
Über ein ganzes Jahrhundert hinweg erzählt
Eine Besprechung von Susanne Konrad
Eine fulminante Zeitreise durchs 20. Jahrhundert liefert uns die Autorin Miriam Carbe mit ihrem Buch „Unerwünschte Töchter“. Ein wahres Epos hat sie geschaffen, und das meine ich ernst. Stoff des Romans sind die Schicksale ihrer Vorfahrinnen bis hin zu ihr selbst: Ein Trauma wird von Generation zu Generation weitergereicht, nämlich der Umstand, als Tochter ungewollt geboren zu sein. Margarethe Weber wächst in großbürgerlichen Verhältnissen vor dem ersten Weltkrieg auf, aber die Familie verliert durch die Kriegswirren an Vermögen und Ansehen. Margarethes Mann Felix Grundmann fällt schon bald im Krieg und sie heiratet wesentlich später seinen jüngeren Bruder. Ihre Tochter Marianne erfährt nicht, dass Karl nicht ihr leiblicher Vater ist. Sie ist ihr Leben lang wie eine Getriebene. Sie wechselt ständig die Jobs. Ihr einziges Kontinuum ist, dass sie gerne malt. Aber sie bleibt eine Dilettantin. Marianne hat Pech mit Männern. Bei dem Offizier Alfred Carbe wäre sie gern geblieben, doch er scheut vor der Verbindlichkeit einer Eheschließung zurück, weil er noch eine weitere Beziehung hat. Monika wird 1945 geboren. Marianne hat nur eine Bescheinigung von Alfred, die ihr erlaubt, den Namen Carbe zu tragen. Alfred ist kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in England gefallen und auch Monika muss ohne Vater aufwachsen – mit allen finanziellen und gesellschaftlichen Imponderabilien.
Miriam Carbe standen umfangreiche Materialien zur Verfügung. Jede ihrer Vorfahrinnen hat Tagebuch geschrieben und die Bücher und Hefte sind der Autorin zugefallen. Aus diesen Informationen, aus Briefen und Gesprächen hat sie den Stoff für ihren Roman akribisch zusammengefügt. Was mich besonders fasziniert, ist, dass die Autorin aus der authentischen Grundlage keine Dokumentation, sondern einen literarischen Text gemacht hat. Und das ist ihr außerordentlich gut gelungen. Die Kapitel haben einen sanften Erzählfluss. Wenn die Handlung mal auf Grund läuft, fügt die Autorin ein reflexives Kapitel als Ich-Erzählerin ein, um im darauffolgenden Kapitel die Handlung wieder weiterfließen zu lassen. Über ein ganzes Jahrhundert hinweg zu erzählen, erfordert weitere Kunstgriffe. Bei jedem Generationswechsel, also wenn ein neues Kind geboren und zum Handlungsträger wird, werden auch Namen geändert. So wird Margarethe, als sie (Monikas) Großmutter wird, zu „Immi“. Marianne wird als (Monikas) Mutter zu „Nanni“. Mit den Generationenverhältnisssen verändern sich ja auch die sozialen Rollen: von der Tochter über die Mutter zur Großmutter. Ich halte es für große Kunst, dass es Miriam Carbe gelungen ist, aus einer Faktenlage einen spannenden Roman zu erschaffen und nicht im Dokumentarischen steckenzubleiben.
Carbe verwendet kaum Jahreszahlen und Altersangaben, um ihren Text nicht formalistisch werden zu lassen. Stattdessen streift sie die historischen Ereignisse auf eine dezente Art und Weise, die dem Leser eine sanfte Orientierung geben, in welcher Phase der deutschen Geschichte er sich gerade befindet. Denn es geht hier nicht um das Zeitverständnis der Geschichtsbücher, sondern um das Zeiterleben der Protagonistinnen. So gewährt Miriam Carbe einen weit gefächerten Einblick in die Lebensweise, Sprache und in die Sitten des zwanzigsten Jahrhunderts, ja, in deren ganze Entwicklung zwischen 1910 und 1968. Das reicht bis zur Sprachsensibilität für die Ausdrucksweisen der jeweiligen Zeit.
„Unerwünschte Töchter“ ist aber auch ein Muss für Menschen, die sich für den Erhalt der Demokratie und gegen den Rassismus einsetzen. Miriam Carbe greift hierfür zu mutigen Perspektivwechseln. Immer wieder gibt es Szenen, in denen Romancharaktere rechtslastige Denkmuster verlautbaren, aber gerade das weckt beim Lesen die Gegenposition, jedenfalls bei mir. Der Roman ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Rassismus und gegen die Unterdrückung demokratischer Strukturen.
Der Rassismus gegenüber Schwarzen ist ebenfalls ein Leitmotiv im Roman. Vor dem Ersten Weltkrieg war Margarethes Schwester Ada mit ihren Kindern nach Afrika gegangen. Ihre Tochter Elisabeth verliebte sich in einen Schwarzen, was natürlich jenseits aller Konvention war, und wurde ohne ihre Familie nach Deutschland geschickt. Sie wurde psychisch krank und kam in eine sogenannte Irrenanstalt. Hier starb sie unter der Euthanasie des Naziregimes. Jahrzehnte später verliebt sich Monika in einen Nigerianer. Man sollte meinen, dass die Welt jetzt liberaler ist, aber auch dieses Paar wird nicht akzeptiert. Sie bekommen ein Kind, und dieses Kind ist Miriam Carbe. In dem noch immer stark rassistischen Klima der 1960er Jahre haben Monika und Akang keine Chance auf eine gemeinsame Zukunft. Monika zieht Miriam allein auf – wieder eine überforderte Mutter mit einer unerwünschten Tochter.
Ich bin von dem Roman „Unerwünschte Töchter“ mehr als begeistert, ja überwältigt. Und jetzt kommt das Aber. Miriam Carbes Ausführungen enden mit ihrer eigenen Geburt, also dem Jahr 1967, als Monika 22 Jahre alt war. Monika wird als ein schwieriges Kind beschrieben, übergewichtig und introvertiert, das schon früh sexuelle Sehnsüchte hat, die aber unerfüllt bleiben. Ihr einziger Trost sind ihre guten Leistungen im Deutschunterricht und ihr Wunsch, einmal etwas Besonderes zu werden, vielleicht Schriftstellerin. In der Postpubertät wird Monika psychisch krank und muss in die Psychiatrie. So deutlich die Autorin den Rassismus und die soziale Ungleichheit anprangert, so scheu bleibt sie der psychischen Krankheit gegenüber, bleibt befremdet und zugleich involviert, weil die Störungen bei ihrer Mutter auch deren müttlerliche Liebe negativ beeinflusst haben. Dieser Schmerz und der nachträgliche Ärger über die Mutter beeinträchtigen die erzählerische Distanz, die in ersten Romanteilen so wunderbar gelungen ist. Miriam Carbe hat Margarethe und Marianne mit Pastellfarben gemalt, aber bei Monika sind die Farben schroff und dunkel.
Was ich vermisse, ist die Würdigung von Monika Carbes Lebensleistung. Richtig, sie war depressiv, sie war phasenweise psychisch krank, aber es ist ihr doch gelungen, ihre Erfahrungen mit Rassismus und Desintegration zu transformieren, indem sie eindringliche Veranstaltungen zur Literatur der Migration machte, als noch keiner davon sprach. Sie schrieb selbst und erfüllte sich mit zwei Romanen ihren Schriftstellerwunsch. Vor allem publizierte sie zahlreiche Artikel über den türkischen Schriftsteller Nazim Hikmet und andere Autoren. Sie übersetzte deren Werke und hielt Vorträge über die türkische Literatur.
Ich hätte Dr. Monika Carbe einen würdevolleren Nachruhm gewünscht, als das Buch ihrer Tochter ihn hervorruft. Gerade wenn man weiß, dass Monika als Schriftstellerin und Intellektuelle respektiert werden wollte – als Ausgleich für die zahlreichen Demütigungen in ihrem Leben. Die Darstellung Monika Carbes, die mit dem Beginn ihrer Mutterschaft endet, wirft für mich einen Schatten auf das sonst herausragende Buch. Natürlich kann man auch das Romanende als einen Kunstgriff würdigen. Das offene Ende und die Nichtoffenbarung der eigenen Lebensgeschichte der Autorin führen das Biografische zurück ins Reich der literarischen Ästhetik.
Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter. Hanser Verlag, München 2026. 573 Seiten, 26 Euro.
Anm. d. Red.: Die Besprechung wurde bereits Ende Juli 2026 geschrieben, wegen des Auswahlverfahrens zum Deutschen Buchpreis aber zurückgehalten. Zur Internetseite von Susanne Konrad geht es hier.










