Leiser Schrecken von Thomas Wörtche Regina Nössler gehört – literaturbetrieblich gesehen – zu den eher Stillen im Lande. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie zu den ganz Großen gehört. Ihr neuer Roman, „Schleierwolken“ unterstreicht das nachdrücklich. Schlimme Dinge können ganz banal daherkommen. Elisabeth Ebel führt ein wenig sensationelles Leben in Berlin. Sie arbeitet für eine Art Schreibbüro als Korrektorin, obwohl sie ein abgeschlossenes Studium hat. Ihre verwitwete Mutter in Wattenscheid of all places triggert ihr schlechtes Gewissen, nörgelt und meckert an allem, zwingt sie aber alle paar Wochen
Read More Krimidialogischer Wechselgesang oder Kleine Krabbelkiste zur gefälligen Selbstbedienung für Krimilibrettisten – aufgesammelt von Klaus Kamberger Besetzung: wie üblich und immer dieselbe. Auch die Zuordnung der Protagonisten zum Text ergibt sich von selbst. Und wer was zu wem warum meint kundtun zu müssen, ergibt sich dito – vom Ermittler (alleinerziehend mit pubertierender Tochter) über den Beschuldigten (Ich war’s nicht, das müssen Sie mir glauben), deren zu befragende Angehörige (die während ihrer Befragung wahlweise Holz hacken, Billard spielen, Büstenhalter bügeln oder mit dem Ermittler zu flirten versuchen), dem einen Zeugen (der etwas
Read More Bücher, kurz serviert Kurzbesprechungen von fiction und non fiction. Joachim Feldmann (JF), Klaus Kamberger (KK), Alf Mayer (AM), Ulrich Noller (UN) und Thomas Wörtche (TW) über … Rachid Benzine: Der Zorn der Feiglinge Lawrence Block: Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens Tom Franklin: Smonk Robert Harris: München Abo Iaschaghaschwili: Royal Mary Alexander Pechmann: Sieben Lichter William Shaw: Der gute Mörder Rex Stout: Zu viele Köche Brigitte und Hans-Jürgen Tast: Kulleraugen – Visuelle Kommunikation Gary Victor: Der Blutchor Sonne und
Read More Frivole Spielereien mit Blut und Tod von Thomas Wörtche Hier der zweite Teil unserer kleinen Archivrecherche zum Thema „Kriminalliteratur & Gewalt“ (zu Teil I geht es hier), die zeigt, dass sich die Diskussion zwar graduell, aber nicht substantiell bewegt hat. Die veränderten Kontexte bitten wir mitzudenken, den Kern der Argumentation betreffen sie nicht. In dem Moment, wo man zugibt, daß in einer Kontroverse beide Seiten recht haben könnten, hat man seine ganze Argumentation weggeworfen. Raymond Chandler. Gewalt hat keinen Anfang und kein Ende. Gewalt tritt in allen Bereichen der
Read More Kollektiven Ängsten auf der Spur von Frank Rumpel Bei der Tübinger Poetik-Dozentur wagen die Organisator/innen auch mal Ungewöhnliches. Dazu darf man durchaus auch die diesjährige Beschäftigung mit dem Kriminalroman zählen. Der wird zwar reichlich gelesen, doch im universitären Umfeld noch längst nicht wirklich ernst genommen. Gemeinhin wird er noch immer vielerorts als schnöde Unterhaltungsliteratur gesehen, nichts, mit dem man sich wissenschaftlich beschäftigen müsste. Das ändert sich gerade. Zu sehen ist das etwa auch am Thema der diesjährigen Tübinger Poetik-Dozentur, wenngleich es dabei nicht um streng wissenschaftliche Vorträge geht. Vielmehr sollen
Read More Der Kriminalroman als Gegenwartsliteratur Ein Interview von Frank Rumpel mit Dorothee Kimmich Sie ist Professorin für Literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaft und Kulturtheorie an der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen. Dorothee Kimmich leitet und organisiert zusammen mit einem kleinen Team seit 13 Jahren die einst von Jürgen Wertheimer begründete Tübinger Poetik-Dozentur. Von Anfang an hat sie für jede Dozentur mindestens zwei Autor/innen eingeladen. Das sorgt für interessante Perspektivwechsel. Und sie traut sich auch, den Rahmen weiter zu stecken. Im Vorjahr etwa waren Siri Hustvedt und der italienische Neurowissenschaftler Vittorio Gallese zu Gast, 2014 widmete
Read More Wenn Thriller den Härtetest der Realität bestehen Gerald Seymour ist endlich wieder präsent. Fast zwanzig Jahre lang wurde er nicht mehr übersetzt. Alf Mayer stellt ihn uns vor und hat sich mit Übersetzerin Andrea O’Brien über „Vagabond“ unterhalten. Solch ein Werk hat weltweit kein anderer Thrillerautor vorzuweisen. Seit 1975 und dem Irland-Thriller „Harry’s Game“ (dt. Das tödliche Patt, 1979) hat der Brite Gerald Seymour beinahe ununterbrochen jedes Jahr einen gewichtigen Polit-Thriller vorgelegt – and he keeps on running. Gerade 76 Jahre alt geworden, erscheint in UK jetzt am 4. Januar 2018 „A
Read More Berlin, das Original „Es wird Nacht im BERLIN der Wilden Zwanziger“ von Robert Nippoldt (Bilder) und Boris Pofalla (Text) ist ein absoluter Hammer-Pracht-Band. Thomas Wörtche wälzt sich wollüstig in Bildern und Texten und Songs. Ein bisschen ironisch ist das Ganze schon: Da treten ein paar, literarisch gesehen, mittmäßige bis belanglose Romane eine Welle los – die „Gereon-Rath“-Romane von Volker Kutscher. „Der nasse Fisch“, das erste Buch der Serie erschien 2007, also vor genau zehn Jahren. Heute ist der Hype voll erblüht – zigfach kloniert in ebenso belanglosen Mee-too-Büchern wie Kerstin
Read More Parkplatzpoesie Von Katrin Doerksen In Terminator liefern sich Kyle Reese und Arnold Schwarzenegger ohne Augenbrauen ein Shootout in einer riesigen Parkgarage, in Fargo geschieht ein Mord und in The Fast and the Furious: Tokyo Drift wird ein Parkhaus zum Veranstaltungsort illegaler Rennen. Der Parkplatz ist eigentlich ein zweckmäßiger Ort: Menschen suchen ihn theoretisch nur auf, um ihn bald darauf wieder zu verlassen. Schon die bloße Existenz eines Parkplatzes impliziert, dass es einen Grund gibt, eine wie auch immer geartete Attraktion in seiner Nähe aufzusuchen. Trotzdem – oder vielleicht gerade wegen
Read More »Schau mir in die Augen, Kleines!« von Bodo V. Hechelhammer. … »Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft« oder »Spiels noch einmal Sam«, sind weltberühmte (deutsche) und unsterbliche Filmzitate, die jeder mehr oder weniger begeisterte Filmliebhaber ohne Probleme sogleich dem entsprechenden Film zuordnen können: »Casablanca«. Ohne Frage ein Kultfilm, der wie kaum ein anderer zu zahlreichen Mythen und Legendenbildungen geführt hat. Kein Film ist bis heute häufiger zitiert, als das meisterliche Werk von Michael Curtiz (1886-1962) aus dem Jahr 1942, mit Humphrey Bogart (1899–1957) und Ingrid Bergman (1915–1982)
Read More Das „Mr. Hitchock, wie haben Sie das gemacht?“ der Crime Fiction Das Buch ist beinahe LP-Cover-groß. Wir sprechen von fetter Kassette. Als ich es aufblätterte, musste ich mich setzen, so haute es mich um. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Über 1.300 Farbabbildungen zum Werk eines einzigen Schriftstellers, alles sorgsam und übersichtlich gestaltet, beste Farb- und Druckqualität, die Bilder vom Layout den entsprechenden Textstellen zugeordnet, die Bildtexte knackig. Alles sitzt, hat Luft und passt. Ein überlegt gestaltetes, wunderbar großzügiges Buch. Eine Augenweide. Ein Fest. Und da hatte ich noch
Read More Der Wahn aus Devil’s Hole – ein Besuch in Charlie Mansons kalifornischen Schlupfwinkeln Am 19. November 2017 ist Charles Manson, einer der berüchtigsten Mörder des 20. Jahrhunderts, im Alter von 83 nach mehr als 45 Jahren im Gefängnis gestorben. Im Oktober 1991 war ich auf Spurensuche in Los Angeles und im Death Valley. Das ist mein Bericht aus der ZEIT vom 8. November 1991. – Von Tobias Gohlis. Hinter Death Valley Junction, an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada, verbirgt ein namenloser Felshügel den Lebensraum von Cyprinodon diabolis. Seit zehn- bis zwanzigtausend Jahren lebt der
Read More Paläoart: Wie Künstler durch die Zeiten sahen von Markus Pohlmeyer I Dieses Buch ist selbst ein Dinosaurier: gigantisch und monumental, geheimnisvoll und furchteinflößend, imaginativ und phantastisch: ein Zeugnis davon, wie gesehen, gedacht, geträumt und gemalt wurde von jener fernen, so wundervollen und ins Heute ragenden Urzeit. Mit diesem Buch lebe ich schon seit Monaten: entdeckend, schwelgend, staunend. W. Ford bietet in seinem Vorwort eine methodische und kurze historische Einleitung, um Z. Lescazes Arbeit und die Bedeutung der Paläo-Art zu würdigen: „Die zeitgenössische Kunstform der ‚Paläo-Kunst‘ – eine visuelle Tradition, die
Read More Was es mit der Macht auf sich hat Katrin Doerksen schribt für kino-zeit.de. Sie hat sich den neuen Teil der Kultreihe schon einmal angeschaut: Um das Star-Wars-Universum ranken sich seit jeher Gerüchte, Fantheorien, Wunschdenken. Eines davon bestätigte letztes Jahr Rian Johnson, der Regisseur des neuen Films Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi. Jeder Teil der aktuellen Trilogie sollte eine der drei ursprünglichen Hauptfiguren in den Mittelpunkt stellen. Erst Han Solo, dann Luke Skywalker, schließlich Leia Organa. Das System schien sich zu bewähren: Harrison Ford hatte in Star Wars:
Read More Eine Nacht in Detroit Sonja Hartl arbeitet unter anderem für kino-zeit.de. Wir freuen uns, dass sie und das Magazin uns regelmäßig spannende Filmrezensionen wie diese zur Verfügung stellen. Am Anfang von Kathryn Bigelows Detroit steht ein Prolog mit den Gemälden der Migration Series des afroamerikanischen Künstlers Jacob Lawrence. Sie erzählen von Unterdrückung, Armut und Ghettoisierung, sie verdeutlichen das langsame Anstauen der Wut über Ungerechtigkeit und Diskriminierung und verweisen auf den über Jahrhunderte institutionalisierten Rassismus in den USA. Zudem liefert dieser Prolog den sozialhistorischen Hintergrund, vor dem die Unruhen in Detroit
Read More Der Schattenmann Von Joachim Kurz Ein Auftrag, der unmöglich zu schaffen ist – und schon nimmt das Unglück seinen Lauf: Weil sein Chef wie selbstverständlich ein umfangreiches Dossier anfordert, das am nächsten Tag fertig sein muss, rastet der Unternehmensberater Duval (François Cluzet) aus und erleidet einen Burn out, der ihn für zwei Jahre auf die Bretter schickt. Nachdem er mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe seine Alkoholprobleme mühsam in den Griff bekommen hat, kommt ein geheimnisvolles Jobangebot, das ihm ein Mann namens Clément (Denis Podalydès) unterbreitet, gerade recht, um den Schritt zurück
Read More A Christmas Day Truce 2017 By Christopher G. Moore Swimming pools of ink have been emptied in the discussions of the intense verbal warfare in America about politics as the president fires tweets like a machine-gunner at a wide range of enemies. In all of these dramatic battles, there’s not been much discussion about a central question that defines our humanity: have we loss our sense of empathy? Exactly what makes empathy a desirable trait? I recently read an interview with Nick Bostrom, Professor in the Faculty of Philosophy at
Read More Einblicke Im Jahr 1964 erschien „Nothing Personal“ von Richard Avedon und James Baldwin. Ein Coffee Table Book mit Portraits von Richard Avedon und einem Essay von James Baldwin, das nun vom Taschen Verlag unter dem Titel „Im Hinblick“ originalgetreu im Nachdruck erscheint, ergänzt mit einem 72-seitigem Begleitheft mit unveröffentlichten Fotos Avedons, Briefen der Freunde und einem Essay von Hilton Als. Auf den ersten Blick scheinen die in dem Band versammelten Bilder kaum miteinander in Verbindung zu stehen, abgesehen davon, dass sie Portraits sind. Es sind Aufnahmen vom Standesamt in New
Read More Gedanken zu Blake Crouch: Dark Matter. Der Zeitenläufer.[1] Von Markus Pohlmeyer Angenommen, es gäbe ein Multiversum (was theoretisch plausibel, aber experimentell schwer zu beweisen ist), und angenommen, ein Wissenschaftler könnte eine Vorrichtung finden, in die verschiedenen Universen/Multiversen zu wechseln. Das ist der quantenmechanische Minimalbauplan von Dark Matter. (Tun wir so, als ob!) Hieraus entwickelt sich die ethische Grundfrage des Romans: nach der (Un)Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Warum habe ich diese und nicht andere Entscheidungen getroffen? Wäre ich jetzt glücklicher, was habe ich aufgegeben, wen gewonnen und verloren wen? Was, wenn
Read More Monk and Harvey Bill Ott, more than 30 years with Booklist, continues to edit the crime fiction section of the magazine and still delights in discovering new hard-boiled writers – or writing about The Greats. Here he gives us permission to republish his toughts about Thelonious Monk & British author John Harvey, who happens to be our columnist. John Harvey ist widely known for his Jazz loving Detective Inspector Charlie Resnick. (A review of his latest, „Darkness, Darkness“ (dt. Unter Tage), you’ll find here: „Kohlenpott-Blues„.) Jazzman Thelonious Sphere Monk (1917–82) was notoriously late for gigs,
Read More PRESS RELEASE – For release 1st December 2017 Fiction Award to Recognise Writing on Human Rights The Christopher G. Moore Foundation is pleased to announce that submissions are open for the Moore Prize 2018 to honour fiction that contributes to the awareness, understanding and supports the universality of human rights. This unique initiative is awarded annually, as chosen by a panel of judges whose own work focuses on human rights. The inaugural 2017 Moore Prize (short list: here) was awarded to Anjan Sundaram for his non-fiction book titled Bad News.
Read More Prophezeiung Einmal kommt – ich habe Zeichen – Sterbesturm aus fernem Norden. Überall stinkt es nach Leichen. Es beginnt das große Morden. Finster wird der Himmelsklumpen, Sturmtod hebt die Klauentatzen: Nieder stürzen alle Lumpen. Mimen bersten. Mädchen platzen. Polternd fallen Pferdeställe. Keine Fliege kann sich retten. Schöne homosexuelle Männer kullern aus den Betten. Rissig werden Häuserwände. Fische faulen in dem Flusse. Alles nimmt sein ekles Ende. Krächzend kippen Omnibusse Alfred Lichtenstein (1889-1914)
Read More Herzlich willkommen zu unserer Novemberausgabe 2017. Wer definiert die Wahrheit? Wer schreibt Geschichte? Und was tun all die andern? Unser USA-Korrespondent Thomas Adcock leuchtet in die Finsternis im Trump-Land, Sonja Hartl macht bei der ARD und den neuen „Tatort“-Richtlinen „Die Angst vor Experimenten“ aus und verteilt ein kräftiges KickAss. „Der Mordida-Mann“ von Ross Thomas ist eines seiner schwärzesten Bücher, wir präsentieren Ihnen einen Auszug (Vorsicht: brutal!) und dazu eine Rezension von Thomas Wörtche. Katja Bohnet hat Tom Franklins „Smonk“ gelesen, es war wüste und heftige, aber tolle Lektüre. Die bei
Read More Autumn in America, and comes now a bumper crop of bullet-ridden corpses and exposés of child rape and long-ignored lechery—accompanied by sanctimonious sympathy, a mountain of mendacity, and a horde of hypocrisy. Consider: Bang-bang and ho-hum. Machine gun massacres in October and the first part of November, in Nevada and Texas, yielded a body count of eighty-five. The carnage inspired the usual gang of cheap Washington politicians to offer “thoughts and prayers” to families mourning the loss of victims gone to Heaven (or Hell)—in lieu of common sense legislative action
Read More Die Angst vor Experimenten Von Sonja Hartl Nun haben sie es wieder geschafft, die Miesepeter und Mittelmaßsucher, die am Sonntagabend bloß nicht in ihrer Routine gestört werden wollen. Sie haben es geschafft, weil es in der ARD an Rückgrat mangelt, an dem Willen einfach mal zu sagen, dass ihnen die Quote egal sei, denn sie sind ein gebührenfinanzierter Verein. Aber nein, das fällt dort niemandem ein – ist es noch nie und wird es wohl auch nicht. Da hatte ich angesichts einiger hervorragender „Tatort“-Folgen in diesem Jahr tatsächlich Hoffnung, dass
Read More »Bringt ihr mich jetzt bitte um?« Sie waren zu viert in dem feuchtkalten Keller des alten verbarrikadierten Hauses in der kurzen Straße in Hammersmith. Zwei Männer und zwei Frauen. Die anderen Häuser auf beiden Straßenseiten waren auch verbarrikadiert und standen leer, auf die Abrißbirne wartend, die mittlerweile drei Wochen überfällig war. Der Keller roch nach toter Katze. Eine der Frauen war fast nackt ausgezogen und mit gelbem Isolierdraht an einen schweren Eßzimmerstuhl gefesselt worden. Sie hieß Maria Luisa de la Cova, und sie war eine vierunddreißig Jahre alte Venezolanerin. Sie
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