airmen (was beinahe von weißen Kongressabgeordneten verhindert worden wäre). Dann stieß er zu Life.

Gordon Parks war ein Geschichtenerzähler mit der Kamera – später dann ja auch Filmregisseur (SHAFT u.a.). Die Kamera war ihm nicht nur Werkzeug, sie war ihm Waffe. Seine ihm allein gehörende Stimme gegen Ungerechtigkeit.

»Millions of words have been written about the Negro«, schrieb ihm 1967 die Lektorin Genevieve Young in einem Brief (im Buch ebenfalls faksimiliert); »but the main trouble has been that it has been about him – viewed from a stance somewhere above and apart from him.« Für den Journalisten Jelani Cobb ist dieser Brief die Keimzelle dessen, woraus dann »Born Black« entstanden ist: ganz nah heranzugehen an das, was es in den USA zur damaligen Zeit bedeutet, mit schwarzer Hautfarbe geboren zu sein. Es wurde das erste Buch, in dem Parks Bild und Wort verband. »Think in terms of images and words. They can be mighty powerful when they are fitted together properly«, hatte er in »A Choice of Weapons« geschrieben und damit die Wahl seiner Waffen klargemacht. Weiter heißt es dort: »I suffered first as a child from discrimination, poverty … So I think it was a natural follow from that that I should use my camera to speak for people who are unable to speak for themselves.«

»Born Black« ist ein Zeitdokument, das auch mehr als 50 Jahre später noch alle Kraft hat. Die Neuausgabe macht das wuchtig deutlich. Nach dem Schmutztitel folgen neun doppelseitige Fotos: das erste aus dem San Quentin State Prison, dann ein Black-Muslim-Marsch in Harlem, Straßenszenen aus New York und L.A., die Fäauste von Muhammad Ali, Martin Luther King, Jr., 1963 in Washington, ein schwarzer Junge lesend im Bett, das Hauptquartier der Black Panthers in San Francisco, Eldridge Cleaver in Algier. Damit sind die neun Essays gesetzt, aus denen »Born Black« besteht:

1. Death at San Quentin
2. The Black Muslims
3. The Death of Malcolm X
4. Redemption of a Champion
5. Stokely Carmichael
6. The Fontenelle Family
7. On the Death of Martin Luther King, Jr.
8. The Black Panthers and the Police
9. Papa Rage: A Visit with Eldridge Cleaver.

Jedes der Kapitel ist jeweils etliche Fotos aus dem Archiv von Gordon Parks ergänzt. Man kann sich vorstellen, dass das damals in der Life-Redaktion die Bildauswahl war. Es folgen zwei Essays: »Gordon Parks’s Black America« von Jelani Cobb und »Why Born Black?« von Nicole R. Fleetwood, danach fünf Doppelseiten mit Faksimiles aus dem Buch von 1971. Und dann, absolut elektrisierend, sagenhafte 90 Seiten  mit den in Originalgröße reproduzierten elf Life-Artikeln, die Grundlage des Buches waren. Angefangen mit »Crime in the U.S.« und »The Atmosphere of Crime« vom September 1957 – siehe dazu auch das bei Steidl 2020 erschienene Buch, hier bei uns besprochen.

Es waren acht Seiten Fotostrecke, die Kondensation einer sechswöchigen Recherchereise nach New York, Los Angeles und San Francisco, mit denen Gordon Parks auf immer die gesellschaftliche Wahrnehmung von Polizeialltag veränderte. » Die Darstellung von Polizeiarbeit ist hiermit in der Gegenwart angekommen«, hieß es in unserer Besprechung von »The Atmosphere of Crime«. Die körnigen, oft nachts entstandenen Bilder, schauen den Polizisten über die Schulter, begleiten sie von der Observierung und Festnahme »bis in die Gefängnisse hinein, wo verschüchtert wirkende Häftlinge mit ihren Fliege tragenden Anwälten reden, während müde, ältere Beamte die Tage bis zur Pensionierung zählen«, so David Kregenow.

Buchgestalterisch teilt sich die Neuauflage von »Born Black« in zwei Wirkungsströme. Die Rekonstruktion des Buches von 1971 macht zum einen den Text lesbarer, gibt gleichzeitig den Fotos deutlich mehr Raum, verleiht ihnen neue Größe, Kraft und Aktualität. Zum anderen bringt das letzte Buchdrittel die ursprüngliche Ausdrucks- und Wirkungkraft der Magazinarbeit von Gordon Parks zurück. Es ist erstaunlich, auf welchem ästhetischen Standard Life damals operiert und an den Zeitungskiosken bestanden hat. Das sind Lektionen in Magazingestaltung – und mit all  den zeitgenössischen Anzeigen noch einmal eine Zeitreise besonderer Art.

Die Fotos von Gordon Parks entfalten in diesen Arbeiten eine doppelte Kraft. Sie zeigen die Stärke dessen, was repräsentiert wird, und dessen, was es symbolisiert. Porträts von Muhammad Ali, Stokely Carmichael und Malcolm X stehen neben Fotos von Massenprotesten gegen Polizeigewalt. Bilder von Rassentrennung und von Würde finden sich gleichermaßen. Dazu Selbstbehauptung, Selbstertüchtigung, ungebrochener Stolz.

In »Eldridge Cleaver in Algiers, A Visit with Papa Rage« (Life, Februar1970), ebenfalls Bestandteil des Buchs, reflektiert Gordon Parks seine Unterhaltung mit dem Black Panther-Führer. Der bot ihm an, doch ihr Informations-Minister zu werden. Parks lehnte ab. (Das beschäftigte ihn später noch lange.) Er war damals, verteidigt er sich, zu sehr schon Künstler. Und er wusste um den von ihm bereits in »A Choice of Weapons« formulierten Unterschied:

»Activism tells you; art shows you.«

Alf Mayer

Gordon Parks: Born Black. Englische Ausgabe. Mit Essays von Jelani Cobb, Nicole R. Fleetwood, Text von Peter W. Kunhardt, Jr. und Michal Raz-Russo. Steidl Verlag, Göttingen 2024. Format 25 x 29 cm, Hardcover. 304 Seiten, 202 Abbildungen, 58 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch hier; Gordon Parks bei Steidl hier; Internetseite der Gordon Parks Foundation hier.

Seit 2011 arbeiten die Gordon Parks Foundation und der Steidl Verlag zusammen.»Born Black« ist das 17. Buch dieser Kooperation.

Ausstellung zum Buch, noch bis 20.4.24 in der Jack Shainman Gallery, New York

Die Bücher von Gordon Parks:

Flash Photography. New York: Grosset & Dunlap, 1947

Camera Portraits: Techniques and Principles of Documentary Portraiture. New York: Franklin Watts, 1948

The Learning Tree. New York: Harper & Row, 1963

A Choice of Weapons. New York: Harper & Row, 1966

Gordon Parks: A Poet and His Camera. New York: Viking, 1968

Born Black. Philadelphia: Lippincott, 1971

Gordon Parks: In Love. Philadelphia: Lippincott, 1971

Gordon Parks: Whispers of Intimate Things. New York: Viking, 1971

Moments Without Proper Names. New York: Viking, 1975

Flavio. New York: W.W. Norton, 1978

To Smile in Autumn. New York: W.W. Norton, 1979

Shannon. Boston: Little, Brown, 1981

Voices in the Mirror. New York: Doubleday, 1990

Arias in Silence. Boston: Bulfinch, 1994

Glimpses Toward Infinity. Boston: Little Brown, 1996

Half Past Autumn. Boston: Bulfinch, 1997

A Star for Noon: An Homage to Women in Images, Poetry, and Music. Boston: Bulfinch, 2000

The Sun Stalker. New York: Ruder Finn, 2003

Eyes with Winged Thoughts. New York: Atria, 2005

A Hungry Heart. New York: Washington Square, 2005

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