
Nachruf auf Cees Noteboom
Ein Farewell von Katharina Borchardt
Gestern noch hatte sich Herman Mussert zuhause in Amsterdam schlafen gelegt, aufgewacht aber ist er morgens in einem Hotelzimmer in Lissabon. „Ich war mit dem lächerlichen Gefühl wach geworden, ich sei vielleicht tot“, vermerkt der traumverwirrte Altphilologe daher gleich zu Beginn von „Die folgende Geschichte“. Mit diesem Roman wurde Cees Nooteboom bei uns berühmt. Darin wird Mussert nach komplizierten Liebesverwicklungen und längeren Klassikerlektüren am Ende auf eine unwirkliche Lethe-Fahrt geschickt. Während dieser letzten aller Fahrten soll er seine Lebensgeschichte erzählen, weswegen er auf den Beginn des Romans verweist, der genau diese ja bereits ist.
Ein Roman, der im Kreis erzählt ist und niemals an sein Ende kommt. Cees Nooteboom liebte traumverschlungene Konstruktionen wie diese, in denen Alltagslogik ausgehebelt wird und Zeit ihre Linearität verliert. „Wir werden spüren, wie es durch die Ritzen des Kausalgebäudes zieht“, warnt Mussert den Leser daher schon recht bald. Der Roman wurde ein Bestseller, nachdem Marcel Reich-Ranicki ihn 1991 gelesen und im „Literarischen Quartett“ als „eines der wichtigsten Bücher, vielleicht das wichtigste, das ich in diesem Jahr gelesen habe“, angepriesen hatte. Er bedauerte ausdrücklich, „die bisherigen Bücher von Nooteboom alle übersehen und nicht gelesen“ zu haben. So ging es vielen, die nach der Sendung anfingen, sich die Bücher des Spätentdeckten zu besorgen. Der war damals längst kein Debütant mehr. Er war bereits 58 Jahre alt.
Geboren wurde er am 31. Juli 1933 in Den Haag unter dem langen katholischen Vornamen Cornelis Johannes Jacobus Maria. Kurz: Cees. Als Kind erlebte er den Zweiten Weltkrieg. „Die ersten Deutschen, die ich in meinem Leben sah, fielen vom Himmel“, erinnerte er sich 2008 anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin an die Fallschirmspringer der Wehrmacht. Andere „rückten über Land an, in langen, grauen Reihen. Ich war sechs Jahre alt und stand neben meinem Vater, Hand in Hand.“ Der Krieg war ein einschneidendes Erlebnis, und er sorgte dafür, dass Cees Nooteboom alles vergaß, was vorher geschehen war. Wo sind die Erinnerungen, wenn wir ihrer nicht mehr habhaft werden können? Diese Frage durchzieht Nootebooms ganzes Werk. Es könne sein, sagte er an der FU Berlin, dass sein Schreiben „an jenem Tag begonnen hat“.
1945 kam sein Vater bei einem Luftangriff der Alliierten in Den Haag ums Leben. Trotzdem – und das verblüfft bis heute – hat Nooteboom den Krieg in seinen Büchern zwar gelegentlich gestreift, vor allem in seinem Berlin-Roman „Allerseelen“, aber niemals so ins Zentrum gerückt, wie es andere niederländische Autoren seiner Generation taten. Harry Mulisch zum Beispiel, der zusammen mit Willem Frederik Hermans und Gerard Reve zu den „Großen Drei“ der niederländischen Nachkriegsliteratur gehörte.
Cees Nooteboom zählte ausdrücklich nicht dazu. Nach „Philip und die anderen“ (1955, dt. 1958) und „Der Ritter ist gestorben“ (1963, dt. 1996) publizierte er mit „Rituale“ erst 1980 (dt. 1985) wieder einen Roman. Siebzehn Jahre kein Roman! Stattdessen schrieb er Gedichte und unzählige Reiseberichte, die teils in Hochglanzmagazinen erschienen, was der niederländische Literaturbetrieb ein wenig naserümpfend zur Kenntnis nahm. Zudem machte Nooteboom sich rar. Schon als junger Mann, schrieb er einmal in einem seiner Essays, habe er sich „an der belgischen Grenze an den Straßenrand gestellt und den Daumen hochgestreckt; und damit habe ich eigentlich nie mehr aufgehört.“

Tatsächlich war er sein ganzes Leben lang unterwegs – trotz seines ansehnlichen Hauses am Amsterdamer Grachtengürtel. Auf seiner umfangreichen Website findet man eine Weltkarte, auf der alle Orte markiert sind, die er in seinen Werken beschrieben hat. Bolivien, Tonga, Iran? Nooteboom was here! Auch als sich sein Reiseradius im hohen Alter verringerte, verbrachte er die Winter noch immer gern im Allgäu und die Sommer in seinem Haus auf Menorca, von dem auch sein Inselbuch „533 Tage“ berichtet. Dieser späte Erinnerungsband lag ihm besonders am Herzen, auch wenn er in Deutschland weniger intensiv wahrgenommen wurde als seine Romane. Vielleicht weil sich deutsche Leser nicht vorstellen mochten, dass ein anderes Land Cees Nooteboom mehr bedeutete als Deutschland. Schließlich sprach er hervorragend Deutsch, las bei uns vor ausverkauften Sälen und feierte hier auch ökonomisch seine größten Erfolge.
Als einzigem ausländischen Autor spendierte der Suhrkamp-Verlag ihm eine Gesamtausgabe seiner Werke. Dafür spürte Herausgeberin Susanne Schaber jeden noch so kurzen seiner Texte auf und ließ ihn ins Deutsche übertragen. Zudem ist es just sein Porträt, das der Metzler-Verlag auf das Cover der „Niederländischen Literaturgeschichte“ setzte, was einige seiner Landsleute durchaus irritierte, waren seine dem Magischen zugeneigten Texte nicht wirklich typisch für den in der niederländischen Literatur vorherrschenden Realismus. Zudem war dieser so genannte Repräsentant viel zu selten in Holland anzutreffen.

Woher diese Reiselust? Oder war es ererbte Unruhe? Während des Kriegs zogen seine Eltern acht Mal um, bevor sie sich trennten und der junge Cees teils bei der Mutter, teils beim Vater lebte, später sogar bei einer Pflegefamilie. Viermal wurde er zudem der Schule verwiesen, so dass er keinen Schulabschluss erlangte. Wenn man so aufwächst, „geschieht etwas mit einem“, sagte Nooteboom sehr viel später in einem Interview: „Vielleicht reist man dann sein Leben lang. Das muss doch irgendwoher kommen.“ Wobei sein Reisen sehr viel mehr war als ein hartnäckiges Verhaltensmuster aus der Jugend. Es bekam in seinen Büchern den Charakter einer geradezu spirituellen Suchbewegung.
„Ich bin ein Einmannkloster“, ließ Cees Nooteboom seinen Erzähler Arthur Daane in „Allerseelen“ sagen. Und das galt sicherlich auch für ihn selbst. Dabei mag der Katholizismus vielleicht sogar mehr kunsthistorische denn spirituelle Bedeutung für ihn gehabt haben. Stets betonte er, wie sehr er ein europäischer Autor sei, der sich in seinen Büchern mit christlicher Kunstgeschichte, griechischen Mythen, venezianischer Architektur oder spanischer Literatur auseinandersetzt. Ganz neu affiziert war er hingegen vom Buddhismus, dem er sich über mehrere Jahrzehnte immer wieder in Romanen und Reisereportagen näherte. Gemeinsam mit der Fotografin Simone Sassen, mit der er bereits fast vierzig Jahre lang zusammen war, bevor er sie 2016 im Alter von 83 Jahren heiratete, gestaltete er mehrere Bücher, darunter auch sein Hauptwerk zu Japan: einen umfangreichen Bild-Text-Band über den 33-Tempel-Pilgerweg „Saigoku“.

Dieser Weg ist der Göttin Kannon gewidmet, die für ihre Güte und ihr Mitgefühl in ganz Ostasien verehrt wird. Vielleicht ist auch sie eine dieser oft zur Unkenntlichkeit idealisierten Frauenfiguren bei Nooteboom. Denn es geht ihm oft um Zugehörigkeit, vielleicht sogar Geborgenheit, die viele seiner notorisch alleinstehenden Figuren ersehen und doch nicht erlangen. „Er war allein. Er wusste nicht, was das war: Familie“, heißt es zum Beispiel recht knapp über Inni Wintrop, Hauptfigur in „Rituale“, seinem erfolgreichsten Roman. Selbst das lyrische Ich in den vielen Gedichten, die er lebenslang schrieb, ist meist für sich, wenn es denn überhaupt ausdrücklich in Erscheinung tritt.
Doch auch wenn Gemeinsamkeit ersehnt wird, so geht die Nooteboomsche Suchbewegung weit darüber hinaus. Was er suchte, hat er selbst nur bildhaft entfaltet. Zwar schrieb er zahlreiche Essays und gab auch gerne Interviews, doch verfasste er keine poetologischen Schriften. Seine Figuren suchen oft nach einer Bewusstheit, in der Vergangenheit und Gegenwart in eins fallen – deswegen spielen Fotos, Kunst und Rituale so eine große Rolle in seinem von Erinnerungen durchzogenen Werk. Es ist die Suche nach einer von Religionen noch stark geprägten, aber nicht mehr gläubigen Aufgehobenheit, die sich bei Nooteboom präsentiert in einem unendlichen Dahinter.

Jetzt ist Cees Nooteboom im Alter von 92 Jahren auf Menorca gestorben. In seinem 2021 erschienen Lyrikband „Abschied“ sah er dem Ende bereits entgegen:
Jetzt zählen meine Füße den Weg, ich weiß es:
Sieh nicht zurück. Meine Schritte messen die Zeit,
ein dunkles Gedicht ohnegleichen, es läuft, wie es
läuft, langsamer geht nicht. Ich will ja noch
allerhand sehen, so wie ich es immer
getan hab. Hoch oben noch immer der Vogel,
der vorgab mitzufliegen, ein letzter Gefährte,
der wusste, wohin ich ging,
er kannte meinen Weg. So viele Wege
bin ich gegangen, stets auf der Suche nach dem,
was ferner liegen müsste, und als ich es
endlich erblickte, verschwand’s wie ein Trugbild
oder erstand als Gedicht.
Cornelis Johannes Jacobus Maria „Cees“ Nooteboom, 31. Juli 1933 – 11. Februar 2026
Seine Internetseite beim Suhrkamp Verlag hier. – Seine eigene Website hier: www.ceesneoteboom.com
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