Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Sonja Hartl schaut auf A.J. Finn »End of Story«

Nur ein Teil der Geschichte

Im Jahr 2019 enthüllte ein Artikel im New Yorker, dass der Bestsellerautor A.J. Finn mit falschen Behauptungen Sympathie und Aufmerksamkeit gewinnen wollte. Nun ist mit „End of Story – Der Mörder unter uns“ sein mit Spannung erwarteter zweiter Thriller erschienen.

Vor sechs Jahren hatte der US-amerikanische Autor A.J. Finn mit dem Psychothriller „The Woman in the Window“ einen weltweiten Erfolg: Es wurde millionenfach und in mehr als 40 Länder verkauft, mit Amy Adams und Gary Oldman verfilmt. Dann erschien 2019 ein Artikel im „New Yorker“ (siehe das schwarze Ankündigungsbild auf der Website des Magazins), in dem der Journalist Ian Parker viele Unwahrheiten in öffentlichen Aussagen von Dan Mallory – der Mann hinter dem Pseudonym A.J. Finn – aufdeckte: Falsche Angaben über akademische Titel, eine tödliche Krebserkrankung seiner Mutter, den Selbstmord seines Bruders, einen Gehirntumor und einiges mehr. Der Artikel liest sich wie eine spannende Hochstaplergeschichte – passenderweise ist Mallory Fan von Patricia Highsmith. Letztlich hat er sein Verhalten mit einer bipolaren Störung erklärt. Danach wurde es ruhig um ihn.

Nun ist sein damals bereits angekündigter zweiter Thriller erschienen: „End of Story – Der Mörder unter uns“. Im Mittelpunkt steht der Schriftsteller Sebastian Trapp, der von der Öffentlichkeit verdächtigt wird, ein Verbrechen begangen zu haben: Vor 20 Jahren sind seine damalige Ehefrau und sein Sohn spurlos verschwunden – seither glauben einige, Trapp habe sie ermordet. Nun hat der todkranke Autor die Krimi-Expertin Nicky Hunter in sein Haus nach San Francisco eingeladen. Sie hofft, dass er ihr erzählen wird, was damals wirklich passiert ist.

The New Yorker vom 4. Februar 2019

Schon „The Woman in the Window“ war sehr kalkuliert: Wie Gillian Flynns “Gone Girl” (2012) und Paula Hawkins “The Girl on the Train” (2015) – beides Welterfolge mit Millionenauflage – gab es eine unzuverlässige Ich-Erzählerin, einen möglichen Mord und einen Psychopathen. Noch dazu erinnert das ganze Ausgangsszenario an Hitchcocks „Rear Window“. Damals ging die Rechnung auf.

Auch bei „End of Story“ ist ein bekanntes Krimisetting das Ausgangsszenario: Die Vergangenheit holt einen Schriftsteller ein, ein mögliches Verbrechen aus der Vergangenheit soll aufgeklärt werden. Dazu steht Hitchcock abermals Pate – welcher Film verrate ich hier aber nicht. Stilistisch erinnert ebenfalls vieles an den Vorgängerroman: Süffig-geschmeidig erzählt sollen kurze Sätze sollen über langatmige Passagen hinwegtäuschen. Es gibt gleich mehrere unzuverlässige Erzählstimmen, die sich allerdings kaum unterscheiden lassen. Sie sind gleichsam kultiviert, verschmitzt und fühlen sich anderen überlegen.

Dazu schwelgt Finn in Zitaten, Anspielungen und Verweisen, die für die Leser*innen stets erklärt werden. Dahinter steckt anders als beispielsweise in Fabio Stassis „Die Seele aller Zufälle“ kein poetologisches Verfahren. Vielmehr stellen sie Belesenheit und eine vermeintliche Cleverness aus, die in der vorherzusehenden Handlung nicht steckt. Spannung wird mit routiniert-bekannten Mitteln aufgebaut: So liegt am Anfang eine tote Frau im Teich des Hauses – unweigerlich kommen Gedanken an Billy Wilders „Sunset Boulevard“ und den mehrfach referenzierten Roman „Rebecca“ von Daphne DuMaurier. Ungefähr zur Hälfte erfährt man dann, wer es ist. Mit dieser Auflösung verändert sich der Tonfall: der heitere, an britische Golden-Age-Krimis angelehnte Plauderton wird düsterer. Die Handlung widersprüchlicher. Es ist schade: Finn kreiert ein spannendes Szenario, die Aufklärung aber ist hanebüchen.

Dadurch ist die außerliterarische Lesart letztlich reizvoller als die textbezogene: Sebastian Trapp wird als „Meisterschwindler“ bezeichnet, er ist ein „äußerst populärer Schriftsteller, dem ein grässliches Unheil widerführ“ – es sei denn, er ist schuldig, dann habe er „das perfekte Verbrechen“ begangen. Das lädt regelrecht dazu ein, dieses Buch auch als eine Reaktion auf den New-Yorker-Artikel zu lesen. Manchmal ist die Wirklichkeit spannender als die Fiktion.

Sonja Hartl

A.J. Finn: End of Story – Der Mörder unter uns (End of Story, 2024). Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2024. 528 Seiten, 17 Euro.

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