Löwen wecken – Es gibt Kriminalromane, auf denen steht einfach Roman drauf. Man soll sie nicht mit „Krimis“ verwechseln. Und das ist gut, wie das Beispiel von Ayelet Gundar-Goshens kapitalem Kriminalroman „Löwen wecken“ zeigt. Einer Rezension von Anne Kuhlmeyer. Alles – den neuen Geländewagen, das spärliche Grün und Dr. Etan Griens Mitgefühl – bedeckt der Wüstenstaub Beer Shevas, der Stadt, in die Etan aus dem pulsierenden Tel Aviv verbannt wurde, weil er seinem Chef und Idol Korruption vorgeworfen hatte. Unter der weißen Schicht versteckt sich der Ekel, den Etan täglich mit
Read More Back In The U.S.S.R. – Der Schwede Daniel Espinosa hat Tom Rob Smiths Welterfolg „Kind 44“ (hier bei CM) verfilmt, nicht immer stringent und spannend. Ansehen sollte man ihn sich trotzdem. Lutz Göllner hat das schon getan. „Verbrechen gibt es nicht im Paradies“, drei Mal fällt dieser Satz im Laufe des Films. Das hat durchaus eine innere, fast schon orwellsche Logik, denn wo der Staat die größten Verbrechen begeht, verblassen andere Taten nahezu. Aber war es wirklich der sowjetische Staat, der Leo Demidow gebrochen hat? Als Kind ein Überlebender des
Read More Posted On Juni 6, 2015By Anna Veronica WutschelIn Crimemag, DVD
Sin City Gent – Der Code für Sexualdelikte bei der belgischen Polizei ist „Code 37“. Der jüngst verstorbene, große belgische Autor Jef Geeraerts hat sich zeitlebens mit bitterbösen und ätzenden Texten an diesem Thema abgearbeitet. Jetzt ist es TV-Serien-kompatibel geworden. Anna Veronica Wutschel hat sich durch die DVDs geschaut: „Ihnen ist klar, dass nicht alle Täter gefasst werden können!“, wird Hannah Maes (Veerle Baetens), die neue Leiterin des Sittendezernats zu ihrem Amtsantritt informiert. „Es gibt keine unlösbaren Fälle, nur Polizisten, die nicht lange genug nachforschen“, antwortet Hannah ebenso selbstsicher wie
Read More As we know from the mountain range of sociological studies on the topic, men have a hard time making friends with their fellow men. This is especially true for white, heterosexual men; doubly true for shamrocks like myself, warned since our days in short pants to beware of the Dread Emotional Talk. Counsel thus given to a nascent borstal boy: No girly talk for thee, Tommy-boyo. None of that missy-missy, passion-soaked palaver. No siree! You must keep the chatter he-man, laddy-buck. Football and motorcars and power tools—that’s the stuff. Unless
Read More Das ungemachte Bett des Lebens –Tex Rubinowitz ist ein rühriger Zeichner, Maler, Schauspieler, Herausgeber, Kurator, Reisejournalist und schließlich auch Romanautor, der 2014 mit dem „Bachmann“-Preis ausgezeichnet wurde. In „Irma“ lässt das 1961 als Dirk Wesenberg geborene Multitalent auf höchst originelle Weise ein Leben Revue passieren. Ohne Zweifel steckt in diesem Buch eine ganz gehörige Portion Autobiografisches, aber die eigentliche Frage ist, ob es dabei eher darum geht, „richtiges Leben falsch zu erzählen … oder ein falsches Leben richtig“. Von Karsten Herrmann Der Ich-Erzähler alias Dirk Wesenberg alias Tex Rubinowitz steigt
Read More Zur Stelle gewesen Von Wolfram Schütte Das letzte Mal sah ich Gerhard Zwerenz (& sein Frau Ingrid) vor ein paar Jahren am Ausgang des Schwimmbads von Königstein i. T. Königstein liegt am Hang unterhalb des Großen Feldbergs, der höchsten Erhebung des Taunus. Hinter dem Feldberg in Oberreifenberg, auf ca. 800 Metern Höhe & im Winter häufig im Schnee, wohnen die beiden seit Jahrzehnten in ihrem eigenen Haus, das sich der Autor mit seinen Büchern redlich verdient hat. Der in Sachsen geborene Autor ist zwar nie in die „Bundesliga“ der deutschsprachigen
Read More Endlich: der einfachste Weg zur Traumfigur (Finden Sie am Ende des Artikels) Nach Christina Mohr (hier) nun Christopher Werth mit seiner Sicht auf das Buch. Unter uns, mal ganz ehrlich: Haben Sie schon Ihre Bikinifigur? Oder sind Sie noch auf der Suche nach dem perfekten Yogakurs und der optimalen Diät? Und wenn wir schon mal dabei sind: Wie gut machen Sie sich eigentlich bei Tinder oder Grindr? Oder: wenn Sie da (noch) nicht angemeldet sind, sind Sie dafür überhaupt heiß und begehrenswert genug? Haben Sie manchmal auch einfach Panik, weil
Read More Literarisches Denkmal – Einer muss sterben, ein anderer darf dafür überleben. Die unabwendbare Dramatik der Organspende. Eine im Grunde einfache Geschichte – die doch von höchster Komplexität ist. Davon erzählt Maylis de Kerangal in ihrem Roman „Die Lebenden reparieren“ auf grandiose Weise. Von Ulrich Noller Man wähnt sich erstmal in einem Surferroman – beinahe: Drei Jungs machen sich frühmorgens auf den Weg, sie wollen in der Morgendämmerung an der Mündung der Seine in der Nähe von Le Havre ein paar perfekte Wellen abpassen. Das klappt auch; es hat sich gelohnt,
Read More 1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Äpfel und Orangen” von Paul Cézanne. An Apple a Day Keeps the Doctor Away Mit diesem Berg von Äpfeln und
Read More Sa-samba 1 bild / 100 worte Sa-samba steht der Mond am Himmel, so holl-voll, stroll-moll, und gestern Nacht hat Markus kein Auge zugetan. Hat er gesagt. Sagte er so so, aber heute strebt er der Strebsame strebsam weiter auf der Straße der Erwerbsmoral, moralisch zu erwerben Moneten für Bier, heyo (spann den Wagen an). Hu. Ha, das Wassermannzeitalter! besungen im Musical Haar, a.k.a. Haare. Der Muhuhuhun ist im siebten Haus, flöteten wir Schulkinder einst, ohne den blassesten, welchen Unsinn wir da von uns gaben, denn: „Der Mond ist jeden Tag
Read More Joachim Feldmann – Der Muret-Sanders (5. Auflage 1978), auch als Langenscheidts Enzyklopädisches Wörterbuch der englischen und deutschen Sprache bekannt, schlägt für das Adjektiv „blithe“ folgende Bedeutungen vor: fröhlich, lustig, munter, vergnügt. Als veraltet werden hingegen die Übersetzungen „gütig“ und „freundlich“ markiert. Beide Bezeichnungen wären auch denkbar ungeeignet, um Frederic J. Frenger jun. zu charakterisieren. Denn der 28-jährige Gewohnheitsverbrecher aus Kalifornien hat während der langen Zeit, die er in staatlichen Institutionen verbringen durfte, eins gelernt: Altruismus führt zu nichts. Oder um es in den Worten Charles Willefords, der mit Frenger einen
Read More Nele Hoffmann – Neulich war ich bei einer Hochzeit, die diesen manchmal ohnehin skurril ausgeschmückten Ritus aus verschiedenen Gründen an Skurrilität noch weit übertraf, aber das wäre eine story of its own. Hier reicht es zu berichten, dass in den hinteren Rängen nur mit Mühe vielstimmiges Grölen und Schenkelklopfen unterdrückt werden konnte, als vorn am Altar mit vollem Ernst der Brief des Apostel Paulus an die Epheser, Kap. 5 Vers 22 verlesen wurde. Ja, genau: Die Weiber seien Untertan ihren Männern … Und schon sind wir bei Charles Willefords „Miami
Read More Alf Mayer – Ein Roman ist eine Fallstudie; die Fallstudie des Schreibers, und wenn er ehrlich geschrieben ist, wird er im Schweiß und in den Tränen des Künstlers gebadet sein. „Künstler“ ist ein selten zu verwendendes Wort. Es gibt Autoren, die Künstler in dem Sinne sind, wie ein Hersteller von Strapsgürteln ein Künstler ist. Wenn man zehn Strapsgürtel bestellt, bekommt man zehn Strapsgürtel. Wenn man eine Liebesgeschichte in der Länge von 3.000 Worten bestellt, wird man von einem guten Handwerker eine bekommen. Oder zehn. Ein Roman ist die Fallstudie eines
Read More readingMarcus Müntefering – Unser Bild von Miami schärfte sich in den Achtzigerjahren. Erst kam Brian De Palma mit seinem irrwitzigen „Scarface“-Remake, das die Stadt als Abenteuer-Spielplatz von Männern ohne Moral zeigte: Gier ist geil. Es folgte „Miami Vice“, ein anderer Ansatz – die Serie, die mit der Unterstützung Michale Manns produziert wurde, beschrieb die sich ausbreitende Drogenkriminalität aus dem point of view zweier Undercover-Cops, die zwar die Bösen zur Strecke brachten, den Lifestyle, den das viele Drogengeld mit sich brachte, aber sichtlich genossen. Sowohl Film als auch Serie inszenierten Miami
Read More Thomas Wörtche – Romananfänge sind entscheidend. Nicht nur erste Sätze, sondern das, was man klassischerweise als Exposition bezeichnet. Nicht selten definieren sie einen Roman als „Klassiker“. „Miami Blues“ von Charles Willeford, der erste Teil eines Quartetts um den Detective Sergeant Hoke Moseley vom Morddezernat des MPD, ist so ein Fall. Frederick J. Frenger jun, genannt Junior, der – in einer früheren Ausgabe „wohlgemute“, in der überarbeiteten Neuausgabe – „unbekümmerte“ Psychopath aus Kalifornien kommt auf dem Flughafen in Miami an und bricht einem bettelnden Hare-Krishna-Jünger den Finger, weil der ihn nervt.
Read More (Tintin-kariert) 1 bild / 100 worte <Wer weiß? Vielleicht sind Supernova ja die Reinigungskräfte des Universums.> – <Der Schattentanz über der Karibik warf 1919 ein erhellendes Licht auf die Gesetze der Physik!> – <Neues von der schrecklich-seltsamen Familie riesiger Exo-Planeten.> …und draußen vor dem Fenster, schießt sie zum Mond, sind städtische Landschaftsarbeiter mit insistenten Maschinen an der Natur zugange, oder vielleicht ist es auch der Nachbar, der den Bürgersteig mit seiner neuen gelben Kreissäge aufspitzen will, oder der schüchterne Junge von Gegenüber, dessen rot-weiße (Tintin-karierte) Rakete, als Schulprojekt über den
Read More Hinter der Linie, vor dem 34. Spieltag – Eine Fußballkolumne von Mara Braun. Kaum zu glauben, aber mit diesem Wochenende geht auch die aktuelle Bundesligaserie zu Ende. Lediglich die Vereine, bei denen erst die beiden Relegationsspiele darüber entscheiden, in welcher Liga sie kommende Saison spielen werden, müssen dann noch nachsitzen. Wer das sein wird, ist aktuell völlig offen: Selten mussten im Saisonfinish so viele Mannschaften bis zur sprichwörtlich letzten Sekunde darum bangen, ob sie die Klasse halten oder absteigen, in der Relegation um den Aufstieg kämpfen oder ihren Traum denkbar
Read More As I write, a deputation of White House operatives is secretly en route to the Moscow apartment where Edward Snowden has lived in forced exile since June of 2013, when he exposed gross illegality by the National Security Agency of the United States and was immediately set upon by Pentagon persecutors—the sort of folks who built American torture chambers in Afghanistan and Iraq, where homicides were not unknown. Apparatchiks for the Obama administration will make Mr. Snowden an offer they believe he cannot refuse: Sit tight here in Russia for
Read More Ein Besuch am Set von Büttenwarder. Prolog: Als ich 2007 nach Flensburg kam, kannte ich „Neues aus Büttenwarder“ nicht. 2015 wurde ich im April zu den neuen Dreharbeiten eingeladen, saß im Sonnenschein vor dem Dorfkrug, aß zusammen mit dem Filmteam und sprach mit verschiedenen Schauspielern. Wie selbstverständlich, wie unkompliziert, und mit großer Gastlichkeit empfangen! Und sofort verwickelte mich ‚Killerkralle‘-Kuno (im echten Leben spielt er Sven Walser) in eine Diskussion über die postmodernen, popkulturellen Perspektiven bzw. Implikationen und dystopisch-dekonstruktivistischen Dimensionen von Science Fiction im Kontext des Büttenwarder-Kosmos. Peter Heinrich Brix, gespielt
Read More „Hirni“ mit Durchblick – Donal Ryan gilt als großes irisches Erzähltalent und wurde mit begeisterten Lobeshymnen bedacht – sein Roman „Die Sache mit dem Dezember“ liefert ein sensibles aber auch ätzendes Psychogramm eines Außenseiters und die Diagnose ungebremster kollektiver Gier während der exzessiven Immobilien-Blase. Von Peter Münder Johnsey Cunliffe hat Probleme damit, seine herumflirrenden Wahrnehmungen, Überlegungen und Phantasien irgendwie als verständliche Wörter oder Sätze auf die Reihe zu kriegen und wird deswegen von vielen im kleinen ländlichen Nest gemobbt und als „Hirni“ verhöhnt. Er hat einen Job bei der Co-Op
Read More 1 Kunstpostkarte, 1 Woche, 1 Kolumne: Michael Zellers SEH-REISE! Michael Zeller besitzt einen großen Stapel von Kunstkarten, die er bei seinen Galerie- und Museumsbesuchen angesammelt hat. Jede Woche fischt er eine Karte heraus und hängt sie sich in die Wohnung, wo der Blick immer wieder an ihr hängen bleibt. Was darauf zu sehen ist, welche Beziehung sich zwischen Werk und Autor entwickelt, darüber berichtet Michael Zeller wöchentlich in CULTurMAG. Heute: „Mann und Maus” von Katharina Fritsch. Von Mäusen und Menschen Walter Benjamin war wohl der erste, in Deutschland jedenfalls, der
Read More Ein Entscheidungsverweigerer im Beinahe-Vergangenen – Manche Schriftsteller glauben, dass es beim Romanschreiben darauf ankomme, den in ihnen selbst angelegten Stil weitmöglichst zu entwickeln. Das glatte Gegenteil praktiziert Stefan Gärtner (Jahrgang 1973). In zehn Jahren als Redakteur beim Satiremagazin Titanic hat er in Parodien zahlreiche Schreibstile und -formen imitiert, wodurch notwendigerweise der Witz einer Parodie erst zünden kann. Dementsprechend wählte er in seinem literarischen Erstling, der schelmischen Kanzlerin-Parabel „Angéla – Lehrjahre einer Liebeshungrigen“ (Knaus, 2013), eine an die barocke Handlungszeit angelegte Diktion mit Ausschmückungen und opulentem Vokabular. In „Putins Weiber“ nun
Read More Neulich hatte ich einen Traum. Mit Bewunderung und zunehmend positiver Fassungslosigkeit folgte ich in diesem Traum den Presseberichten über einen Parteitag. Ich sah dort etwas, was ich schon längst für unmöglich in der deutschen Politik gehalten hatte. Nämlich einen ganz besonderen Begriff. Ich las, träumend, diesen Begriff auf Postern, auf Plakaten, Flyern und sah ihn hinterm Podium groß aufgespannt. Jede Nachrichtensendung brachte diesen Begriff in ihrer Moderation und zeigte ihn mir in ihren Einspielern. Und selbstverständlich verzichtete auch keine der Tageszeitungen darauf, ihn in Wort und/oder Bild zu thematisieren. Jener
Read More Nachtgewächs 1 bild / 100 worte Charles Bowden erzählt von dieser Blume in einem Essay über den Tod von Freunden und das Genießen der Sinne, und wir möchten gleich in die Wüste fahren um sie zu erleben… sie öffne sich nur in den heißesten Nächten. „Sie ist schamlos, absolut schamlos…“ Natürlich wollen die Toten nicht allein sein, also ziehen sie uns mit sich, und wer weiter leben will, gräbt sich mühsam einen Weg zurück. Es hilft Kochen, Essen, Sein. So Bowden – oder so ähnlich. Nun ist er selbst von
Read More Wählen! Jetzt! Carlos ist ein unfassbar guter Demokrat. Bei ihm haben Sie, lieber Leserinnen und Leser, die Wahl und bitte bedenken Sie, dass Demokratie nur funktioniert, wenn Sie Ihr Wahlrecht wahrnehmen. Also los! Und beklagen Sie sich dann nicht … Immer wieder etwas Neues will ich meiner riesigen Leserschaft bieten und nun also sogar interaktiv diesselbe einbinden. „Weil, nämlich“ (Dr. Friedrich Katz) ich Dich, treuer Leser, und Dich, Du Luderleserin, hiermit ermächtige, die Themen der nächsten drei Kolumnen via Kommentarfunktion aus der (s. u.) Liste auszuwählen. Bei nur einer Wertung,
Read More NEW YORK CITY, near America In the annals of modern American presidential campaigns, no strategy has been more beneficial to those who own the government than the pernicious pact Big Business has forged with Big Religion. If only for the god of wicked irony, the association would never have developed. Once upon a biblical time, a socially conscious carpenter was appalled on seeing the ancient temple of Jerusalem packed to the rafters with fast-talking sharpies exchanging currency at usurious rates. (A chronicle of sorts—El Greco’s La Expulsión de los mercaderes
Read More